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Der lange Weg nach Russland

Ein Porsche aus Deutschland, Gewehrzubehör über die Malediven, Ersatzteile via Dubai: Handelsdaten zeigen, wie westliche Waren trotz Sanktionen nach Russland gelangen

Von Alexander Bühler

Das Moskauer Autohaus Boutique Car bietet, der Homepage nach zu urteilen, nur exklusive Autos an: Maybach-­Karossen, schwere Boliden der Mercedes-G-Klasse. Auch SUVs wie der Porsche Cayenne oder Porsche Macan sind gelistet – wie gemacht, um komfortabel durch den Matsch der sibirischen Tundra zu brausen. Es könne aber 30 Tage dauern, bis ein Wunsch erfüllt werden kann, schreibt das Autohaus, bis ein Mercedes des neuesten Jahrgangs, ein Ferrari, ein Lamborghini, ein BMW, ein Land Rover oder auch ein Porsche beschafft sei.

Allesamt Autos, die es in Russland nicht mehr zu kaufen geben dürfte. Denn um den russischen Eliten die Annehmlichkeiten des Westens schwerer zugänglich zu machen, sollten die EU-Sanktionen sie an den empfindlichen Stellen treffen. Ihrer Vorliebe für Luxus etwa, für schnelle, teure Autos. Die Sanktionen galten für wertvolle Autos schon ab März 2022 und wurden ab Juni 2023 noch einmal verschärft, nun gelten sie unabhängig vom Wert des Wagens.

Ob einzelne in Russland angebotene Fahrzeuge unter Verstoß gegen diese Vorschriften dorthin gelangt sind, hängt unter anderem von Fahrzeugtyp, Wert, Ausfuhrzeitpunkt, Lieferweg und dem jeweils verantwortlichen Ausführer ab. Ein Mangel an solchen Luxusautos scheint jedenfalls nicht zu herrschen. Ganz gleich, ob Land Rover oder Porsche, alles kann mit roter Geschenkschleife ausgeliefert werden.

Ein Unternehmen für drei Jahre

Auch in der niederbayerischen Firma SNG Solutions schien man die Begeisterung für Luxusautos zu teilen – in den drei Jahren, in denen das Unternehmen laut der Unternehmensdatenbank North Data bestand.

Das Unternehmen importierte im Jahr 2024 in acht Monaten 17 Autos nach Russland, darunter fünf Mercedes-Benz und je einen Porsche, BMW und Land Rover. Das lässt sich, wie alle Aussagen über Russlandimporte in diesem Artikel, der Handelsdatenbank ImportGenius entnehmen. Die wiederum bezieht ihre Daten vom russischen Zoll.

So lässt sich feststellen, wie gut die Russlandgeschäfte gehen: In Russland ist der Porsche Macan für zwischen 90.000 und 110.000 Euro erhältlich, in Deutschland neu für etwa 68.000 Euro – vor Steuern.

Der deutsche Händler verschiffte die Autos den Importdaten zufolge nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus der Türkei, aus Polen, aus Litauen. Solche Umwege können mögliche Sanktionsbrüche weniger offensichtlich machen. Mittlerweile hat sich SNG Solutions für bankrott erklärt. Damit sinkt die Wahrscheinlichkeit extrem, gerichtlich belangt zu werden – zumal die Eignerin des Unternehmens in Finnland beheimatet ist, nahe der Grenze zu Russland. Stimmt das Bild, das die Daten zeichnen? Die taz hat versucht, die Firma zu erreichen und mit dem Vorwurf zu konfrontieren – bis Re­dak­tions­schluss ohne Reaktion. Ihr Insolvenzverwalter will sich nicht äußern.

Für den Sanktionsexperten Christian von Soest vom Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien ein übliches Bild: „Deswegen gibt es Diskussionen über eine sogenannte Whitelist für Unternehmen, die interne Mechanismen haben, um stärker auf solche Vorgänge zu achten – und wo es nicht zu Sanktionsverletzungen kam.“ Man sollte auch über eine Blacklist sprechen, meint von Soest. „Denn es passiert oft, dass Unternehmen für Scheingeschäfte gegründet werden.“

Ganz anders im Fall von ­Innogun. Hier beteuert der Geschäftsführer, er wisse nicht, wie seine Waren nach Russland gelangt seien, er kenne die beteiligten Firmen nicht. Innogun ist ein Ingenieursbetrieb, ein Präzisionslieferant für jagdtechnisches Zubehör. Etwa Adapter für Zielfernrohre auf Gewehren. Klassische Dual-Use-Waren, die für die Jagd, aber auch an der ukrainischen Front verwendet werden können.

Solche Waren unterliegen der Kontrolle durch das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa). Tatsächlich hätten Prüfer vom Bafa seinen Betrieb untersucht, schreibt der Innogun-Geschäftsführer – und nichts zu bemängeln gehabt. Vielleicht, weil die deutsche Ware ihren russischen Abnehmer über Schleichwege erreichte: Einer der Anlaufpunkte scheint ein kirgisischer Jagdverkäufer zu sein. Allerdings mit Sitz auf Male, der Hauptinsel der Malediven, der Lieblingsurlaubsinsel vermögender Russen. Knapp 50 Kilo der Innogun-Adapter wurden beispielsweise Ende 2024 von hier aus nach Moskau verschifft, zum Unternehmen LLC KLZh. Die russische Firma kennt sich aus mit europäischen und amerikanischen Sanktionen – und damit, wie man diese umgeht. Auch bei anderen Waren, die die LLC KLZh anbietet wie Taschenmesser aus den USA oder Gewehrstative aus Dänemark.

Dazu befragt antwortet das Bafa schlicht: „Im Rahmen des Genehmigungsverfahrens prüft das Bafa jeden einzelnen Antrag sorgfältig auf die beabsichtigte konkrete Nutzung des Ausfuhrguts beim Endverwender im Empfängerland.“

Die deutsch-schweizerische Firmengruppe Liebherr gehört zum Feinsten, was die deutsche Maschinenbauindustrie zu bieten hat. Ihre Bagger, Kräne und Schwerlastmaschinen werden weltweit eingesetzt. Im aktuellen Geschäftsbericht 2025 steht auch: „Aufgrund der gegen Russland verhängten Sanktionen führt die Firmengruppe ihre Geschäftsaktivitäten in Russland in eingeschränkter Form und unter Berücksichtigung der jeweils anwendbaren Sanktionsregelungen fort.“ Eine Einschränkung, die der Beliebtheit der deutschen Firma keinen Abbruch tut. Im Netz finden sich Videoclips der großen Maschinen überall in Russland. Sie heben Eisenträger, Silos, Brücken oder schwere Frachtcontainer. Etwa auf der ukrainischen Krim unter russischer Besatzung, wo solche Geräte für den Bau militärischer Infrastruktur genutzt werden. Dort gelten seit der Invasion 2014 EU-Sanktionen.

Anhand der Videos lässt sich nicht feststellen, wie und wann diese Geräte nach Russland gelangt sind. Etliche sind alt und dürften nicht unter die Sanktionen fallen, andere sind augenscheinlich neuer – und müssten zumindest zur Wartung immer wieder Originalteile benötigen.Viele dieser Ersatzteile gelten als Hochtechnologiegüter und stehen auf der Sank­tions­lis­te. Sie dürfen nicht nach Russland versandt werden.

Beispiel Liebherr

Sie gelangen über Umwege dorthin: In der Datenbank ImportGenius finden sich mindestens 45 Einträge zu Lieferungen von angeblichen Liebherr-Teilen nach Russland aus Thailand, der Türkei, Kirgisistan oder China, die über einen Händler aus Dubai nach Russland importiert werden. Wer liefert aus Deutschland? Gut möglich, dass Liebherr selbst nichts davon weiß. Der Hersteller verkauft an Händler, die die Geräte und Ersatzteile weiterverkaufen. Darüber gibt es wenige verfügbare Daten. In acht Einträgen auf Importgenius erscheint ein nicht konkret benannter Händler aus Rheda-Wiedenbrück.

Die taz hat Liebherr gefragt, ob und wie sich das Unternehmen gegen einen solchen Missbrauch seiner Produkte schützt – wozu es nicht juristisch, höchstens moralisch verpflichtet wäre. Bis Redaktionsschluss gab es keine Reaktion.

Drei Beispiele für Sanktionen, die nicht beachtet oder umgangen werden – oder bei denen die Kontrollmechanismen versagen. Drei Beispiele von Hunderten, allein in Deutschland. Niemand weiß, wie viele Fälle es europaweit gibt, welche Schlupflöcher in den einzelnen Mitgliedstaaten bestehen. Die Sanktionen müssen immer wieder nachreguliert werden. Ihre Einhaltung könnte man einfach kontrollieren – über Handelsdatenbanken wie ImportGenius. Dort lässt sich schnell feststellen, welche Güter über Schleichwege nach Russland kommen.

Für den Grünen-Bundestagsabgeordneten Anton Hofreiter sind die Probleme bei der Durchsetzung der Sanktionen deutlich erkennbar. „Auch weil immer mehr Transporte kritischer Güter über Länder gehen wie zum Beispiel Kirgistan oder Kasachstan“, sagt Hofreiter.

Doch allgemein fehle zur Durchsetzung der Sanktionen vor allem eines, sagt er: der politische Wille zu strengeren Kontrollen.