: Der See ruht
Der Sommer am Helenesee bei Frankfurt (Oder) könnte so schön sein – wenn man da auch baden dürfte. Seit fünf Jahren aber ist der See gesperrt. Wann er wieder eröffnet werden kann, ist unklar
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Aus Frankfurt (Oder) Tilman Baumgärtel
Der Sand unter den Füßen bewegt sich Richtung Seeufer. Das ist das Erste, das man bemerkt. Es fühlt sich an, als stehe man auf einem riesigen Teppich und werde mit ihm zusammen ins Wasser gezogen. Das geht so rapide und mit so viel Wucht, dass man nicht schnell genug in die Gegenrichtung laufen kann, um sich zu retten. Zusammen mit dem Sand rutscht man ins Wasser, das nahe am Ufer noch relativ flach ist. Aber nach zehn, zwanzig Metern geht es jäh nach unten. Der Seeboden fällt ab wie ein Steilhang, der er tatsächlich einmal war.
Wer in eine solche Rutschung gerät, wird von tonnenschweren Massen aus Sand und Wasser erfasst. Unter Wasser nimmt einem die wirbelnde Masse jede Orientierung; der nasse Sand kann den Körper festhalten, Mund und Nase verschließen oder den Brustkorb so einengen, dass kein Atemzug mehr möglich ist. Auch gute Schwimmer haben dann kaum eine Chance: Wer in einen solchen Strudel gerät, kann in die Tiefe gezogen und unter dem abrutschenden Sand begraben werden. Die Wasseroberfläche könnte dabei sogar recht ruhig erscheinen, während sich unter Wasser ein Todeskampf abspielt. Wer in so einen Strudel hineingerät, wird sehr wahrscheinlich in ein kühles Grab auf dem Seeboden gezogen.
Wenn man sich den Helenesee an einem sonnigen Wochentag Ende August ansieht, würde man kaum glauben, wie gefährlich ein Bad dort sein kann. Der Sandstrand wirkt solide. Ein paar Dutzend Badegäste verteilen sich über mehrere hundert Meter Strand: einige FKK-Jünger im Rentenalter, die an ihrer Haselnussbräune arbeiten. Zwei Teenagerpärchen beschäftigen sich mit einem Karton Kleiner Feigling. Einige Bewohner des Asylbewerberheims im einstigen Halbleiterwerk von Frankfurt (Oder) sind da, und eine Familie mit Kleinkindern hat sich mit Sonnenschirm und Schwimmtieren neben einem halb verfallenen Holzpodest ausgebreitet und lutscht im Schatten Wassereis.
Sollte jetzt die Böschung abrutschen, würden wohl einige dieser Menschen innerhalb von wenigen Minuten für immer unter Wasser verschwinden. „Aber hier ist ja seit fünf Jahren nüscht passiert“, sagt André, 72, Nachname tut nichts zur Sache. Er sitzt nur mit einem Strohhut bekleidet auf einem Handtuch, blinzelt in die Sonne und denkt gar nicht daran, hier seinen Platz zu räumen, weil der Strand offiziell gesperrt ist.
Vor fünf Jahren aber ist eben schon etwas passiert. Am 9. März 2021 löste sich am östlichen Nordufer des Helenesees – nicht weit von dort, wo heute André auf seinem Handtuch sitzt – der sandige Untergrund auf einer Länge von 27 Metern. Mindestens 500 Kubikmeter Sand rutschten in den ehemaligen Tagebau hinab und rissen einen Zaun mit sich. Zurück blieb ein dunkler Kessel am Strand.
Menschen kamen zum Glück nicht zu Schaden – weil im März halt niemand am Badesee ist. Am 21. Mai folgte wegen der Gefahr weiterer „Rutschungsereignisse“ – wie das in der Fachsprache heißt – die Sperrung des gesamten Nord- und Westufers. Die übrigen Ufer waren schon vorher geschlossen. Und seither hat Frankfurt (Oder) keinen Badesee mehr. Seit mehr als einem halben Jahrzehnt.
So lange steht nun schon rund um den gesamten See entlang seiner etwa sechs Kilometer Uferlänge ein Bauzaun. Durch seine Drahtmaschen kann man an schönen Sommertagen sehen, wie das blaue Wasser in der Sonne schimmert. Doch in regelmäßigen Abständen hängen am Zaun Schilder, auf denen steht: „Sperrbereich. Betreten verboten. Lebensgefahr.“ Wer hier badet, weiß, was er tut.
Am Morgen ist der Zaun noch geschlossen
Aber irgendjemand in der Gegend muss einen Schraubenschlüssel haben, mit dem sich die Verbindungsschellen des Bauzauns lösen lassen. Jeden Morgen ist der Zaun geschlossen, doch irgendwann im Lauf des Tages klafft zwischen zwei Gitterelementen ein Spalt, durch den sich im Sommer täglich ein paar Dutzend Badegäste zum Strand schleichen. An Wochenenden sind es mehr. Dann tauchen Security-Männer des Pächters auf und erklären, dass das Baden gefährlich und verboten ist.
„Der See ruht“, witzelt André Benedict Prusa, der Baudezernent von Frankfurt (Oder). Der Helenesee gehört zu seinem Aufgabengebiet, und es ist sicher keine angenehme Aufgabe: Wer möchte schon dafür verantwortlich sein, den knapp 60.000 Bewohnern seiner Stadt über Jahre den einzigen Badesee in der Gegend vorzuenthalten?
Und Prusa weiß auch, dass „die schöne Helene“, wie manche den See nennen, nicht einfach nur irgendeine Bademöglichkeit ist: „Mit dem See verbinden die meisten Frankfurter ein Stück ihrer eigenen Lebensgeschichte. Zu DDR-Zeiten kamen viele über ihre Betriebe zum Sommerurlaub hierhin oder mit den Eltern. Da hat man Schwimmen gelernt, romantische Sonnenuntergänge erlebt oder seinen ersten Kuss bekommen.“
Wie viele andere Badeseen in den neuen Bundesländern war auch der Helenesee früher eine Tagebaugrube, in der die Braunkohle abgebaut wurde, nach der die ganze DDR roch. Nachdem der Kohleabbau im Revier Brieskow-Finkenheerd Ende der fünfziger Jahre vollständig eingestellt worden war, ließ man die Helenegrube und die nahe gelegene Katjagrube mit Grundwasser volllaufen.
Am 28. März 1958 verließ der letzte Kohlenwagen den Tagebau. Danach wurden die Pumpen abgestellt, das Grundwasser kehrte zurück und füllte das Restloch. Der Frankfurter Naturschützer Wilhelm Neumann erkannte früh, was daraus werden könnte: ein Naherholungsgebiet und der größte Badesee der Gegend. Aus der „düsteren Schönen“ sollte eine „kleine Ostsee“ werden.
1960 wurde das Gelände zum Landschaftsschutzgebiet erklärt. Im April 1964 erreichte das steigende Grundwasser den rund einen Kilometer langen Durchstich zwischen den beiden ehemaligen Gruben. Seitdem sind Helene- und Katjasee durch einen schmalen Kanal miteinander verbunden, den die Frankfurter aus unerfindlichen Gründen „Kongo“ nennen. 1966 hatte der Helenesee seinen heutigen Wasserstand erreicht. Nun entstanden Strände, Bungalows, Campingplätze, Gaststätten, Sportanlagen und eine Promenade. An die geologische Sicherung des Sees hat zu dieser Zeit niemand gedacht. Und jahrzehntelang ging das gut.
Die Ferienhütten am Helenesee gehörten volkseigenen Betrieben. In den Dachsbergen errichtete der Staatliche Forstwirtschaftsbetrieb Bungalows und Finnhütten; am Oststrand besaß das Eisenhüttenkombinat Ost (EKO) eine Ferienanlage, die bis heute EKO-Siedlung heißt. Auch Mitarbeiter des Halbleiterwerks in Frankfurt bekamen Ferienplätze. Die „Werktätigen“ bewarben sich bei der betrieblichen Ferienkommission um einen Platz und durften mit der Familie für ein oder zwei Wochen einziehen, danach begann der nächste Urlaubsturnus. Dafür gab es einen eigenen Busbahnhof und eine Zugstation im Fichtenwald. Der Helenesee wurde zum massenhaft genutzten Ferien- und Badegebiet. 1968 kamen bereits 140.000 Besucher, zehn Jahre später fast 900.000.
„Tagsüber haben unsere Eltern uns außer zu den Mahlzeiten kaum zu Gesicht bekommen“, erinnert sich Daniel Grabow, der heutige Pächter des Helenesees. „Wir hatten unsere Kindercliquen und waren den ganzen Tag am Strand und im Gelände unterwegs.“ Von Anfang Mai bis Ende September kam die Familie jedes Wochenende an den See. Im Frühjahr wurde das Zelt aufgebaut und blieb für die Saison stehen. „Der Campingplatz war wie ein zweites Zuhause.“
Wenn Daniel Grabow von den Badetagen und den Neptunfesten seiner Jugend erzählt, ist ihm die Begeisterung für den Helenesee noch immer anzumerken. Dabei hat der See ihm als Unternehmer kein Glück gebracht: Seit der Sperrung hat er mit seinem Betrieb sehr viel Geld verloren, so viel, dass es für ihn existenzbedrohend ist.
Die Seen
Ein Badespaß, wo früher die Braunkohle gefördert wurde: Mit diesem Versprechen wurden ehemalige Gruben in den ostdeutschen Revieren geflutet, zum Teil entstanden richtige Seenlandschaften.
Die Risiken
Bei vielen dieser Bergbaufolgeseen bestehen bis heute geotechnische Risiken. Der Helenesee ist da kein Einzelfall. Locker verkippte, wassergesättigte Sande können ihre Festigkeit verlieren, Grundwasseranstieg oder Veränderungen des Wasserstands können Böschungen zusätzlich destabilisieren. Am Concordiasee in Sachsen-Anhalt rutschte 2009 ein Teil der Böschung ab und riss Häuser mit sich, drei Menschen starben. Am Knappensee bei Hoyerswerda in Sachsen kam es 2021 zu einem großen Setzungsfließen, obwohl dort bereits seit Jahren saniert wurde.
Die Sanierung
Im Auftrag von Bund und Ländern saniert die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) die Hinterlassenschaften des DDR-Braunkohlenbergbaus und sichert weiterhin Kippenflächen und Ufer durch Verdichtung, Abflachung und Überwachung.
Mit der Reisefreiheit verlor der Helenesee nach der Wende einen großen Teil seines Publikums, die jährliche Besucherzahl sank von rund 100.000 auf 50.000. Zugleich zerfiel das alte System der Betriebsferienplätze. Die volkseigenen Betriebe zogen sich zurück, verkauften ihre Hütten oder gingen einfach pleite. Nun sollte ein privater Investor den Ferienpark in die Marktwirtschaft führen.
Die Stadt entschied sich für Helmuth Penz, einen Westberliner Bau- und Hotelunternehmer, der in Ostdeutschland mehrere Firmen gründete. In Frankfurt plante er auf dem Gelände des abgerissenen Hotels „Stadt Frankfurt“ eine 160 Millionen Mark teure Einkaufspassage mit Hotel. Übrig blieb zunächst eine große Baugrube, die als „Penzloch“ verspottet wurde.
Am Helenesee versprach Penz 7 Millionen Mark Investitionen in drei Jahren, geplant waren ein Sporthotel und ein Ferienpark. Einige Sanitäranlagen wurden erneuert und Bungalows gebaut, das Sporthotel kam nie. Stattdessen folgten jahrelange Auseinandersetzungen über Pachtverträge, Grundstücke und die Rechte der Hüttenbesitzer und Dauercamper am Helenesee. Misstrauen weckte zudem, dass Penz und der zuständige Wirtschaftsdezernent einander bereits aus der versumpften Westberliner Baubranche kannten. 1999 zog Penz sich aus Frankfurt zurück und erhielt von der Stadt noch eine Entschädigung.
Ende 2000 versuchte es die Stadt mit einer einheimischen Lösung. Mehrere Frankfurter Unternehmer gründeten die Helenesee AG. Auch dieses Modell scheiterte.
Dann übernahm Daniel Grabow 2012 den Betrieb und betreibt seither den Ferienpark am Helenesee langfristig in Erbpacht. Unter ihm kamen wieder mehr Gäste, zunehmend auch aus Berlin. Waren es vorher 25.000 Badegäste in der gesamten Saison, kamen vor Corona immerhin 125.000 und es gab 60.000 Übernachtungen. An schönen Sommerwochenenden lagerten Tausende am Strand, zahlten Eintritt, aßen und tranken, nahmen Tauchkurse und mieteten Surfbretter.
Erst kam Corona, dann die Sperrung
Der Eventmanager Grabow, der in Frankfurt eine Diskothek betreibt, wollte die immensen Unterhaltskosten der Anlagen am Helenesee durch Musikfestivals und andere Veranstaltungen querfinanzieren. Er brachte die Festivals Skalar und Bucht der Träumer an den Helenesee, ein Yoga-Retreat und ein Oldtimer-Wochenende.
André Benedict Prusa, Bauderzernent von Frankfurt (Oder)
Doch dann kam 2020 Corona. Die Besucher blieben zu Hause oder mussten am Strand im Schachbrettmuster mit ausreichend Abstand sitzen. Und dann brach im März 2021 der Strand ein. Grabow blieb mit einer Ferienanlage ohne ihre wichtigste Attraktion zurück: den See.
Ein Samstagvormittag im Mai in der Aloha Strandbar am Helenesee. Die Sonne scheint, Pappelsamen segeln durch die Luft wie Schneeflocken. Etwa 50 Pächter und Camper sind erschienen, um sich von Daniel Grabow über die neuesten Entwicklungen am Helenesee informieren zu lassen. Und wie jedes Jahr seit einem halben Jahrzehnt muss Grabow sein Publikum, das in Liegestühlen zuhört, um Geduld bitten.
Die Untersuchungen des Sees ziehen sich seit fünf Jahren hin. Zwar ist der Helenesee inzwischen gründlicher untersucht als je zuvor – aber leider mit bedrückendem Ergebnis: 28 Tiefbohrungen, 48 Sondierungen und 1.450 Bodenproben haben bestätigt, dass unter den Stränden lockere, zur Verflüssigung neigende Sande liegen.
Verschärft wird das Problem durch den sinkenden Wasserspiegel, zu dem – wie bei allen Seen in Brandenburg – der Klimawandel beiträgt. Je weiter sich das kristallklare Wasser des Helenesees zurückzieht, desto weniger Druck gibt es auf die steilen Böschungen. Die Ufer verlieren an Halt und können leichter ins Rutschen geraten. Bisher ist aus den Untersuchungen noch kein Bauplan geworden. Für zwei Böschungsabschnitte fehlen erneut Daten, die Sanierungspläne sollen erst Ende 2026 vorliegen. Jahrzehntealte Versäumnisse bei der Sicherung des Tagebaus treffen heute auf Zuständigkeitsstreit, gescheiterte Ausschreibungen und eine Planung, die sich von Gutachten zu Gutachten vorarbeitet.
Gleichzeitig verwandeln sich die Anlagen am Helenesee immer mehr in einen Lost Place. Wurzeln drücken sich durch die Uferpromenade, Schlaglöcher werden größer, Laternen fallen aus. Jahr für Jahr versucht ein anderer Pächter im Restaurant sein Glück, mal mit Schnitzel, mal mit asiatischem Bratreis, zuletzt ein Pizzalieferdienst. Meist schließen die Betriebe noch vor Saisonende, an den gescheiterten Versuch mit der Pizza erinnern nun noch vergilbte Werbeaufsteller, die im ganzen Gelände zurück geblieben sind. Der See, an dem einst Zehntausende den Sommer genossen, ist zu einem stillen, melancholischen Ort geworden.
Foto: Tilman Baumgärtel
Sebastian Fritze, der Präsident des Landesamts für Bergbau, Geologie und Rohstoffe Brandenburg (LBGR) in Cottbus, geht davon aus, dass vor 2029 keine Bauleistungen ausgeschrieben werden. Die Maßnahmen zur Sicherung des Ufers könnten sich dann bis 2032 hinziehen: „Den See vorher zu öffnen, wäre einfach zu riskant.“
Daniel Grabow will seinen Pächtern hingegen eine andere Zukunftsperspektive aufzeigen. Im kommenden Jahr soll am Hauptstrand eine Ponton-Steganlage mit Badeplattform zwischen Rettungsturm und dem ehemaligen Bootsverleih angelegt werden. Wie Prusa, der Baudezernent von Frankfurt (Oder), hofft Grabow, dass der Strand in den kommenden Jahren abschnittweise wieder für Badende freigegeben werden kann, nachdem er stückchenweise saniert und geprüft wurde.
Ein kleiner Teil des Oststrands ist sogar schon wieder geöffnet, wie vor einigen Wochen der RBB meldete. Es handelt sich dabei aber nur um ein paar hundert Meter, die zum größten Teil voller Schilf sind.
Wann wieder wie einst Tausende von Badenden einen Strandtag am Helenesee verbringen können, ist gegenwärtig kaum abzusehen. Wer sich bis dahin durch ein Loch im Zaun an den Strand wagt, muss bis auf Weiteres mit Konfrontationen mit Security-Männern rechnen. Oder versinkt im schlimmsten Fall zusammen mit einem Stück Strand im Helenesee.
Wer in der Gegend ins Wasser möchte, muss im Hallenbad von Frankfurt (Oder) schwimmen gehen. Das Freibad in Słubice auf der anderen Seite der Oder in Polen ist nämlich auch bis auf Weiteres geschlossen.
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