Der Revoluzzerpriester von Genua

Zwischen Himmel und Hafen

Einst waren Seefahrer und Welteroberer die gefeierten Helden von Genua. Heute sind es anarchische Priester und untote Liedermacher.

Blick über die Dächer der Altstadt von Genua. Bild: imago/Joana Kruse

Als Don Andrea Gallo in den Himmel kommt, stellt er Gott eine Frage: „Stimmt es, dass es hier lauter Heilige gibt?“ – „Ja, mein Sohn“, sagt Gott. „Und wo gibt es einen Platz für mich?“, fragt der Mann mit dem Schlapphut und kaut an seiner Zigarre.

Mit dieser Karikatur nahm die römische Tageszeitung Il Manifesto Abschied von Don Gallo, der im vergangenen April gestorben ist. Auf Erden wurde er der Revoluzzerpriester genannt – und er hatte einen festen Platz. Sein Zuhause war Genua.

Sein Stuhl steht noch immer in den baufälligen Gemäuern der Gemeindekirche San Benedetto. Sein Zimmer liegt am Ende eines dunklen Flurs, wo sich Kleidertüten und Spielzeug für die Bedürftigen türmen. In der Pförtnerkabine sitzt ein schnauzbärtiger Partisan und pafft Zigarre – wie sein alter Freund Andrea. Hinter einer knarrenden Tür steht der Holztisch, an dem Don Gallo saß und sich um seine „Familie“ kümmerte.

Diese wächst weiter, auch nach seinem Tod. In der Gemeinschaft San Benedetto bekommen drogenabhängige Jugendliche, deren hohe Zahl in Italien ein nie gelöstes Problem darstellt, ein Heim und eine Aufgabe. Hier finden aber auch alle anderen Hilfe, die Hilfe brauchen: Prostituierte aus dem Hafenviertel, obdachlose Familien und Einwanderer, die eine Zukunft suchen.

Don Gallos „ragazzi“ arbeiten auf den Bauernhöfen der Gemeinschaft und betreiben in Genua ein Geschäft, eine Bücherei und eine Trattoria am Hafen. Die kleine Kirchengemeinde San Benedetto ist das Mutterhaus. Es liegt in einer Seitenstraße hinter dem prunkvollen Bahnhof Piazza Principe.

Die Küche: Sie ist hervorragend und vielfältig. Sie verbindet Erde und Meer, nicht nur im berühmten Pesto, in dem sich ligurisches Basilikum und Meersalz vermischen.

Spezialitäten: Die Palette der Gerichte reicht von der einfachen Farinata, einem Fladen aus Kichererbsenmehl, bis zum Cappon Magro, einem kunstvollen Salat aus Meeresfrüchten, Fisch und Kräutern.

Fischlokal: Täglich frischen Fisch bekommt man in der Trattoria A’Lanterna, die von Don Gallos Gemeinschaft De Benedetto bewirtschaftet wird. Auf der Speisekarte stehen u. a. Pasta mit Tintenfisch, Stockfisch in Tomatensud, Sardinenklößchen und gegrillter Barsch. Das Lokal liegt am Hafen in der Nähe des Fährenterminals. Reservieren ist ratsam, vor allem abends (Via Milano 134, Tel. 00 39 0 10 25 64 25.

Farinata: Nahe dem Porto Antico liegt die Osteria Sa’ Pesta. Hier bekommt man die typische Farinata – in die Hand gedrückt oder an einem der langen Holztische serviert –, aber auch zartes, mit Oliven geschmortes Kaninchen (Via Giustiniani 15r, Tel. 00 39 0 10 2 46 83 36).

Focaccia: Die beste der Stadt gibt es bei der Familie Claretta in den Caruggi. Im Laden steht Tochter Chiara. Am Ofen und an der Teigmaschine, die beide aus den 50er Jahren stammen, arbeiten Vater Piero und seine beiden Söhne. Zum Mitnehmen: die knusprigen Grissini. (Via della Posta Vecchia 12r, Tel. 00 39 0 10 2 47 70 32).

Jetzt steht Don Gallos Schreibtisch leer. In der Schublade liegen die Bibel, das Evangelium und die Schriften von Karl Marx, erzählen die, die ihn gekannt haben. Am anderen Ende des Zimmers sitzt Signora Lilly am Computer. Sie war seine engste Vertraute und hat jetzt verweinte Augen.

„Wie soll es ohne ihn weitergehen?“, fragt sie. Sie versucht auf die Mails zu antworten, die die Website der Gemeinschaft überschwemmen. Es fehlt der gute Geist des „engelhaften Anarchisten“, aber auch das Kommunikationstalent des umtriebigen Priesters, der Kontakt zur Welt hielt und immer Unterstützer für sein Projekt gefunden hat.

Die Wunder des Don Gallo

An seiner Beerdigung hat die ganze Stadt teilgenommen. Ein Kardinal der katholischen Kirche, die ihn zeit seines Lebens drangsaliert hat, wurde ausgebuht. Das hat Signora Lilly nicht gefallen. Sehr gut gefallen hat ihr, dass am Ende auch die anwesenden Transsexuellen gesegnet wurden. „Das sind die Wunder, die Andrea vollbracht hat“, sagt sie. Am Ende sangen alle „Bella Ciao“, und der Bürgermeister sprach den letzten Gruß. Auch der heimische Fußballklub und der Imam der Stadtmoschee waren da. So sind sie, die Genueser. Am Ende halten sie zusammen.

Don Gallo kannten alle. Er war ein Symbol der Stadt wie die Lanterna der Seefahrer unten am Hafen. „Mit ihm durch die Gassen von Genua zu laufen war ein großer Spaß. Alle grüßten und liebten ihn, vor allem die Prostituierten und Transsexuellen“, erzählt ein anderer berühmter Genueser: der Sänger Gino Paoli, auch ein betagter Herr, mit dem Don Gallo vor seinem Tod noch einen Film gedreht hat.

Die Gassen von Genua heißen „caruggi“ und sind manchmal so eng, dass man sich von einem Fenster zum anderen die Hand reichen kann. Sie sind die Adern der Stadt und liegen zwischen der prächtigen Barockstraße Via Garibaldi und dem Hafen, von dem einst Christoph Kolumbus auszog, um Amerika zu entdecken, und wo sich der General Andrea Doria gegen die feindlichen Piraten rüstete.

Die Caruggi des Hafenviertels waren auch das Revier von Fabrizio De André. Die Gassen Genuas waren sein Leben und seine Inspiration. Huren, Totschläger, die Liebe, die Ungerechtigkeit und die immerwährende Sehnsucht nach dem Meer sind die Themen seiner Balladen, die immer noch auf der Hitliste der italienischen Jugendlichen stehen. Sein Freund Don Gallo sagte über ihn: „Seine Lieder hinterlassen unauslöschliche Spuren.“

„Man soll Brot stehlen...“

Der Liedermacher starb vor 15 Jahren. Doch in dem Straßengewirr um die Via del Campo treibt sich sein unruhiger Geist bis heute herum. Er ist überall. Im Klo des kleinen Restaurants Darsena in der Via di Prè kann man gemütlich ein paar Zeilen aus der Ballade „Crêuza de mä“ lesen, die den Hafengassen Genuas und ihren Bewohnern gewidmet ist. Darunter steht groß: Grazie Fabrizio! Auf einer Mauer nahe der Piazza Fossatello hat jemand mit Farbdose einen anderen seiner Sätze gesprüht: „Man soll Brot stehlen, wenn man Hunger hat.“

Alima, die in der Via di Prè Räucherstäbchen und geflochtene Plastiknetze verkauft, versteht den Satz nicht. Sie kommt aus Senegal. Sie und die anderen Afrikanerinnen, die vor den Häusern sitzen, bilden mit ihren farbigen Gewändern und Turbanen eine Art Lichterkette in den dunklen Hafengassen. Auf engstem Raum gibt es afrikanische, arabische und asiatische Metzger. Es duftet mal nach Focaccia, dem berühmten Genueser Pizzabrot, mal nach Curry. In den versteckteren Ecken stehen die Prostituierten, viele aus Südamerika und Osteuropa. Ihre Standplätze sind mit Grafitti an den Häuserwänden gekennzeichnet.

Sie stehen in den Straßen, „wo die Sonne des lieben Gottes nicht strahlt“, so einer der Texte von De André. In manchen ebenerdigen Wohnungen brennt den ganzen Tag das Licht. In schmutzigen Ladenvitrinen liegen vergilbte Weihnachtskugeln – das ganze Jahr. Dazwischen findet man barock verzierte Innenhöfe von Adelspalästen.

Ein Hafen für Touristen

„De André war wie seine Stadt: introvertiert und geheimnisvoll. Genua und die Genueser sind sich ähnlich“, sagt der Architekt Renzo Piano, selbst Genueser und Erbauer der modernen „Waterfront“ am Hafen, die den alten Hafen für Besucher attraktiv machen soll.

Sein Bigo im Porto Antico erinnert an den Hebekran eines Schiffs. Doch statt Kisten schwenken die Arme eine Gondel. Diese bietet einen Panoramablick aus 40 Metern Höhe auf das Meer und auf die Stadt, die die Bucht wie ein Amphitheater umschließt. Zum Bigo gehört auch eine Glaskugel, von den Genuesern Bolla genannt: ein Konstrukt aus Glas und Stahl, in der eine tropische Pflanzenwelt gedeiht.

Daneben steht das Meerwasseraquarium, eines der größten und meistbesuchten Europas. Der Tourismus soll die Einnahmen der kriselnden Schiffsbauindustrie ersetzen. Dafür investiert die Stadt viel. Es gibt neue Architektur und große Kunstausstellungen.

Genua und der G-8-Schock

Es gibt aber auch die Piazza Alimonda im neueren Teil der Stadt, wo die Faschisten unter Mussolini breite Straßen für ihre Aufmärsche gebaut haben. Auf der Piazza Alimonda hat die italienische Polizei während des G-8-Gipfels von 2001 einen jungen Demonstranten erschossen. Am Abend wurden andere auf ihren Schlaflagern zusammengeknüppelt.

Genua wurde Symbol für ein Ereignis, bei dem die Demokratie zu existieren aufgehört hat. Der Schock darüber steckt den Genuesern noch in den Knochen. „Hoffentlich denken sie noch lange daran“, hofft Signora Lilly. Auch Don Andrea hat damals auf der Straße protestiert.

Seit dem G-8-Schock hat sich in Genua viel verändert, auch der Bürgermeister. Der neue ist ein alter Freund von Don Gallo. In seinem Rathaus, dem barocken Palazzo Ducale, darf man Roller fahren und Gitarre spielen. Seit ein paar Monaten werden dort auch Lebensgemeinschaften jeden Geschlechts mit Amtsstempel legalisiert. „Das ist eine gute Nachricht“, kommentierte Don Gallo noch kurz vor seinem Tod. Möglicherweise hat er am Tisch der Heiligen deshalb noch immer keinen Platz bekommen.

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