Der Hausbesuch: Hansjürgen Guck-in-die-Luft

Auf Helgoland betreibt Hansjürgen Köhler eine Ufo-Meldestelle. Polizei, Sternwarten und ESA leiten An­ru­fer an ihn weiter – er forscht nach.

Ein mann schaut durch ein teleskop in den Abendhimmel

Seit fast 50 Jahren beobachtet Hansjürgen Köhler, was am Himmel tanzt Foto: Frank Rumpenhorst/dpa/picture alliance

Meistens ist es einfach ein flackernder Stern. Oder ein Fettfleck auf der Linse. Oder Elon Musk, der mal wieder was ins All geschossen hat. Seit fast 50 Jahren erklärt Hansjürgen Köhler den Menschen, dass sie mit aller Wahrscheinlichkeit kein Ufo gesehen haben.

Draußen: Die Nordsee ist unruhig, Hansjürgen Köhler gelassen. Sturm ist erst dann, wenn die Schafe im Oberland keine Locken mehr haben, sagt man sich auf Helgoland. Mittlerweile spricht Köhler von „unseren Schafen“, dabei ist er noch gar nicht so lange auf der Insel. Und vielleicht der einzige Mannheimer unter den knapp 1.300 Einwohner:innen, seine Herkunft hört man ihm an. Die Hel­go­län­de­r:in­nen seien anfangs reserviert, aber „wenn du dich normal verhältst, Moin sagst, dann beginnt der Schnack, dann ist die Welt in Ordnung“, sagt er. Die 256 Stufen von der Hafenebene ins Oberland nimmt Köhler wie immer zu Fuß, die Touristen stehen mit ihren Trolleys Schlange am Aufzug.

Drinnen: Vor den Häusern wehen die grün-rot-weißen Flaggen im Wind, auch bei Hansjürgen Köhler. Grün ist das Land / rot ist die Kant’ / weiß ist der Sand. Die „Kant’“, das ist die Felsküste im Norden, der Buntsandstein lässt sie rot wirken. Helgoland macht mit seinen Fähnchen ein bisschen auf Königreich, ist aber genau genommen nur eine Gemeinde im Kreis Pinneberg. Eine schmale Treppe führt in Köhlers Dachgeschosswohnung. Nicht viel Platz, aber es reicht. Und wenn er hochschaut, durchs Fenster: der Himmel.

Bruch: „Insel? Da fällt dir die Decke auf den Kopf!“, hatte ihn seine Familie gewarnt. Aber Köhler zögerte nach der Zusage keine Sekunde. 40 Jahre war er Einkäufer in einer Mannheimer Firma gewesen, 2014 ging sie pleite. Mit seinen Kol­le­g:in­nen zog er vors Arbeitsgericht, erklagte sich eine Abfindung. Danach schreibt Köhler monatelang Bewerbungen, „bestimmt 400“. Die dreieinhalb Jahre bis zum Rentenalter möchte er unbedingt voll machen. Die Absagen lesen sich alle gleich: „Bewerbung toll, Zeugnisse tipptopp, aber wir würden die Stelle gerne langfristig besetzen.“

Portrait von Hansjürgen Köhler an seinem Schreibtisch

Sein größter Wunsch? Hat nur wenig mit Außerirdischen zu tun Foto: Leonie Gubela

Neustart: An einem Regentag im Herbst 2016 zwingt er sich, noch eine halbe Stunde die üblichen Portale zu durchforsten, und findet die Anzeige einer Helgoländer Schiffsbedarfsfirma. Dann geht alles ganz schnell. Die dreieinhalb Jahre sind seit anderthalb Jahren vorbei, er ist immer noch da. Es mache ihm Spaß und sie hätten ihn bekniet, noch ein bisschen zu bleiben. Mit Schiffen hatte er nie was zu tun, war als Junge mit Freunden vielleicht mal auf dem Dorfteich segeln. Und was ist mit denen im All? Er lacht. Die stattet sein Arbeitgeber leider nicht aus.

Armstrong und Aldrin: Seine Astronomiebegeisterung begann mit der Mondlandung. Da war er 13, durfte länger wachbleiben, „denn das sei eine Sache, die die Welt verändern wird“, hatte sein Vater gesagt. Auf dem Schulhof gab es kein anderes Thema, selbst im Klassenzimmer drehte sich ein paar Tage alles ums Sonnensystem. In Köhlers Kinderzimmer hängt ab jetzt ein krisseliges Poster der „Apollo 11“, er fängt an, Artikel über Raumfahrt und das All in schweren Ordnern abzuheften. Es ist ein Hobby, nichts weiter. Nach der Schule beginnt er eine kaufmännische Ausbildung.

Blick auf den Bildschirm eines Laptops

Alien oder Sternschnuppe? Köhler klärt auf Foto: Frank Rumpenhorst/dpa/picture alliance

Aliens: Zu der Zeit läuft im ZDF die Science-Fiction-Serie „Invasion von der Wega“. Es geht um Aliens, die in den USA landen und die Weltherrschaft an sich reißen. Sein Azubi-Kollege Werner Walter schaut die Serie auch, in der Kantine diskutieren sie, wie wahrscheinlich das alles wäre. Ob etwas von der Roswell-Legende zu halten ist. Was es mit dem angeblichen Ufo über dem Hamburger Michel auf sich hat. Sie wollen gemeinsam in die Sternwarte gehen.

Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Telefondienst: Dort beobachten sie, dass die Hörer im Empfangsbereich nicht auf der Gabel liegen. „Warum ignoriert ihr die Anrufe?“, fragen sie. Es würde sonst pausenlos klingeln, entgegnen die Mitarbeiter. Menschen beobachteten ja alle naselang etwas am Himmel. „Wir wollen aber forschen, keinen Telefondienst machen“, sollen die vom Planetarium gesagt und den beiden jungen Männern ihre Plätze angeboten haben. Für Walter und Köhler der Moment, in dem sie ihr Wissen endlich unter Beweis stellen dürfen.

Sirius: Einen Nachmittag lang beschwichtigen sie aufgewühlte An­ru­fe­r:in­nen und gehen deren Sichtungen auf den Grund. Köhler erinnert sich an eine Frau, die von einem „in den schönsten Farben flackernden herumhüpfendem Licht“ berichtete, „seit einer Stunde schon, Richtung Westen“. Der Fixstern Sirius, weiß Köhler sofort, der hellste Stern am Nachthimmel, der durch Lichtbrechung in der Atmosphäre aufleuchtet. Auch heute noch, 50 Jahre später, ist der tanzende Stern einer der Hauptgründe, warum sich Menschen bei ihm melden.

Stimuli: Außerdem: „Flugzeuge, Helikopter, Meteore, Wiedereintritt von Raketenteilen und Weltraumschrott, Heißluftballons, Helium-Luftballons, Wetterphänomene wie Kugelblitze, Scheinwerferlicht, das von Wolken reflektiert wird, und natürlich Venus, Jupiter, Saturn und Mars.“ Wenn die in gutem Winkel zur Erde stehen, „dann weißt du genau: Scheibenkleister, das wird ein langer Abend.“ Walter und Köhler macht die Detektivarbeit in der Sternwarte so viel Spaß, dass sie sich professionalisieren wollen. 1976 gründen sie das „Centrale Erforschungsnetz außergewöhnlicher Himmelsphänomene“, kurz Cenap.

SpaceX: 2016 starb Werner Walter, seitdem führt Hansjürgen Köhler Cenap alleine weiter. Schon lange braucht er dafür bloß einen Laptop, den Meldungen geht er mit einer Astronomie-Software nach. Seit drei Jahren macht ihm Elon Musk zu schaffen, dessen Starlink-Raketen bisher fast 2.000 Satelliten im All verteilt haben. Am Nachthimmel hinterlassen sie Dutzende Lichtpunkte, die aussehen wie eine Perlenkette. Über 500 Meldungen bekam Köhler 2021, fast die Hälfte gingen auf Musk zurück. Ihm geht auf die Nerven, was SpaceX da im All veranstaltet, trotzdem kann er gut verstehen, wenn Menschen sich nach Sichtung einer solchen Himmels­perlenkette ganz euphorisiert bei ihm melden. Er weiß: „Man ist dann einfach voll drauf.“

Cape Canaveral: Die jahrelange Ufo-Jagd habe ihn jedoch geerdet, sagt er. Köhler ist Realist, er glaubt nicht, dass er zu Lebzeiten noch Aliens zu Gesicht bekommt. Schon allein, weil er sicher ist, dass die gleich wieder abziehen würden angesichts der Weltlage. Kurz vor Eintritt in die Atmosphäre einen U-Turn machen. Menschheit? Nein danke. Sein größter Wunsch ist im Grunde greifbar, hat mit Außerirdischen wenig zu tun: einmal mit eigenen Augen einem Raketenstart am Cape Canaveral zuschauen. „Bei der ‚Artemis‘ ist es sogar so: Da flieg ich mit!“, sagt er stolz und zeigt die PDF-Datei eines Boardingpasses. Sein Name und die vieler anderer Menschen sind auf einem USB-Stick im Raumschiff verstaut.

Wolkendecken: Seine Kernklientel sind Raucher, die spätabends auf dem Balkon in den Nachthimmel starren. Die stoßen dann entweder direkt auf Hansjürgen Köhler oder werden von Polizei, Planetarium, sogar der Europäischen Raumfahrtbehörde (ESA) an ihn verwiesen. Köhler hat sich einen Namen gemacht, selbst in Norwegen kennt man ihn. Als Forschende von der Inselgruppe Lofoten ein merkwürdiges weißes Gebilde zwischen Polarlichtern entdecken, rufen sie bei der ESA in Darmstadt an und kriegen dort Köhlers Nummer. Der kann ihnen dann sagen, dass eine „Atlas“-Rakete Satelliten über Europa ausgesetzt und im Anschluss eine Bremszündung ausgelöst haben muss. In sternenklaren Nächten lassen sich solche Phänomene gut beobachten, Köhler findet Schietwetter deshalb gar nicht so schlimm. Dann ist die See rau und sein Handy auch mal still.

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