Der Hausbesuch: Sie kämpft sich durch

Hannelore und Lutz Birke wohnen immer schon in Halle (Saale). Ihre Geschichte spiegelt den Alltag in der DDR und den im Deutschland nach der Wende

Ein Mann und eine Frau sitzen auf einem Sofa nebeneinander

Sie halten zusammen: Lutz und Hanne Birke Foto: Christian A. Werner

In einem Ferienlager haben sich Hannelore und Lutz Birke kennengelernt, da waren beide Teenager. Bald wurden sie ein Paar und sind es geblieben. Jetzt schon fast ein halbes Jahrhundert lang.

Draußen: Wer zu den Birkes will, nimmt die Tram 1, Richtung „Frohe Zukunft“. Vom Stadtzentrum aus sind es zehn Minuten. Sie wohnen in einer Mehrfamilienhaussiedlung. Dahinter beginnt der Kleingartenverein „Dessauer Straße“. Hanne Birke winkt vom Balkon aus und weist den Weg zum richtigen Eingang.

Drinnen: An den Wänden im Wohnzimmer hängen Fotos der zwei Enkel, Oskar und Marlon. Hanne Birke deutet auch auf eine bunt bemalte Glasflasche im Regal, „ein Geschenk vom Jüngeren“, sagt sie. „Meine Enkelkinder sind in dieser Wohnung überall.“ Sie steht mit drei vollen Kaffeetassen vor dem gläsernen Couchtisch und stellt sie auf grüne Gummuntersetzer.

Girls Unite“: 

Hanne ist zierlich, klein und hat rotblonde kurze Haare. Zu ihrem Shirt trägt sie eine Trainingshose. Der Schriftzug „Girls Unite“, Mädchen vereinigt euch, zieht sich als Streifen entlang der Seitennaht, „die habe ich aus der Kinderabteilung, ist Größe 164.“ Hannelore Birke ist zehn Jahre nach Kriegsende in Halle (Saale) geboren, sie lebt schon immer in dieser Stadt. Neun Jahre lang ging sie in die Schule, länger wollte sie nicht: „Ich habe meine Eltern angebettelt, aufhören zu dürfen.“ Lieber lernt sie Blumenbinderin.


Gemanagt: Auch Lutz ist Hallenser. Er ging zehn Jahre lang zur Schule. „Danach konnte ich mir meine Stelle fast aussuchen, weil mein Abschluss so gut war.“ Fernmeldetechniker wollte er werden. Und was genau machen die? „Telefonanlagen warten und pflegen“, sagt er. Kurz nach dem Ende seiner Ausbildung musste er zur Nationalen Volksarmee, eineinhalb Jahre Grundwehrdienst, „war Pflicht“. Da war Hanne gerade 20 Jahre alt und schwanger. Der erste Sohn war unterwegs. Nach der Armee will Lutz studieren. „Das war viel: Arbeiten, Studieren und Familie. Das haben wir aber gut gemanagt.“ Während Lutz das erzählt, lehnt sich Hanne kurz an seine Schulter, sieht ihn an, lacht; er reibt sich verlegen die Nase.

Eine Jugendliebe:
 Hanne und Lutz Birke sitzen auf der Couch. Kennengelernt hatten sie sich im Betriebskinderferienheim. Da war sie 13 und er 14 Jahre alt. Danach haben sie sich nie mehr aus den Augen verloren. „Eines Tages stand er plötzlich mit einem Motorrad vor meiner Tür“, Motorrad, das sei damals seine Leidenschaft gewesen. „Ab da waren wir dann zusammen.“

Etwas Neues: Ganz anders als Hanne, die die Jüngste von neun Kindern ist, hat Lutz keine Geschwister. Mit seinen Eltern war Hanne überhaupt zum ersten Mal in ihrem Leben im Urlaub am Meer. Von ihnen bekam sie auch das erste Mal etwas Neues, nichts aus zweiter oder dritter Hand. Als sie ihre Ausbildung abschloss, schenkten sie ihr eine Uhr. „Die habe ich heute immer noch, obwohl sie schon lange nicht mehr funktioniert.“

40 Stunden: 
Kurz vor der Geburt ihres zweiten Kindes kündigt Hanne im Blumenladen. „Ich habe meine Arbeit dort geliebt, aber mit zwei Kindern waren 40 Stunden einfach zu viel, und weniger ging nicht.“ Sorgen, deswegen ganz ohne Arbeit dazustehen, habe sie sich keine gemacht. „Arbeitslosigkeit kannten wir da noch nicht, es war ja DDR-Zeit“, sagt Lutz.


Selbstvertrauen: 
„Nein, das kann ich nicht!“, sagt Hanne, als ihr ein Bekannter einen Job als Bürokauffrau anbietet. Dieser Satz, dieses „Das-kann-ich-nicht“, begleite sie schon ihr ganzes Leben. Hanne vermutet, dass ihre Unsicherheit etwas mit ihrer Kindheit zu tun hat. Als Jüngste mit so vielen älteren Geschwistern seien ihr Entscheidungen oft abgenommen worden. „Ich habe mich schon immer unterschätzt.“ Aber: Erst komme zwar die Panik vor neuen Herausforderungen, dann mache sie es aber doch. So auch in diesem Fall: Trotz ihrer Angst fängt sie im Büro an. Doch wegen Personalabbau nach der Wende wird ihr 1991 gekündigt. Hanne ist arbeitslos oder „zu Hause“, wie die beiden sagen. 


1989:
 Die Wende habe Hanne vor allem am Fernseher mitgekriegt, „ich war nicht so politisch“. Aber gemerkt habe sie es dann schon, weil sie dann arbeitslos wurde. Diese erste Arbeitslosigkeit sei allerdings noch nicht so schlimm gewesen, Hartz IV gab es damals noch nicht. Nach eineinhalb Jahren bekam sie eine neue Stelle als Bürokraft.


Eine von vielen: 
Das Unternehmen geht ein, der Verwalter hat Geld unterschlagen und ist abgehauen. Hanne ist wieder ohne Arbeit. Es geht ihr wie vielen anderen.

Eine Kommonde auf der Familienfotos stehen

Was im Leben zählt. Foto: Christian A. Werner

Kein richtiges Leben: In den ersten zwei Jahren ihrer Arbeitslosigkeit schreibt Hanne viele Bewerbungen. Erfolglos. „Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr. Auf dem Arbeitsamt hat man uns behandelt wie den letzten Dreck.“

Alltag:
 „Auch als ich kein Geld verdient habe, wollte ich finanziell nicht von Lutz abhängig sein“, sagt Hanne. „Ich wollte immer arbeiten. In der DDR haben alle Frauen gearbeitet.“ Einziger Anker in der Zeit seien die Kinder gewesen, Lutz habe sich eher zurückgezogen. Viel haben die beiden damals nicht darüber gesprochen, dass es ihr nicht gut ging, dass sie keine Arbeit fand. Es war Alltag.
 


Sprung ins kalte Wasser:
 Hanne war fast sechs Jahre lang arbeitslos, als Conni, die Frau ihres Neffen, ihr zu einer Stelle in einem großen Buchhandel verhelfen will. Hanne lehnt ab. Sie ist mehr denn je davon überzeugt, dass sie es nicht kann und dass kein Arbeitgeber sie mehr will: „Kann ich nicht, mach ich nicht.“ Conni gibt nicht auf, macht ihr Druck. 14 Tage später fängt sie im Wareneingang an. 



Das Kollektiv:
 
Die erste Woche sei die Hölle gewesen. „Ich habe das Pensum einfach nicht geschafft, und die damalige Chefin hat mich zusammengestaucht.“ Den ganzen Tag habe Hanne geweint. Aber sie hält durch, wechselt vom Wareneingang ins Büro und vom Büro an die Kasse. Die Hauptkasse wird zu ihrem Hoheitsgebiet. Endlich war sie angekommen. Im Buchladen fühlte sie sich wohl. Dort sei man solidarisch, das „Kollektiv“ funktioniere, erzählt Hanne. Sie habe auch privat mit den Kolleginnen sehr gut gekonnt, sie seien auf Konzerte gegangen, hätten Glühwein getrunken auf dem Weihnachtsmarkt. Aber dann, nach fünf Jahren, passiert es erneut: Stellenabbau. „Wer als Letztes gekommen war, musste gehen“, sagt Hanne.


Aufhören ist keine Option: Dieses Mal ist sie zwei Jahre lang arbeitslos. Bis eine Freundin einen Zettel beim Drogeriemarkt Rossmann im Schaufenster hängen sieht und ihr Bescheid sagt. Gleich am nächsten Tag bewirbt sich Hanne, und es klappt. Und obwohl sie jetzt arbeitet, wird ihre Depression wieder schlimmer. Die Chefin sei tyrannisch gewesen, „ich war irgendwann nur noch Haut und Knochen“.

Die Hauptkassiererin: Eines Tages sah ein alter Kollege vom Buchladen sie bei Rossmann an der Kasse. „Er hat gesehen, wie schlecht es mir ging.“ Und er wusste: In dem Buchladen wird eine Kassiererin gesucht, er schlägt Hanne vor. Die neue Chefin kennt Hanne von früher, „sie hat immer an mich geglaubt“. Bis zur Rente arbeitet sie dort als Hauptkassiererin.

Unter Menschen: Auch als Rentnerin arbeitet Hanne weiter, auf 450-Euro-Basis. Bei Lutz war der Weg ebener. Bis er 2016 in Rente ging, hat er 47 Jahre lang gearbeitet. Er war nie länger als zwei Monate „zu Hause“. Er genießt es heute, nicht mehr zur Arbeit gehen zu müssen. Ganz anders Hanne: „Unter Menschen zu sein, ich brauche das.“


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