Der Fortsetzungsroman: Kapitel 16: Mit und ohne Bart

Was bisher geschah: Jenny träumt davon, einen berühmten Filmstar auf der Berlinale zu treffen.

Wo sind bloß die Stars? Bild: dpa

Jenny hatte genug. Seit drei Stunden stand sie sich jetzt schon vor dem Soho House die Beine in den Bauch, aber ER hatte sich nicht blicken lassen. Wahrscheinlich gab es hier einen Nebenausgang, und ein unterirdischer Gang führte direkt zum Kollwitzplatz.

Sie würde jetzt zurück zum Copyshop spazieren und die Ausbeute der letzten beiden Tage bearbeiten. Til Schweiger und Benedict Cumberbatch Arm in Arm, Matt Damon vor der Legoland-Giraffe am Potsdamer Platz, Anne Hathaway vor dem Ritz-Carlton. Die halbe Miete, vielleicht noch ein bisschen mehr. Jenny spazierte die Torstraße zurück zum Kopyshop, wo ihr Laptop stand. Plötzlich erstarrte sie. Es gab keinen Zweifel. ER stand nur wenige Meter vor ihr. ER schien es nicht eilig zu haben. ER trug einen roten Overall.

„Entschuldigung … excuse me, Mr …“

„Gooten Duck, Jenny Fraulein. Eek spräcke Zaire goot Doytsh.“

Jenny bekam weiche Knie. Woher wusste ER ihren Namen? Warum hatte ER einen graumelierten Dreitagesbart, genau wie auf der Autogrammkarte, die sie seit ein paar Tagen vermisste? Auf der Pressekonferenz war ER noch glatt rasiert gewesen. Und wo hatte sie den roten Overall schon einmal gesehen?

„Oh, äh, hallo, das ist ja eine Überraschung … big surprise.“

„Sie sind mir aufgefallen, und mein Agent hat herausgefunden, dass Sie hier arbeiten.“

„Ah, Ihr Agent. Verstehe. Ein findiges Kerlchen. Wie charmant.“ Jenny kicherte nervös und merkte, dass ihre Stimme ein paar Register höher klang als sonst. „Wollen Sie einen privaten Fototermin?“

„Ich will gerne mit Ihnen ausgehen, Jenny Fraulein. Wollen wir zusammen ins Stoberholz gehen?“

„Ins St. Oberholz, ja, warum nicht?“ Im Internet proudly presented von hundert Handy-Wackelkameras. Jenny und ER und ein Zuckerstreuer. Die klassische Dreiecksgeschichte. Sie überquerten gemeinsam die Straße.

„Darf ich Sie auf eine Tasse Nespresso einladen?“, fragte ER, und hakte sich bei Jenny unter.

„Nespresso? Oh, ich glaube nicht, dass sie im St. Oberholz P

„Ich liebe Nespresso. Ich trinke den ganzen Tag Nespresso. Dazu ziehe ich einen schwarzen Anzug an.“

Jenny kicherte wieder. ER hatte Humor. Sie drückte seinen Arm, und ein Kribbeln überzog ihre Kopfhaut, als er ihre Bewegung erwiderte.

Als sie vor ihren Kaffeetassen saßen, sprachen sie nur wenig. Zwei Männer erhoben sich am Nebentisch, Jenny schenkte ihnen keine Beachtung. Aber als sie an ihrem Tisch vorbeikamen, riss sie die Augen auf. Das war Daniel Craig, und hinter ihm lief ER. Glatt rasiert wie auf der Pressekonferenz.

„I think this scene we talked about needs a bit of an overhaul“, sagte Craig. ER nickte Jenny kurz zu, als er sich an ihrem Stuhl vorbeiquetschte. Die Aura, die Lippen, die Präsenz, da gab es keinen Zweifel. Aber wer saß dann mit ihr am Tisch? Jenny musterte ihr Gegenüber, dessen Gesicht mittlerweile die Farbe des Overalls angenommen hatte. Der Overall. – „C2H5OH, bist du das?“

Ein vorsichtiges Nicken war die Antwort.

„Was fällt dir ein, so eine Scheiße mit mir abzuziehen? Ihr seid alle nicht ganz dicht. Erst dieser perverse Phäno, und dann willst du mich ins Bett zu kriegen.“

C2H5OH schüttelte heftig den Kopf: „Auf keinen Fall. Eine völlig absurde Vorstellung. Ich habe das Gespräch zwischen dir und Phäno gehört. Und als du weggelaufen bist, hast du das hier verloren.“ Er nestelte an der Brusttasche seines Overalls herum und reichte ihr die Postkarte. „Ich wollte dir eine Freude machen.“

Jenny sagte: „Das ist sehr lieb von dir C2H5OH. Wirst du jetzt für den Rest deines Lebens so aussehen wie ER?“

„Nein, FP Chi erlaubt das nicht. Er sagt, jemand, der erfolgreich Instantkaffee verkauft, erregt zu viel Aufsehen. Morgen Abend muss mich der Blasierte Bordcomputer wieder zurückmorphoponieren. Es tut mir leid, wenn ich dich hintergangen habe.“ C2H5OH senkte den Kopf.

Jenny verstaute die Postkarte in ihrer Handtasche. Morgen Abend. Viel Zeit war das nicht, aber besser als nichts. „Ist schon in Ordnung, C2. Das war eine richtig süße Idee von dir. Ich bin gar nicht böse. Was hältst du davon, dass wir gemeinsam darauf anstoßen? Mit einem schönen Gläschen Club-Mate?“ Jenny blinzelte.

C2H5OH schüttelte den Kopf. „Nein, du weißt doch, dass wir Blipiden sofort betrunken werden. Betrunken und hemmungslos.“

„Genau. Ich meine: Ach, Unsinn. Einen kleinen Schluck kannst du dir schon genehmigen. Ich hol uns mal ein Fläschchen und zwei Gläser. Der Bart steht dir übrigens.“

„Juckt wie die Hölle“, sagte C2H5OH.

Die aktuelle Folge von Das Kopyshop immer donnerstags am Kiosk im taz.plan der taz.berlin.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de