: „Der Fall sieht derzeit nach Milieu aus“
■ Handgranaten-Attentat: Kripo sagt nichts/ Ex-Rep-Chef Andres erinnert sich
Berlin. Im Fall des Handgranaten-Anschlags spielten die ermittelnden Beamten des Referats für Organisierte Kriminalität (OK) gestern weiterhin mit der Presse Katz und Maus. „Wir ermitteln immer noch in alle Richtungen“, möglich sei sowohl ein politisches Attentat als auch ein Bandenkrieg im Rotlichtmilieu, erklärte Beamter Pielsch. Auf die Frage, warum der Staatsschutz den Fall an das Referat OK abgegeben habe, sagte Pielsch immerhin: Die Sache sehe derzeit „nach Milieu“ aus.
Der Anschlag mit der vermutlich aus einem fahrenden Auto geworfenen Handgranate hatte dem Mercedes des 37jährigen Geschäftsführers eines Sex-Kinos, Frank Schulz, gegolten. Er war mit einem Schock davongekommen. Warum sich in unmittelbarer Nähe des Mercedes ein Zivi-Fahrzeug befand, als die Granate explodierte, hat die Kripo immer noch nicht zufriedenstellend beantwortet. Der Ermittler Pielsch blieb dabei, Schulz habe weder unter Polizeischutz gestanden, noch sei er ein Kronzeuge oder V-Mann: „Solche Behauptungen sind absoluter Blödsinn.“ Der Anschlag weise auch keine Parallelen zu der Tötung des 45jährigen Dieter Jagdmann-Mason, genannt „China- Kalle“, auf, so Pielsch. Der in Zuhälterkreisen aktive, mehrfach vorbestrafte Deutsch-Chinese war ebenso wie Frank Schulz 1989 Mitglied der „Republikaner“ und im vergangenen September im Düppeler Forst durch Schüsse regelrecht hingerichtet worden.
Ob „China-Kalle“ und Schulz in der Unterwelt die gleichen Feinde haben, darüber kann zur Zeit nur spekuliert werden. Verbunden hat die beiden früher mit Sicherheit jedoch eins: eine große Freundschaft zu dem im Herbst 89 gestürzten Berliner Rep-Landesvorsitzenden Bernhard Andres, über den es heißt, er habe sich mit Kriminellen umgeben. Der jetzt in Schleswig- Holstein als Versicherungskaufmann tätige Andres sagte gestern der taz, er habe nur bis zum Sommer 1990 Kontakt mit „China- Kalle“ und Schulz gehabt. „Dann verliert sich die Spur.“ Von dem früher aus der DDR-Haft freigekauften Schulz ist Andres noch der Spruch in Erinnerung geblieben: „Wer die Stasi-Haft überlebt hat, ist hart fürs Leben.“ Daß Schulz ins Rotlichtmilieu abgetaucht sein könnte, kann sich Andres durchaus vorstellen. „Ich war seine Leitfigur und konnte ihn beruhigen, wenn er in Rage war. Als ich weg war, ist für ihn ein Vakuum entstanden.“
Der Kripo-Beamte Pielsch bestätigte gestern, daß Schulz wegen des Verdachts des versuchten Totschlags kürzlich von dem Polizeibeamten Frank Degen verhaftet worden war. Degen war 1989 Rep- Fraktionsvorsitzender. Laut Pielsch gehört Degen einer „Fahndungsgruppe“ an, hat ansonsten aber „nichts“ mit den Ermittlungen im Fall Schulz zu tun. plu
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