Der Ethikrat: Die unerbittlich Positiven

Darf man die Glücklichen langweilig finden oder ist das mäßig gut getarnter Neid? Der Ethikrat ist zu sehr mit sich selbst befasst, um zu helfen.

Ein Mann mit Schnurrbart trägt eine alte österreichische Uniform

Kurz hatte es den Anschein, als schlüge das Herz des Ethikrats für die Donaumonarchie Foto: Christian Bruna/dpa

Kürzlich zog ich eine Postkarte aus dem Briefkasten, mit der mich der Ethikrat zu einem philosophischen Spaziergang einlud. Der Ethikrat besteht aus drei älteren Herren von geringer Größe, die mir gelegentlich Handreichungen in Sachen praktischer Ethik geben. Die Postkarte zeigte eine Schwarz-Weiß-Ansicht der Kaiservilla in Bad Ischl und ich fragte mich, ob der Rat einen geheimen Hang zur Donaumonarchie pflegte. Bislang hätte ich bei ihm Sympathien wahlweise für Anarchie oder Preußen vermutet, aber wer kennt schon das Herz des Ethikrats.

Der Rat hatte als Treffpunkt einen Pavillon im Stadtpark vorgeschlagen und als ich in die Allee einbog, die dorthin führt, sah ich ihn ein paar Schritte vor mir gehen. Eines der beiden Mitglieder, die nie etwas sagten, wandte sich gerade an den Vorsitzenden: „Wir sind bereit, diesen Weg mitzugehen“, sagte es, „aber es sollte eine Perspektive für uns geben.“

„Nun“, begann der Vorsitzende, und ich versuchte sehr, sehr leise zu gehen, denn ich wollte dringend wissen, ob die mangelnde Perspektive das berufliche Fortkommen der beigeordneten Ratsmitglieder betraf oder die ausbleibenden philosophischen Fortschritte von SchülerInnen wie mir. Aber da stolperte ich über einen Ast und der Ethikrat wandte sich zu mir um.

„Fast hätte ich Sie eingeholt“, sagte ich, um irgendetwas zu sagen. „Ich habe mich sehr über die Einladung gefreut. Waren Sie einmal zu Gast in Bad Ischl?“ – „Wir sind gelegentlich Gäste des dortigen Boogie Festivals“, sagte der Ratsvorsitzende, aber er schien nicht gewillt, ausführlicher zu werden. „Spielen Sie selbst ein Instrument?“, fragte ich, denn bislang hatte ich nur weihnachtliches Flöten vom Rat gehört.

„Es ist nie zu spät, neue Wege zu beschreiten“

Zu meiner Überraschung zog einer der Beiräte eine Klaviatur aus Filz aus der Tasche, in der er gewöhnlich eine philosophische Handbibliothek mit sich führte. „Es ist nie zu spät, neue Wege zu beschreiten“, sagte der Beirat und schien im Begriff, die Klaviatur auf der Tasche auszubreiten, aber der Vorsitzende unterbrach ihn: „Dies ist nicht der geeignete Zeitpunkt.“ Er wandte sich zu mir: „Haben Sie eine philosophische Frage mitgebracht?“

Es war deprimierend, den Ethikrat uneins zu sehen, denn seine kollegiale Harmonie hob sich angenehm von meiner ewigen Grämlichkeit ab. Ich hatte auf dem Weg versucht, eine Frage von Format zu finden, aber mein Leben gab derzeit nur ein Panoptikum des Scheiterns her, das nicht einmal eine aufregende Fallhöhe bot.

Es ging damit einher, dass ich die Gesellschaft der unerbittlich Positiven mied, denn die Gespräche mit ihnen endeten in Schweigen oder aber in Potemkin’schen Dörfern von Schönem und Vielversprechendem, das ich zusammenklaubte, um dem Gebirge des Gelingens irgendetwas entgegenzusetzen.

„Tolstoi schrieb, dass sich alle glücklichen Familien ähnelten, nur die unglücklichen unterschieden sich“, sagte ich, um der Frage einen literarischen Unterbau zu verschaffen. Schließlich verstand sich der Ethikrat nicht als therapeutische Aushilfe. „Und ist es nicht so, dass eigentlich nur das Unglück kommunikativ ergiebig ist? Was soll man schon sagen, wenn der andere einem den Fächer seines wunderbaren Lebens entblättert – so etwas wie Rede und Gegenrede, also ein gemeinsames Nachdenken kann es doch nur geben, wenn man sich gemeinsam an einer Frage abarbeitet.“

Den Glücklichen ausweichen

Ich schaute den Ratsvorsitzenden an, aber der beachtete mich nicht, weil er zusah, wie das üblicherweise schweigende Ratsmitglied seine Filzklaviatur auf einer Parkbank ausbreitete. „Meide ich die Glücklichen, weil ich sie beneide oder weil sie langweilig sind?“, hätte ich fragen können, aber die Gleichgültigkeit des Vorsitzenden erbitterte mich.

„Warum ist der Redeanteil in Ihrem Gremium so ungleich verteilt?“, fragte ich stattdessen. „Folgen Sie einer strikten Hierarchie?“. Der Vorsitzende lächelte unergründlich. „Vielleicht wollen Sie den ­Swanee River Boogie vortragen“, sagte er zu seinem Kollegen, und der begann auf der Filzklaviatur zu spielen, während der Vorsitzende mit dem Fuß im Takt wippte.

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ist taz-Redakteurin in Hamburg und schreibt bevorzugt über ökonomisch wertlose Beschäftigungen. Ihr Buch „Warten. Erkundungen eines unge­liebten Zustands“ erschien 2014, „Schlafen. 100 Seiten“ 2019.

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