Der Comic "Molch": Mörder in Wien

Nicolas Mahler und Heinz Wolf haben mit dem Comic "Molch" eine morbide Wiener Kriminalgeschichte kunstvoll in Szene gesetzt.

Nicolas Mahler und Heinz Wolf Bild: Heinz Wolf

Strauchelnde Existenzen mit ausschweifenden Lebensstilen und ebensolchen Frisuren - eine morbide Wiener Mordgeschichte. Die seltsame und zugleich erhellende Sicht eines Nicolas Mahler auf die Welt und die Dinge, die sie bewegen, dürften einige Lesern aus seinen Arbeiten für Zeitungen und Zeitschriften oder aus dessen eigenen, mehrfach prämierten Büchern geläufig sein. Mahler zeichnet regelmäßig für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die Zeit sowie die Titanic und wurde im Mai letzten Jahres mit dem Max-und-Moritz-Preis des Comic Salons in Erlangen für sein Buch "Flaschko, der Mann mit der Heizdecke" ausgezeichnet.

Das Werk seines österreichischen Landsmannes und Kollegen Heinz Wolf kennen dagegen wohl nur wenige. In der österreichischen Comicanthologie "Perpetuum" war er 2008 neben Mahler ebenfalls vertreten. Die nun als Comic-Buch veröffentlichte Erzählung "Molch" ist eine gemeinschaftliche Produktion beider Bildschaffender, wobei sich Nicolas Mahler hier auf die Rolle des Autors beschränkt. Die Zeichnungen stammen von Heinz Wolf.

Ein Gebrauchtwagenhändler, der Zeuge der Entführung eines Friseurs wird, trifft hernach auf einen recht rüde agierenden Kommissar. Gleichzeitig beginnt ein Serienmörder in Wien sein Unwesen zu treiben. Nach den ersten Mordtaten, ausgeführt mit einem Rasiermesser, tritt die als Zahnärztin praktizierende und in zerrütteter Beziehung zum Autohändler lebende Ehefrau in Erscheinung. Des Weiteren - nebst manchmal etwas stereotyp anmutenden skurrilen Figuren - sein alkoholabhängiger und wohnungsloser Freund, der in den eigentlich zum Verkauf bestimmten Autos nächtigt. Außerdem der unmanierliche Kommissar, der von attraktiven weiblichen Mordopfern bei Tatortuntersuchungen ein zweites Foto für eigene Zwecke anfertigen lässt.

Der Gebrauchtwagenhändler gerät schließlich in Verdacht, für die Mordserie verantwortlich zu sein. Während der desorientierte Gebrauchtwagenhändler noch mit einigermaßen sympathischen und individuellen Zügen ausgestattet ist, werden die Frauenfiguren - spitznasige Superzicken - zum bloßen Hassobjekt degradiert. Zwischen Tristesse und Skurrilität, etwas seichtem Sex & Crime bewegt sich die Handlung also, während die Erzählweise dennoch Raum für eigene Interpretationen zulässt. Oft aus der Nahperspektive dargestellte längere Bildsequenzen ohne Text führen den Leser sehr direkt in diese Comicgeschichte ein.

Sie bestimmen geschickt das Erzähltempo und erscheinen genau durchdacht und konzipiert. So ist denn jedes an die Kapitelanfänge gesetzte Frontispiz nicht nur visueller Mikrokosmos, sondern offenbart auch die dahinter stehende erzählerische Makroökonomie. Die Zeichnungen Wolfs erinnern, gerade in ihren Nahaufnahmen beim Friseur oder Zahnarzt, an die Kunst eines Jack Davis, der für die berühmt-berüchtigten Horror-Comics des EC-Verlags und für die später daraus hervorgegangene Satirezeitschrift MAD stilistisch Artverwandtes schuf.

Und der es in seiner wohl gelungensten Geschichte "Taint the Meat, its the Humanity" (1952) vollbrachte, die schmale Gratwanderung zwischen einer schwarzen Komödie mit tragikomischen Zügen und zynischer Groteske souverän zu absolvieren - ähnlich wie Mahler und Wolf mit ihrem nun vorliegenden Werk.

Die Auflösung des Mördermysteriums ist dann eher unspektakulär und lässt die Geschichte genauso im Sande verlaufen wie das Leben ihrer Protagonisten. Die aus der Erfolglosigkeit sich nährende Vernichtungsfantasie des Gebrauchtwagenhändlers steht für die traurige Wahrheit von der durch die Zivilisation nur mühsam gezähmten Bestie Mensch. Die unter gewissen Bedingungen jederzeit hervorbrechen kann - mit durchaus unterhaltsamen Folgen, wenn der Wiener Melange anstatt Milch etwas Rasierschaum beigemengt wird.

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