piwik no script img

Der Arzt, dem die Frauen vertrauen

Das Fernsehspiel „Der Unwiderstehliche“ schildert die Geschichte des Hochstaplers Gert Postel (ARD, 23.00 Uhr)

Ein guter Horrorfilm beginnt mit der Idylle und endet mit dem vermeintlichen Sieg des Guten. Vermeintlich, weil das Publikum sehr wohl darüber informiert wird, dass der Tod des Übeltäters oder dessen Gefängnisaufenthalt allenfalls eine Auszeit bedeutet. Dass das Übel im Untergrund weitergärt. Dass die Fortsetzung folgt.

Die Geschichte des Briefträgers Gert Postel, der sich über Jahre als Amtsarzt, Psychiater oder Gerichtsgutachter ausgab, der gelegentlich aufflog und dennoch immer wieder die Herausforderung als angeblicher Arzt sucht, wurde oft erzählt. Nun hat sich der Regisseur Kai Christiansen im Auftrag der ARD darangemacht, mit dem Doku-Drama „Der Unwiderstehliche“ die Geschichte Postels darzustellen. Die Umsetzung fand unter der Redaktion Horst Königsteins statt, eines Doku-Drama-Spezis, der zuletzt für „Die Manns“ zusammen mit Heinrich Breloer ausgezeichnet wurde. Für Königstein soll in dem Film „der nicht erzählte Teil gezeigt werden“, Christiansen sieht den Schwerpunkt bei Postels Verhältnis zu den Frauen. Ein zentraler Punkt, denn einerseits wären Postels Lügenkonstrukte ohne weibliche Unterstützung nie möglich gewesen, andererseits wirft es ein erschreckendes Bild auf die Bedürfnislage nach außen hin emanzipierter Frauen.

Doch der Film löst diese Ansage nicht ein. Zwar ist die Publizistin und Postel-Opfer Peggy Parnass scharfsinnige Interviewpartnerin und trägt sehr zur Entmystifizierung von Postels Vorgehensweise bei, doch verzettelt der Regisseur sich insgesamt zu sehr in den diversen Ungereimtheiten zu Postels Person. In dem Versuch, sein Handeln aus seiner Biografie heraus zu erklären oder seine Verstrickung in die Barschel-Affäre aufzuklären, werden Pastoren und Psychiater ebenso befragt wie Staatsanwälte, Journalisten und Rainer Pfeiffer. Irgendwann, beim x-ten Kapitel des Films, in dem sich Spielszenen mit Uwe Bohm als Gert Postel und Interviewpassagen abwechseln, beginnt Christiansens Doku durchzuhängen. Da beginnen sich die Aussagen der Opfer und Beobachter zu wiederholen, da ist die Vorgehensweise des Hochstaplers bereits eindrucksvoll dargelegt.

Trotzdem entlarvt Christiansens Film den von den Medien oft als Possenspieler, als Till Eulenspiegel verniedlichten Betrüger als eine hoch intelligente, kindliche Persönlichkeit mit einem verachtenden Menschen- und Frauenbild. Auf beklemmende Art und Weise zeigt „Der Unwiderstehliche“ Postel als einen skrupellosen Menschen, dem jegliches Verantwortungsgefühl für seine Taten fehlt. Als einen Mann, der Frauen für seine Zwecke missbraucht und sie benutzt zurücklässt. Als jemanden, der seinen Kritikern lediglich mit Hohn und pubertärer Überheblichkeit begegnen kann.

Die Aussicht, mit der Christiansen seinen Beitrag über den wegen guter Führung vorzeitig aus der Haft entlassenen Postel schließt, ist der Stoff, aus dem bessere Horrorfilme sind: Fortsetzung folgt. SILKE BURMESTER

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen