piwik no script img

Der Abgang eines „Sicherheitsrisikos“

■ Peter-Jürgen Boock glaubt, daß die RAF seinen Abschied aus der Gruppe 1980 notfalls mit Gewalt verhindern wollte

Stuttgart-Stammheim (taz) — Am Ende seiner RAF-Karriere war Peter-Jürgen Boock in der Gruppe nicht mehr wohlgelitten. Er galt als drogenabhängig, unzuverlässig, politisch unberechenbar. Nach der wohl chaotischsten „Geldbeschaffungsaktion“ in der Geschichte der RAF am 19.November 1979 in Zürich war für ihn endgültig „klar, daß es nur noch darum ging, wegzukommen“. Daß er schließlich wegkam und bis zu seiner Festnahme im Jahr 1981 bei Freunden in Hamburg Unterschlupf fand, ist bekannt. Nicht öffentlich bekannt waren bislang Details der Umstände dieses Abgangs. Sie kamen jetzt im Prozeß gegen Klar und Boock in Stammheim heraus.

Zurück in der damaligen Pariser RAF-Basis, gerieten sich die Akteure von Zürich heftigst in die Haare. Boock warf Christian Klar — dessen Namen er in Stammheim nicht „offenbart“, obwohl jeder im Saal weiß, wer gemeint ist — vor, er provoziere bei jeder RAF-Aktion die „große Knallerei“. Der verbale Schlagabtausch eskalierte, bis „eine Person“ (so Boock) dafür plädierte, Boock „unter die Erde zu bringen“.

Boock galt in der Gruppe nun, wie fast zehn andere, als potentieller Aussteiger. Doch er wollte den von den Aktiven bestimmten Weg der anderen Dissidenten nicht mitgehen — weder in Richtung Afrika, noch — wie schließlich geschehen — in Richtung DDR. Deshalb galt er als Sicherheitsrisiko, sein Abgang sollte verhindert werden. Er wurde überwacht. Bis zu jenem Tag, als er sich heimlich, mit 20.000 DM Reiseproviant, aus einer konspirativen Wohnung in Paris davonmachte: vom Gare du Nord wollte Boock mit dem Zug Richtung Westen.

Es kam zu einer Begegnung der dritten Art: Hinter den Scheiben eines Bistros entdeckte der Fahnenflüchtige seine Genossen Christian Klar und Henning Beer — und umgekehrt. Beide nahmen die Verfolgung auf, Boock rettete sich in ein Taxi. Die anderen blieben am Straßenrand zurück — Henning Beer, nach Boocks Erinnerung, mit der Waffe in der Hand.

In seiner neuen Heimat Hamburg hatte sich der Abtrünnige gerade eingerichtet, als ihm Leute „aus der autonomen Szene“ steckten, jemand habe sich „nach mir erkundigt“. Wer da fragte, wurde Boock blitzartig klar, als damals eine grandiose Aktion des Hamburger Verfassungsschutzes Schlagzeilen machte: Die Schlapphüte hatten Christian Klar und Adelheid Schulz in der Hansestadt tagelang observiert, ohne allerdings zuzugreifen. Das Duo entkam. Boock blieb aufs höchste alarmiert zurück. Und er erinnerte sich seines „Colts Combat Commander“ — „den Porsche unter den Handfeuerwaffen“ (Boock), den er zuvor bei seiner Rückkehr nach Deutschland in Frankfurt vergraben hatte. Die Waffe wurde ausgebuddelt und nach Hamburg nachgeholt — für alle Fälle. Gerd Rosenkranz

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen