Depressionen: Therapeuten behandeln lieber im Westen

Jeder zehnte Psychotherapeut in Deutschland arbeitet in Berlin. Doch die Verteilung im Stadtraum ist sehr unterschiedlich. In den Ostbezirken mangelt es vor allem an Therapeuten für Kinder und Jugendliche.

Es klingt gut: Berlin ist mit Psychotherapeuten überversorgt, sagt die Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung, Annette Kurth. Jeder zehnte deutsche Psychotherapeut arbeitet an der Spree. 1999 gab es ihren Angaben zufolge 940 psychologische Psychotherapeuten, inzwischen ist die Zahl auf rund 1.600 gestiegen. Trotzdem klagen Betroffene immer wieder über lange Wartezeiten. Die Suche nach einem Therapeuten sei gerade während einer Krise ein zu großer Kraftaufwand. Wie kann das sein?

Die Verteilung der Psychotherapeuten auf die Bezirke ist sehr unterschiedlich. Während in Charlottenburg-Wilmersdorf auf einen Therapeuten 624 Einwohner kommen, sind es in Marzahn-Hellersdorf 7.339 potenzielle Patienten. Eine wohnortnahe Versorgung ist bei den ambulanten Psychotherapeuten also nicht unbedingt garantiert. Wer am östlichen Stadtrand lebt, muss sich gedulden. Oder die Sache mit Galgenhumor nehmen: Warum brauchte die DDR keine Therapeuten, geht ein Witz. Antwort: Weil es dort schon Komplexannahmestellen gab.

"Es gibt in einzelnen Ost-Bezirken eine Unterversorgung vor allem von Kinder- und Jugendtherapeuten", sagt Michael Krenz, Chef der Psychotherapeutenkammer Berlin. Das sei historisch bedingt: Im Westen habe in den letzten 30 Jahren die Zahl der für Kinder und Jugendliche ausgebildeten Therapeuten zugenommen. "Im Osten gab es das in dieser Form nicht", so Krenz.

Die Differenz auszugleichen ist beim derzeitigen System schwierig. Seit vier Jahren gilt Berlin - wie andere Großstädte auch - bei den Zulassungen als eine Planungseinheit. Das heißt, die Zahl der Ärzte und Psychotherapeuten wird zwar insgesamt festgelegt, die Behandelnden können aber selbst entscheiden, wo sie sich niederlassen.

Sie tun das dort, wo sie die Strukturen kennen. "Westberlin bietet eine gewisse Sicherheit", glaubt Krenz. Es sei möglicherweise auch eine Mentalitätsfrage. "Viele Therapeuten können sich nicht vorstellen, zum Beispiel in Hellersdorf zu arbeiten, weil sie keine Beziehung dazu haben." Auch der wirtschaftliche Aspekt dürfte eine Rolle spielen: In den Westbezirken gibt es mehr Privatpatienten.

Rein theoretisch ist es nicht kompliziert, eine Therapie anzufangen: Wer sich dazu entschlossen hat, braucht nicht unbedingt eine Überweisung, sondern kann sich direkt an einen Psychotherapeuten wenden. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung bewilligen die gesetzlichen Krankenkassen bis zu fünf Vorgespräche, bei denen der Patient Gelegenheit hat zu schauen, ob er mit dem Therapeuten zusammenarbeiten kann. Hat er einen Therapeuten gefunden, muss die Behandlung bei der Krankenkasse beantragt werden.

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