Dehio-Kulturpreis für Europa von unten: Angewandte Geschichte ausgezeichnet

Europa von den Regionen her erzählen: Dafür bekam unter anderem das Institut für Angewandte Geschichte in Frankfurt (Oder) den Dehio-Kulturpreis.

Eine Bühne mit Preisträgern

Die Preisträger von Borussia und dem Institut für Angewandte Geschichte Foto: Deutsches Kulturforum östliches Europa/Markus Nowak

BERLIN taz | Und plötzlich hab es da eine ganze Region neu zu entdecken. Kaum war die Mauer in Berlin gefallen, der Eiserne Vorhang Geschichte und die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) gegründet, machten sich deutsche und polnische Studierende daran, die Neumark zu erkunden, jenen Teil der historischen Mark Brandenburg östlich der Oder, der seit 1945 in Polen lag.

Terra transoderana nannten die Studierenden einen Almanach, der aus ihren Spurensuchen, Forschungen und im Dialog mit den Menschen vor Ort entstanden war. Es war die Geburtsstunde des „Instituts für Angewandte Geschichte“ in Frankfurt (Oder). Am Donnerstag Abend wurde das Institut mit dem Georg-Dehio-Förderpreis ausgezeichnet, der vom Kulturforum östliches Europa vergeben wird.

„Dem kulturwissenschaftlichen Ansatz und der Grenzregion verbunden, greifen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Themen auf, die sich auf die schwierigen Verflechtungen von Deutschen, Polen, Juden oder Ukrainern im gesamteuropäischen Kontext beziehen“, heißt es in der Begründung der siebenköpfigen Jury für den Preis.

Das Atlantis des Nordens

Doch die große Leistung des Instituts liegt noch in einem anderen Punkt: Mit ihren Exkursionen, Workshops und Publikationen haben es die Aktivistinnen und Aktivisten geschafft, im zentralistische verfassten Polen der Warschauer Perspektive eine regionale Perspektive entgegenzusetzen. Und, darauf hat der Osteuropahistoriker Karl Schlögel in seiner Laudatio hingewiesen, sie haben die universitären Themen und Debatten einem breiteren Publikum zu vermitteln vermocht.

Regionale statt nationale Perspektive, das ist auch das Thema der Kulturgemeinschaft Borussia in Allenstein/Olsztyn, die am Donnerstag den Dehio-Hauptpreis verliehen bekommen hat. Borussia, also Preußen im Namen zu tragen, daran erinnerte in seiner Dankesrede der Historiker Andreas Kossert, sei in Polen eigentlich etwas Ungeheuerliches. Doch das Preußen, auf das sich die vor dreißig Jahren gegründete zivilgesellschaftliche Initiative beruft, ist nicht das Preußen der Nationalisten, sondern das multikulturelle Grenzland im ehemaligen Ostpreußen, das heute zur polnischen Woiwodschaft Ermland-Masuren gehört.

Es ist das Verdienst der Borussia, dass die historischen Schichten wieder sichtbar werden und die deutsche Vergangenheit nicht Bürde, sondern gemeinsame, das heißt europäische Geschichte ist. „Richtungweisend war dabei von Anfang an der Ansatz“, so Kossert, „eine historische Landschaft als Zusammenspiel seiner ehemaligen und heutigen Einwohner gemeinsam zu denken.“

„Atlantis des Nordens“: So nannte der Dichter und Mitbegründer von Borussia, Kazimierz Brakoniecki, die vergessene Grenzlandschaft von Deutschen, Polen, Litauern und Juden, an welche die Borussia mit ihren Arbeiten, unter anderem der Sanierung des Bethauses von Erich Mendelsohn, erinnerte. Aber ist nicht auch die Erinnerung daran selbst zum Atlantis geworden? „Heute spielen Grenzen wieder eine Rolle“, mahnte Kornelia Kurowska am Donnerstag in ihrer Dankesrede und erinnerte daran, wie Polen die Grenze zu Belarus dichtmache, um keine Flüchtlinge ins Land zu lassen. Das sei das Gegenteil von dem, was Borussia wolle.

Europa der Grenzlande, nicht der Grenzen

Es war das Europa der Regionen, das am Donnerstag ausgezeichnet wurde und sich dabei auch ein wenig selbst feierte. Ein Europa, in dem nicht Grenzen im Mittelpunkt standen, sondern die „Grenzlande“, jene Zwischenlande an der Peripherie zwischen den eindeutig definierten Landen der Hauptstädte. Die Allensteiner Borussia, sagte Kossert in seiner Würdigung, sei „die Verfechterin eines offenen Regionalismus“. Ihre Macherinnen und Macher „scheuten keine Tabus, richteten unbequeme Fragen an überkommende und zudem national verengende Narrative, und zwar an Polen, Deutsche, Russen und Litauer gleichermaßen“.

Das gleiche lässt sich, uneingeschränkt, auch für das Institut für Angewandte Geschichte in Frankfurt (Oder) sagen. Gleichwohl lag etwas Wehmut über der Preisverleihung, es war die Wehmut, die sich in der Rührung vieler zeigte, in den Freudentränen, die manche nicht mehr wegzudrücken vermochten, im – in jeder Hinsicht gerechtfertigten – Pathos der Laudatoren.

Die Neugier und Unbefangenheit, mit der sich die Studierenden der Viadrina und die Borussen in Allenstein an die Erkundung neuer Welten machten, ist vorbei. Vorbei ist damit auch die „Zeit der Provinz“, von der vor allem in Polen in den neunziger Jahren die wichtigsten intellektuellen Impulse ausgingen. Vorbei ist auch die „Unschuld“ der Grenzregionen, in denen die Anzahl der Stimmen für populistische Parteien oft höher ist als in den großen Städten.

Gegenwind statt Rückenwind

Und auf der Kippe steht zumindest jener faszinierende Versuch, mit dem „offenen Regionalismus“ die Geschichte Europas von den Rändern her zu erzählen. Stattdessen dominiert heute wieder die Erzählung in den Hauptstädten. Die regionale Perspektive, die vor allem in Polen der Perspektive Warschaus entgegengestellt werden sollte, ist an ihre Grenzen geraten.

Der Rückenwind hat sich gedreht, nun bläst immer öfter der Gegenwind. Umso wichtiger wäre eine finanzielle Absicherung der Preisträger. Die nämlich gibt es nicht nur nicht für die Borussia im nationalkonservativen Polen. Auch das Institut für Angewandte Geschichte, inzwischen „everybodys darling“, basiert im wesentlichen auf ehrenamtlicher Arbeit.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de