piwik no script img

DebatteNobelpreis für Dieter Nuhr

Das neue Jahr wird Großes bereithalten. Unser Autor „freut“ sich auf die ersten AfD-Ministerpräsidenten, den Kollaps von X, den der Deutschen Bahn und seinen eigenen.

Richtig, das ist nicht Dieter Nuhr. Dafür vertreibt der süße Hamster Herkules den allgemein verbreiteten Pessimismus. Foto: Jens Volle

Von Cornelius Oettle

Kein Ausblick ohne Rückblick. Das entscheidende und richtungsweisende Ereignis 2023 war für mich dieses: Schriftstellerin Verona Pooth avancierte zur Spiegel-Bestseller-Autorin mit ihrem Buch „Die Supermilf“. Dementsprechend rechne ich 2024 mit dem Nobelpreis für Dieter Nuhr.

Nicht zu verwechseln ist „Die Supermilf“ übrigens mit dem Ü18-Roman „Die Milf – heimlich aufgebockt“, der laut Inhaltsangabe vom Protagonisten Steffen erzählt, welcher bei seinem Kumpel Rico übernachtet. Mitten in der Nacht weckt ihn ein Geräusch aus den Räumlichkeiten der Mutter, jener „reifen Frau mit den üppigen, attraktiven Reizen“, die – oh Gott, sorry, jetzt schweife ich in meinen Texten ja schon ab, bevor hier überhaupt etwas steht, wovon sich abschweifen ließe. Nur dies noch: Der Online-Buchhändler „Weltbild“, der lange in Besitz der katholischen Kirche war, bietet „Die Milf – heimlich aufgebockt“ im sogenannten „Family Sharing“ an, das er mit folgenden Worten bewirbt: „eBooks und Audiobooks (Hörbuch-Downloads) mit der Familie teilen und gemeinsam genießen.“ Viel Spaß!

Nun aber zurück in die Zukunft. Auf welche Ereignisse, die 2024 für uns bereithält, kann man sich freuen? „Auf keine!“, hätte ich spontan geantwortet, weil ich mich nach den jüngsten Katastrophenkalenderdurchgängen an kein einziges Jahr erinnern kann, in dem sich das Blatt mal zum Besseren gewendet hätte. Die meisten vollbringen glücklicherweise aber noch immer die respektable kognitive Leistung, für all das Übel lediglich die Jahreszahl verantwortlich zu machen („Scheiß 2023!!“), um nicht das zugrundeliegende Wirtschafts- und Gesellschaftssystem als dessen Wurzel anerkennen zu müssen.

Im Rückblick wird‘s noch gut aussehen

Da sich die Zusammenhänge kapitalistischer Produktionsweise, atemraubender Ungleichheit und beinharter Faschisierung aber kaum noch ignorieren lassen, fliehen die Scheuklappendeutschen zusehends aus dem Politischen ins Private, schauen zur Ablenkung immer mehr Serien, fachsimpeln über immer mehr Sportarten und zeugen blindlings Kinder, als ob sie diesen armen Kleinen eine lebenswerte Welt hinterlassen würden.

Immerhin: Kinder, die jetzt geboren werden, werden sich noch zurücksehnen nach diesen unbeschwerten eskapistischen Zeiten ohne Permaklimahölle, die ihnen jene einbrocken, die jetzt sterben. Allen Erdbeben, Waldbränden und Fluten zum Trotz werden diese entsetzlichen 20er retrospektiv betrachtet schöne Jahre gewesen sein. Zeiten des relativen Friedens mit vergleichsweise kleinen Ballereien in Donbas und Gaza. Keine Großkämpfe ums letzte Trinkwasser. Keine Verelendungskreise rund um die Bunker der Superreichen. Keine Milliardenmigration, sondern lediglich ein paar Milliönchen on the run, die wir Europäer alle Jahre wieder mit christlichem Leitkulturbaum vor Augen und lautem Weihnachtsgedudel in den Ohren ersaufen lassen.

Deshalb korrigiere ich mich: Man kann durchaus Freude am Jahr 2024 haben. Man muss es nur aus der Zukunft betrachten.

Um aber auch meine gegenwärtige Perspektive mit ein wenig Optimismus anzureichern, studiere ich regelmäßig die „MerzMail“, den Newsletter von Friedrich Merz. Wenn jemand weiß, wie man die Realität ausblenden kann, dann die CDU. Merz macht Mut. Er schreibt: „Immerhin scheinen sich die EU und einige Mitgliedstaaten der EU, darunter auch Deutschland und Frankreich, auf bessere Regeln zur Eindämmung der illegalen Einwanderung geeinigt zu haben.“

Folglich freue ich mich auf die neue menschenrechtswidrige Normalität 2024, welche nicht einmal mehr Ausnahmen für Familien mit Kindern kennt, die künftig auf der Suche nach Schutz in Haftlager gestopft werden.

Mit Höcke nur noch Privatfernsehen

Dass die gezielte Verrohung außen aber nicht die ersehnte Beruhigung des Innern nach sich zieht, sondern ebenjene Binnenverrohung noch befeuert, weil die Verroher sich ins Recht gesetzt sehen – geschenkt. Warum der Sieg des Unmenschlichen trotzdem etwas Gutes ist, werden mir Friedrich Merz und Tino Chrupalla im neuen Jahr gemeinsam erklären.

Da sind Landtagswahlen in Thüringen, Brandenburg und Sachsen. Die zugehörigen Umfragewerte lauten 34 Prozent, 32 Prozent und 33 Prozent. Die zugehörige Partei kennen Sie. Die Brandenburger AfD ist die schwächste in diesem Trio, da sie im Gegensatz zur sächsischen und thüringischen bislang noch nicht als gesichert rechtsextrem eingestuft wurde. Ohne Gütesiegel vom Verfassungsschutz bleiben die Wähler skeptisch.

Nachdem wir aber 2023 bereits den ersten AfD-Oberbürgermeister begrüßen durften, weil er die Schildbürger Pirnas mit dem brillanten Plan überzeugt hat, kostenfreie E-Auto-Parkplätze abzuschaffen, bin ich guter Dinge, dass es 2024 auch mit dem ersten AfD-Ministerpräsidenten klappt. Und dem zweiten und dritten.

Um mit Björn Höcke zu sprechen: „Jetzt sind wir in das Stadium des Vorbürgerkriegs eingetreten“ (November 2023). Unklar allein, wen er mit „wir“ meint. „Wir“ führen 2024 sicher keinen Bürgerkrieg, sondern schauen Fußball-EM und lesen Verona Pooth.

Was derweil in Thüringen unter Höcke passiert, hat er auf seinem jüngsten Parteitag in cäsarischem Illeismus verkündet: „Was passiert denn, wenn der Höcke Ministerpräsident wird? Kündigt der dann die Medienstaatsverträge? Ja, das macht der Höcke dann!“ Und was machen wir? Wir kucken nicht mal zu, sondern Super Bowl oder Snooker. Läuft beides eh nicht im Öffentlich-rechtlichen.

Doch auch den sozialen Medien geht’s an den Kragen: Auf den Kollaps von X (the artist formerly known as Twitter) freue ich mich ebenfalls. Im vergangenen Jahr hat‘s Musk geschafft, die Werbeeinnahmen der Plattform zu halbieren. Ein Highperformer seines Schlages vermag diesen Erfolg gewiss zu wiederholen.

Freude auf die Lehman-Momente

Ebenso wie des Planeten zweitgrößtes Managementgenie: Bahnchef Richard Lutz, der sich 2023 einen Millionenbonus ausgezahlt hat, weil er seine eigenen Ziele laut internen Unterlagen mit 200 Prozent übererfüllt sieht. Sofern sein Ziel der Nervenzusammenbruch sämtlicher Bahnreisender war, hat er es für meine Begriffe sogar mit 10.000% übererfüllt. Ich freue mich als Bahnkunde deshalb auf den mehrwöchigen #Bahnkollaps2024, für den Lutz dann 100 Millionen einstreicht, und hoffe, dass mich mein eigener Kollaps zuvor erlöst. Schade, dass ich dann die Olympischen Spiele nicht mehr schauen kann, aber wir alle müssen Abstriche machen.

Die Schweizerische Nationalbank hat 2023 zur Rettung der Credit Suisse Liquiditätshilfen im Umfang von 100 Milliarden beigesteuert – Zeitenwende 2.0? Wobei: Eine Wende wär’s ja, wenn wir Banken zur Abwechslung mal nicht mehr retten. Werden wir aber natürlich tun, wir sind ja gutmütige Geister und helfen diesen süßen kleinen Bankertrotteln abermals aus der Patsche. Freuen Sie sich also mit mir auf einen neuen Lehman-Moment 2024!

Aber auch auf einen neuen Lehmann-Moment: Der ehemalige Nationaltorwart musste jüngst 400.000 Euro Strafe zahlen, weil er mit einer Kettensäge die Garage seines Nachbarn zerlegt hat. Ich bin mir sicher: 2024 sprengt Jens ein lebendes Schwein in die Luft.

Und dann darf 2024 ja das andere Kettensägengesicht noch so richtig durchdrehen: Der Anarchokapitalist Javier Milei wird die Reste Argentiniens schon wie eine Angus-Rinderhüfte zerlegt haben, wenn im November sein großes Vorbild Donald Trump zurück an die Macht kommt. Was freu ich mich darauf.

Falls Sie sich nicht ganz so auf die anstehenden 365 Tage freuen, habe ich gute Neuigkeiten für Sie: 2024 ist ein Schaltjahr, das hat 366 Tage.

Cornelius W. M. Oettle schreibt u.a. für das Faktenmagazin „Titanic“, die ZDF-Sendung „Die Anstalt“ und den EU-Abgeordneten Martin Sonneborn. Anlässlich seines zehnjährigen Jubiläums als Satiriker liest er am 7. März im Merlin in Stuttgart.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen