: „Death Metal“ — die Welt zertrümmern
Das Saarland ist ein Eldorado für neofaschistische und gewaltverherrlichende Hardrocker geworden ■ Von Klaus-Peter Klingelschmitt
Frankfurt/Main (taz) — Die Gruppe „Slayer“ spielte in Völklingen ein Lied, in dem die Tötung von Juden aus der Perspektive des KZ-Arztes Mengele dargestellt wurde. Beim Konzert der Formation „Napalm Death“ konnten die Anhänger dieser Death-Metal-Gruppe bei einem Quiz Vorschlaghämmer für die propagierte „Zerstörung der Welt“ gewinnen. Und die „Slayer“-Vorgruppe „Mindfu(n)ck“ trat mit Stahlhelmen mit Hakenkreuzen und Totenschädeln als Requisiten vor überwiegend jugendlichem Publikum auf.
Das kleine Saarland ist zur Hochburg der Death-Rocker aus Kalifornien und England avanciert. Und die von einer Firma in Brühl vertriebenen Platten auch der Bands, die etwa in England belegt wurden, werden in Völklingen, Saarbrücken und Zweibrücken nicht mehr nur unter dem Ladentisch angeboten.
Die Vorsitzende des Vereins für Friedenserziehung im Saarland, Christa Jenal, hat sich jetzt in einem offenen Brief an den saarländischen Innenminister Friedel Läpple (SPD) gewandt: „Mit großer Sorge und Entsetzen verfolge ich seit einiger Zeit die Auftritte von Musikgruppen vornehmlich aus dem Heavy-Metal- und Death-Metal-Spektrum, weil da durch Plattencover, Liedtexte und Embleme faschistisches, rassistisches und sexistisches Gedankengut transportiert und— teilweise verdeckt, teilweise offen — zur Gewalt aufgerufen wird.“ Christa Jenal fordert Läpple auf, „im Interesse einer lebendigen Jugendkultur“ ein Auftrittsverbot für Gruppen wie „Slayer“, „Napalm-Death“, „Pestilence“ oder „Obituary“ (Totenliste) zu prüfen. Jenal wies in ihrem offenen Brief auch darauf hin, daß ein solches Auftrittsverbot bereits von mehreren Städten in Nord- und Süddeutschland erlassen worden sei.
Daß in der von einem Veranstalter von Death- Metal-Konzerten herausgegebenen Zeitschrift mit dem Titel 'Rock Hard‘ offen zu sexueller Gewalt und zur „Zerstörung der Welt“ aufgerufen wird, erfüllt für Jenal den Tatbestand der „Volksverhetzung“.
So habe die Gruppe „GWAR-Slaves“, deren Mitglieder sich als „Außerirdische“ bezeichnen, in der Juni-Nummer von 'Rock Hard‘ dazu aufrufen dürfen, Amerika auszulöschen. Und das dort abgedruckte Bekenntnis der Band „Dismember“ lautet: „Depression und Brutalität!“
Der Weg vom passiven Konsumieren von Death Metal bis zur aktiven Gewaltausübung, so Jenal, sei nicht weit.
Nach einem Death-Metal-Konzert in Jena am Pfingstsamstag kam es zu mehreren Anschlägen auf Asylbewerberheime in Ostdeutschland. Jenal: „Auch wenn diese Welt voller Gewalt und Kriege ist, ist ein unkritischer Umgang mit diesen gewaltverherrlichenden und neonazistischen Bands eine Form unverantwortlicher Mittäterschaft.“
Aus dem saarländischen Innenministerium war bislang keine Stellungnahme zum Thema oder zu dem von Jenal schon Anfang Juni an Läpple gerichteten offenen Brief zu bekommen. Gegen die Macher der Zeitschrift 'Rock Hard‘ hat Jenal bei der Staatanwaltschaft in Saarbrücken inzwischen Anzeige wegen Volksverhetzung erstattet.
Die Engagierten stärken
Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen