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Death Festival in BerlinTanzen mit dem Tod

In westlichen Gesellschaften ist der Tod oft ein Tabuthema. Beim Death Festival im Holzmarkt wird er dagegen körperlich erfahren und besprochen.

Schon mal warm liegen: Ein Besucher des Death Festivals testet einen Sarg Foto: Swen Brandy
Lilly Schröder

Aus Berlin

Lilly Schröder

Schwere Steine baumeln an dicken weißen Seilen von der Betondecke. Das Licht ist gedimmt, auf dem Teppichboden räkeln sich Menschen, kuscheln, tanzen. Bedächtige Musik erfüllt das Sälchen im Holzmarkt, vorne steht ein Altar mit Fotos, Totenköpfen und Kerzen. Jeder kann hier etwas ablegen, das er mit dem Thema Tod und Sterben verbindet.

„Wenn du stirbst, willst du deine Familie dabeihaben?“, fragt eine Teilnehmerin eine andere. Eine weitere Frage lautet: „Welche Redewendung ist am unpassendsten, wenn jemand gestorben ist?“ oder ganz praktisch: „Welche Pflanzen sollen deine Ruhestätte zieren?“

Diese Fragen werden am Freitagmorgen im #yodo(you only die once)-Workshop verhandelt. Er ist Teil des Death Festivals, das sich am Wochenende zum zweiten Mal der Frage widmete, wie ein anderer Umgang mit Tod und Sterben aussehen könnte – jenseits von Verdrängung, Verleugnung und Angst, wie es in den westlichen Kulturen weit verbreitet ist. Von Freitag bis Sonntag fanden über 40 Workshops, Performances und Zeremonien statt. Die Ver­an­stal­te­r*in­nen rechneten mit etwa 240 Gästen.

„Wir waren schon immer mit dem Tod konfrontiert“, sagt Judith Salamander. Sie sitzt auf einer Bank im dunklen Raum, ihre grauen Haare lugen unter ihrer schwarzen Mütze hervor. Gemeinsam mit ihrem Partner, dem Palliativmediziner Matthias Gockel, und drei weiteren Personen organisiert sie das Festival. Salamander und Gockel kommen aus der sexpositiven Szene, auf ihren Kink-Veranstaltungen hätten sie den Tod immer erotisiert, erzählt sie. Während der Coronazeit entstand daraus die Idee eines eigenen Festivals. Inspiration habe das „Festival of Death and Dying“ geliefert, das Peter Banki 2018 in Sydney ins Leben rief.

Angehörige und Sterbende vereinsamen

„Es ist ein Thema, vor dem viele Angst haben“, sagt Salamander. Oft wüssten Menschen nicht, wie sie mit Tod umgehen sollen, bekämen Angst und zögen sich zurück. Die Folge: Angehörige und Sterbende würden vereinsamen. „Man muss in das Thema mehr Normalität reinbringen“, meint sie. Das Festival soll dazu einen Beitrag leisten, indem es Menschen aus dem Sterbebereich mit Kör­per­ar­bei­te­r*in­nen und Künst­le­r*in­nen zusammenbringt, die unterschiedliche Zugänge zum Thema haben. Denn: „Tod und Sterben wird zu wenig körperlich bearbeitet“, findet Salamander. „Dabei ist Angst körperlich. Sterben ist körperlich.“

Diese Perspektive teilt auch #yodo-Workshopleiterin Michi Maxi Schulz. Die Künstlerin ist ehrenamtliche Sterbebegleiterin im Lazarus Hospiz in Mitte. Auslöser für die Entscheidung sei der Krebstod der Mutter einer engen Freundin gewesen. Der plötzliche Tod habe die Freundesgruppe gesprengt. „Niemand wusste, wie man damit umgehen soll“, erzählt sie. Sie habe sich nie wieder so orientierungslos fühlen wollen. An ihrem Workshop nehmen etwa 40 Menschen teil, um gemeinsam der Frage nachzugehen, welchen Prozess eine sterbende Person biologisch und emotional durchläuft.

Neben Tanz-Workshops gibt es auch praktische Workshops von Palliativmediziner*innen, Sterbe- und Trau­er­be­glei­te­r*in­nen und Bestatter*innen. Der Verein Home Care Berlin etwa gibt „Letzte Hilfe“-Workshops, also Tipps zur Sterbebegleitung. Gockel informiert über Versorgungsstrukturen am Ende des Lebens. Beim Workshop „Kreative Sterbefantasien“ wird sich über Vorstellungen des Sterbens ausgetauscht, etwa durch Krankheit, Alter, einen Unfall, Selbsttötung oder in einer erotischen Fantasie.

Wozu sich damit beschäftigen? Weil Sterblichkeit „die Intensivierung des Lebens“ ist, so das Festival-Motto. „Wir verbringen unser Leben oft im Wartemodus“, erklärt Salamander. Wer sich die eigene Endlichkeit bewusst macht, lebe anders. Deshalb gehe es darum, Menschen bei Fragen zu unterstützen wie: Was will ich eigentlich? Gibt es noch einen Brief, den ich schreiben, oder ein Gespräch, das ich führen sollte?

Intensiver Leben durch die Beschäftigung mit dem Tod

Diese Erfahrung haben auch einige der Teil­neh­me­r*in­nen gemacht. Ein Mann, der im Rollstuhl sitzt, berichtet, bei einem Unfall vor 20 Jahren beinahe ums Leben gekommen zu sein. So absurd es klinge: „Im Nachhinein war das eine bereichernde Erfahrung. Das Leben ist wertvoller, wenn man sich den Tod näher holt“, sagt er. „Der Himmel ist blauer.“ Er arbeitet seitdem als Trauerbegleiter im Hospiz.

Während Teil­neh­me­r*in­nen sich beim yodo-Workshop Fragen durch Tanz beantworten, wird im Roten Salon eine Etage höher darüber diskutiert, wie Trauerfeiern als lebendige Übergangsrituale gestaltet werden können. Sonnenlicht fällt auf die roten Wände und Sitze, die Teil­neh­me­r*in­nen sitzen auf Kissen in kleinen Gruppen. Über die Außentreppe geht es ins IKSK, das Institut für Körperforschung und sexuelle Kultur. Von der Decke des Raumes mit Blick auf die Spree hängen Bambusstäbe an dicken weißen Seilen. Wo sonst Bondage-Workshops stattfinden, findet am Freitag der Versteinerungs-Workshop statt, bei dem Erstarrung getanzt wird – ein Gefühl, das die Konfrontation mit dem Tod häufig auslöst

„Den Kink-Bereich haben wir bei dem Festival bewusst rausgehalten“, erzählt Salamander. Die Erotisierung des Todes schrecke viele Menschen ab. Zwar seien Lust und Sterblichkeit eng miteinander verbunden, dennoch sei Sexualität im Angesicht des Todes häufig tabuisiert. „Dabei kann das durchaus ein Coping-Mechanismus sein“, sagt sie. Kritisch sieht Salamander etwa, dass auf Palliativstationen Zweisamkeit kaum ermöglicht werde. Im Workshop „Sexualität in Zeiten der Trauer“ wird daher das Bedürfnis nach Sexualität in Zeiten schwerer Krankheit und nach dem Sterben thematisiert.

Unten im Sälchen werden derweil an einem Tisch Gefühle geknetet. Anbieter ist Ahorn, ein Unternehmen, das sich mit der Gestaltung von Bestattungsritualen und Trauerbewältigung auseinandersetzt. Im Ahorn Space, einem sogenannten Funeral Concept Space am Hermannplatz in Neukölln, können Menschen Särge und Urnen bemalen, eine Trauerfeier ausrichten und in Särgen probeliegen.

Modernisierung der Bestattungsindustrie

„Es tut sich viel im Bereich der Sterbekultur“, sagt Salamander. Vereinzelt gebe es gute Angebote, etwa von Ahorn oder vom Freizeit- und Erholungszentrum (FEZ) in Treptow-Köpenick, das für Kinder und Eltern Workshops über Tod und Verlust anbietet. „Aber die Angebote sind nicht flächendeckend.“ Sie wünscht sich: mehr Wissensaustausch, etwa über Versorgungsstrukturen oder alternative Bestattung, sowie mehr Rede- und vor allem Spürangebote.

Zum Abschluss des yodo-Workshops dürfen alle Teil­neh­me­r*in­nen etwas im Raum lassen: Einer verabschiedet sich von der Angst vor seiner Behinderung, eine andere von der Trauer des vergangenen Jahres, eine dritte von der Verantwortung für den Tod ihres Vaters. Es fließen Tränen, der Kreis rückt immer näher zusammen. Gemeinsam atmen alle ein, halten inne und pusten dann die Kerze auf dem Altar aus.

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