De-Professionalisierung im Sozialbereich?: „Einfallstor zur Abwertung“

Weil Sozialarbeiter händeringend gebraucht werden, will Niedersachsen die Anerkennung für Sozialarbeiter erleichtern.

Kann eben nicht jeder: Eine Sozialarbeiterin spielt mit der fünfjährigen Blessing in einer Flüchtlingsunterkunft in Hannover. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

HAMBURG taz | Mit der Nachfrage steigt auch der Preis – diese alte Marktregel scheint nicht für den Bereich der Sozialen Arbeit zu gelten. Denn während es im Zuge der steigenden Zahlen ankommender Flüchtlinge in vielen Einrichtungen an SozialpädagogInnen und Sozialarbeiter­Innen mangelt, brütet das niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur an einem neuen Gesetz, das die bisherige staatliche Anerkennung für diese Berufsgruppe ändern soll. Die Hochschulen befürchten eine Abwertung des Berufsstands und ein Absenken der qualitativen Standards.

Um auf die größere Nachfrage an Fachkräften auf dem Arbeitsmarkt zu reagieren, will das Wissenschaftsministerium zusätzliche Möglichkeiten für die Anerkennung von SozialpädagogInnen und SozialarbeiterInnen schaffen. So steht es in dem der taz vorliegenden Gesetzentwurf des Ministeriums, der die Anerkennung von Berufsqualifikationen auf dem Gebiet der Sozialen Arbeit, der Heilpädagogik und der Kindheitspädagogik neu regeln soll.

Besonders strittig ist die Passage, die die staatliche Anerkennung als SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen auch für AbsolventInnen nicht näher benannter „eng verwandter Studiengänge“ vorsieht.

„Die Formulierung ‚eng verwandt‘ ist in diesem Zusammenhang ein Einfallstor zur Abwertung des Studiums und zur De-Professionalisierung des Berufsfeldes“, befürchten Rat und Leitung des Fachbereichs Soziale Arbeit und Gesundheit an der Hochschule Emden/Leer. In ihrer Stellungnahme begrüßen sie zwar, dass das Ministerium den Fachkräftemangel „erkannt hat und diesbezüglich aktiv wird“. Doch er sehe darin keine geeignete Maßnahme, ihm zu begegnen. „Vielmehr ist zu befürchten, dass die hier vorgeschlagenen Seitenwege zur Erlangung der staatlichen Anerkennung zu einer einschneidenden Absenkung der berufsqualifizierenden Standards führen“, heißt es da.

Das Selbstverständnis der Profession ist es, wissenschaftsfundiert praktische soziale Pro­bleme zu lösen, zu lindern oder ihr Auftreten zu verhindern.

Erst seit 2001 ist die Soziale Arbeit auch in Deutschland durch die Hochschulrektorenkonferenz und die Kultusministerkonferenz offiziell als Fachwissenschaft anerkannt, während sie in vielen anderen Ländern bereits über viele Jahrzehnte als eigenständige wissenschaftliche Disziplin gilt.

Die Lehre der Sozialen Arbeit ist in der Bundesrepublik von Land zu Land verschieden ausgestaltet, wie auch die Sozialsysteme sich durch die Sozialpolitik der jeweiligen Landesregierung unterscheiden.

Neben dem Erlernen wissenschaftlicher Grundlagen, den Rahmenbedingungen und Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit sind in die Ausbildung umfangreiche berufspraktische Studieninhalte integriert, die bislang von den Hochschulen wissenschaftlich begleitet werden.

Nach dem Bachelor-Studium soll ein mindestens halbjähriges Berufspraktikum absolviert werden – das ist eine Voraussetzung für die staatliche Anerkennung.

Die Regelstudienzeit umfasst sechs Semester mit 180 Creditpoints und führt zu dem Abschluss „Bachelor of Arts“.

Auch bei den anderen von der Neuregelung betroffenen Hochschulen stößt der Vorschlag auf wenig Gegenliebe: Christof Schmitt vom Institut für Sozial­arbeit und Sozialpädagogik der Leuphana Universität in Lüneburg hält die Zulassung auch anderer Studienabschlüsse für die staatliche Anerkennung „sowohl berufspolitisch wie auch fachlich für einen gravierenden Rückschritt“. Der Entwurf stehe unter dem Eindruck der Hochphase der Flüchtlingsmigration. Doch hier habe sich in den vergangenen Monaten bekanntlich einiges geändert.

Frank Bettinger, Professor an der Hochschule Fresenius in Hamburg und Gründer des Arbeitskreises Kritische Soziale Arbeit, sieht das Problem darin, dass auch AbsolventInnen anerkannt werden sollen, die eben nicht Soziale Arbeit studiert haben. „Gefolgt wird hier der Logik, wonach Soziale Arbeit doch eigentlich jede/r machen kann“, sagt Bettinger. Damit ziele das Ministerium auf eine De-Professionalisierung.

Christof Schmitt von der Uni Lüneburg schlägt vor, statt bei den beruflichen Standards an einer anderen Stellschraube zu drehen: „Den Mangel an akademisch gut ausgebildeten Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern zu beseitigen, wäre vielmehr eine zentrale Aufgabe der Landeshochschulplanung“, sagt er. „Es müssen einfach mehr Studienplätze in diesem Bereich geschaffen werden.

Bis zum heutigen Mittwoch haben die niedersächsischen Hochschulen, Berufsverbände und Gewerkschaften noch Gelegenheit, zu der Vorlage Stellung zu nehmen. „Die Auswertung steht noch aus“, sagt die Sprecherin des Ministeriums für Wissenschaft und Kultur, Julia Gypas. Entsprechend dem Ergebnis werde das Ministerium entscheiden, wie es weitergeht.

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