■ Daumenkino: Betty und ihre Schwestern
Um sich auf ihre Rollen als Mädchen des 19. Jahrhunderts vorzubereiten, wurden die Darstellerinnen (Winona Ryder, Trini Alvarado, Kirsten Dunst, Claire Danes) eigens in den Künsten des Häkelns, Stickens und Schönschreibens unterrichtet. Auch der Nachbau der Herrenhäuser und Katen New Englands erfolgte so originalgetreu wie möglich und – laut Presseheft – streng nach dem autobiographischen Bestseller von Louisa May Alcott. Was dieses allerdings verschweigt, ist die ungleich wichtigere Tatsache, daß es sich bei Gillian Armstrongs romantischer Komödie „Betty und ihre Schwestern“ um ein Remake von George Cukors Leinwandklassiker „Little Women“ (1933) handelt, in dem die junge Katherine Hepburn so ungestüm das Treppengeländer hinunterrutschte, daß sie die Weiblichkeitsideale Hollywoods ein für allemal Lügen strafte.
Die Story der resoluten Marmee March (Susan Sarandon als beste Mami aller Zeiten) und ihrer vier Töchter, die tüchtig, tapfer und fröhlich ohne Mann die Ära des amerikanischen Bürgerkriegs überstehen, nahm sich zu Cukors Zeiten mit ihren Plädoyers für Frauenwahlrecht und weibliche Selbstbehauptung fast schon feministisch aus. Heute klingen die emanzipatorischen Lehren von Mutter Marmee nur noch wie die sentimentale Reminiszenz an eine Epoche, als Emanzipation noch bedeutete, daß frau sich über ihr Korsett beklagt. Dabei hätte die australische Regisseurin („My brilliant Career“) aus dem historischen Rührstück einen durchaus irritierenden Kostümfilm entwickeln können, in dem die frühen Pionierinnen mit ihren Korkenzieherlocken und Rüschenkleidern die modernen Gesichter unseres sogenannten postfeministischen Zeitalters tragen: zum Beispiel das von Winona Ryder als eigensinniger Jo, die einen Heiratsantrag ausschlägt und sich als Gouvernante und Schriftstellerin allein in die Großstadt New York wagt. Aber Ryder, seit ihrer Rolle in „Reality Bites“ das Idol der GenerationX, fügte sich noch nie so brav in ihre Rolle wie diesmal. Katherine Hepburn wirkte entschieden moderner.
Warum die Trotzköpfchenseifenoper überhaupt noch einmal verfilmt werden mußte, bleibt das Geheimnis der Studiobosse. Das Ergebnis darf jedenfalls den Superlativ des süßlichsten Familienfilms der laufenden Hollywoodsaison für sich in Anspruch nehmen, voller Rosenblätter, Herbstlaub und Glockenklang, glücklicher Kindheit auf verstaubten Dachböden, pittoresker Armut und tränenreicher Umarmungen. Die Traumfabrik frißt ihre Kinder und integriert auch die Frauenbewegung in den Mainstream: als beschauliche Angelegenheit. iwo
„Little Women“, Regie: Gillian Armstrong. Mit Winona Ryder, Trini Alvarado, Kirsten Dunst, Susan Sarandon, USA 1994, 118 Min.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen