Das Sportjahr 2026: Die WM wird einen Sieger haben
Olympia allüberall, Wintersport in Saudi-Arabien und ein Stabhöchstspringer, der sich bei der taz entschuldigt. So wird das Sportjahr, das wird.
Leipzig, 17. Januar: Der FC Bayern startet mit schlanken 12 Punkten Vorsprung in die Bundesligarückrunde. „Wir haben großen Respekt vor den anstehenden Aufgaben“, statementet Trainerbank-Diplomat Vincent Kompany. Der Sieg in der Dosenstadt fällt mit 4:0 denkbar knapp aus.
Riad, 20. Januar: Erstmalig finden die Alkoholikerwettkämpfe der Pfeilewerfer (Saudi Arabia Darts Masters) in einer abstinenten Weltengegend statt. Die angereisten mehrheitlich britischen Fans staunen zwangsnüchtern: „Die Scheiben schwanken beim Werfen ja gar nicht wie bei uns im Ally Pally. Und die Spieler stehen so stramm, wie wir sonst sind. Cheerio.“
Cortina d’Ampezzo, 6. Februar: Mit 47 Prozent Frauen „erlebt die Menschheit das geschlechtergerechteste Olympia der Geschichte“, jubelt IOC-Präsidentin Kirsty Coventry, die 100 Prozent der Chefinriege ausmacht. Die Nordischen Kombiniererinnen wissen, was zu 50 Prozent fehlt: ihre Disziplin. Weltcupsiegerin Nathalie Armbruster: „Da dürfen wir Schwachgeschlechtigen den starken Männern nur in TV und Netz kombiniert zugucken.“
Cortina, 11. Februar: Nochmal Olympiafrauen: Erstmals traut die Funktionärskaste leibhaftigen Nichtmännern das Springen von der Großschanze zu. Beim Skibergsteigen, auch neu im Programm, wird wegen Nichtschnee im neoklimatischen Dauerföhn umdisponiert: Ersatzweise zu Fuß gewinnen die 50:50-Teilnehmenden (Mixed-Staffel) aus Felix Italia den „Kampf der Konditionstiere“, so der Alpensender BR.
Kuwait, 20. Februar: Menschenbeglückung Tiermissbrauch: Bevor im September im schwedischen Karlskrona die Hundetanz-EM stattfindet, rufen die Camel Racing Championship 2026 in die kuwaitische Wüste. Dabei sitzen statt Jockeys festgezurrte Roboter zwischen den Höckern, die Peitschen schwingen, per Joystick gesteuert. „Wir setzen auf Kamele, nicht uns auf Kamele“, wortspielt Züchter Al Kamesh Alshimeri wegen der gigantischen Wetteinsätze der heimischen Oberschicht. Was fehlt: Kamel-Dressurreiten. Stattdessen werden Kuwaits Kamele als Idee bei der Reit-WM aufploppen (siehe 15. August).
Leverkusen, 14. März: Nach langer Krisenphase (ein Spiel ohne Sieg) wird der FC Bayern soeben noch erster Deutscher Vorfrühlingsmeister. „2025 hätte dieser Tag fast zum Faschingsmeister gereicht“, analysiert Sportchef Max Eberl datumssicher, „aber wir brauchen ja neue sportliche Ziele.“ Der deutsche Restfußball nimmt den Titel zur Kenntnis. Ia seid ia.
Toruń, 21. März: Der Schwede Armand Mondo Duplantis bedauert bei der Hallen-WM in Polen seine Verspätung beim Weltrekord im Stabhochsprung von 6,31 Meter: „Eine Berliner Zeitung hatte diese Zwischenmarke schon für 2025 angekündigt. Der Verzug tut mir sehr leid.“ In diesem Jahr will Duplantis den Mondo-Zentimeter, für den er jedes Mal rund 100.000 Dollar kassiert, „mindestens weitere vier Mal angehen“.
Ruhrstadt, 19. April: Auch die Bürgerentscheide in Hamburg, NRW und sogar in Berlin fallen pro Olympia aus. Psychologen erkennen ein „innerseelisches Erwartungsparadox“: Weil alle wüssten, dass es eh keinen IOC-Zuschlag bis 2044 geben wird, könne man „trotzig und heimattreu Ja sagen und sich danach wohlig enttäuscht in der Opferrolle suhlen“. Opfergefühle? Die AfD dockt umgehend an und geißelt den „international gesteuerten Betrug am wiedererwachten Deutschland, Deutschland über alles“.
Mexiko-Stadt, 11. Juni. Die Fußball-WM unter der Knechtschaft der terrible twins Gianni Infantino und Donald Trump startet. Drittelausrichter Mexiko gewinnt zum Auftakt gegen Südafrika, sehr zum Gefallen des Größten Dealmakers aller Zeiten (GröDealaZ) im Land darüber: „Wer die Weißen am Kap derart rassistisch verfolgt, gehört abgestraft. Und Mexiko wird sowieso bald zu unseren Südstaaten. Somit: Sieg USA!!!“ Die „Sportschau“ findet das eine „seltsame Logik“. Umgehend werden alle Mitarbeiter von ARD und ZDF „wegen fehlender Ehrerbietung gegenüber dem Präsidenten“ abgeschoben, sodass die WM in Deutschland kaum zu sehen ist. „Eine Erlösung“, so die „Tagesthemen“.
Toronto/Los Angeles, 12. Juni: Nach dem Startsieg von Mitausrichter Kanada („unsere Nordstaaten“) gegen Wales unterliegt Drittdrittelgastgeber USA gegen Paraguay 0:2. Noch in der Nacht lässt der gelbe Diktator „die tobenden kommunistischen Feindfans“ in L.A. von seinen ICE-Milizen einknasten: „Dieser fremdpatriotische Abschaum, alles heiße Elektrostuhl-Kandidaten.“ Seinen Kriegsminister Hegseth lässt er zu einer Spezialoperation ausrücken: „Pete, bei Fuß, du alter Ork! Schick die Marine in dieses behinderte Para-Land. Und lass unsere Paramount-Leute den Friedenseinsatz dokumentieren.“
Karlsruhe, 17. Juni: Das Bundesverfassungsgericht kippt die KI-Gesichtserkennung von Stadionbesuchern, die bei einem neuerlichen Hinterzimmer-Treffen der Innenminister nun doch beschlossen worden war. „Ein dreister gesellschaftspolitischer Testlauf an Fans ohne jede gesetzliche Grundlage“, so das Recherchenetzwerk Correctiv. Und schiebt Medienkritik hinterher: „Überall wurde dieses orwelleske Projekt hinter Kleinproblemen wie Ticket-Personalisierung und Stadionverboten versteckt wie ein Straußenei im Hühnerstall. Und niemand will etwas gesehen haben.“
Florianópolis/Iquique, 12. Juli: Die US-Marine umrundet erneut Südamerika und sucht weiter einen Hafen in Para-Land.
New Jersey, 19. Juli: Ein letztes Mal besabbert der Fußballpate die „hochwohlgeborene Majestät im White Castle“ und lobpreist dessen „königlich-huldvolle Gastfreundschaft und Menschenliebe.“ Für das Dekret, auch in den USA ab sofort von Football statt Soccer zu sprechen (der amerikanische Football wird zu US-Football), bekommt Trump den „FifaTM Football Forever Literature Noble Price“ in Massivgold. Und auf’m Platz? Endet die WM mit einem Sieger.
Ptuj, 4. August: Florian Lange (20), deutscher Meister der Vielballjonglage, hält bei der 48. European Juggling Convention in Slowenien zehn Bälle ohne drop eine Minute in der Luft. Dem jubelnden Publikum („Nieder mit der Schwerkraft“) gibt er ein Versprechen: „Nächstes Jahr mit einer Hand.“
Aachen, 11. August: Aus Tierschutzgründen findet die Reit-WM ohne das 200-Kilometer-Distanzreiten wie 2006 an gleicher Stelle statt. „Ausdauer-Diskriminierung!“ schimpfen die Long-Distance-Spezialisten aus den Emiraten. „Wir hätten pro Reiter ein Dutzend Pferde mitgebracht, falls das eine oder andere mal wieder unpässlich kollabiert wäre“. Verunfallte Tiere könnten „als sportliches Gnadenbrot“ bei der neuen Disziplin Para-Dressur mitmachen.
Aachen, 15. August. Niemand lässt beim Dressurreiten ohne Para das Sportgerät so zauberhaft piaffieren und traversalieren wie Isabell Werth, 57. Es ist ihr 10. WM-Titel. „Diese Frau würde noch jedes Kamel zu Gold tanzen“, schreibt ergriffen die Rosspostille Aachener Zeitung.
Birmingham, 16. August. Stabhöchstspringer Armand Duplantis überfliegt bei der Leichtathletik-EM 6,35 Meter. „Jahresziel vorzeitig erreicht“, gibt er zu Protokoll. „Diese Höhe ist schon fast alpin. Ich konnte schmecken, dass die Luft weiter oben dünner wird.“
München, 29. August. Erstmals seit fast zwei Jahren muss der geborene FC Immeroben die Tabellenführung der Fußball-Bundesliga räumen. Der stolze Champions-League-Viertelfinalist und Endspiel-Teilnehmer im DFB-Pokal schafft durch ein schales 4:0 im Eröffnungsspiel zwar die Pole – aber nur für eine Nacht. Denn „irgendwer anderes“ (Abendzeitung) gewinnt Samstag 5:1. Trainer Kompany („das schmerzt sehr“) bietet nach dem Versagen seiner Elf deprimiert den Rücktritt an.
Lillehammer, 20. November. Vehement widerspricht die FIS Meldungen der Monatszeitung Postillon, Skispringer dürften – abgesehen von Stiefeln, Brille und Helm – nur noch nackt springen, weil man sonst Manipulationen an der Wettkampfkleidung („Anzuggate“) nicht Herr werde. „Das ist falsch“, so FIS-Materialkontrolleur Matthias Hafele, „ab sofort sind auch Skier verboten. Damit beenden wir alle Tricksereien nachhaltig.“
Lausanne, 29. November: Das IOC erstickt in Olympiabewerbungen. Zuletzt hatten geplante neue Hauptstädte ohne Namen (Ägypten) und die indonesische Rohbaukapitale Nusantara ihren Hut in den Fünf-Ringe-Ring geworfen, dazu jetzt Nuku’alofa auf Tonga, Uummannaq auf Grönland und Vatikanstadt mit seiner großen Indoorhalle Petersdom. Dabei sind die Spiele längst vergeben – nach Delhi 2036, nach Santiago de Chile 2040 (inklusive klassischem Steinstoßen auf der Osterinsel), 2044 nach Riad. Das Kunstschneeparadies Saudi-Arabien wird gleichzeitig Winterolympia („all in one“) ausrichten.
München, 2. Dezember: Die „ewige Sportstadt“ (OB Reiter) bewirbt sich umgehend für Olympia 2048 ff. und plant einen Bürgerentscheid. Der ewige Ministerpräsident Söder ist Optimist: „Spätestens 2072 zum Jubiläum sollte es klappen.“
Zürich, 12. Dezember: Beim 50. Silvesterlauf von Zürich („Züri rennt“), wie immer lange vor Jahreswechsel, feuern die Aktiven während des Rennens selbst das Jubiläumsfeuerwerk ab. „Integrierte Jubelfeiern“ nennen das die Organisatoren stolz: „Härzlichi Glückwünsch uns. Wir befreuen uns sehr mitenand.“
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