■ Das Portrait: Mr. Tagesschau
„Kopfkrebs“ hatte die Boulevardpresse in großen Lettern diagnostiziert, nachdem Werner Veigels Arzt einen Gehirntumor unter der rechten Schläfe des Nachrichtensprechers entdeckt hatte.
Damals im Januar diesen Jahres, als der Chefsprecher der ARD-„Tagesschau“ seinen abrupten Rücktritt vom Bildschirm erklärt hatte, waren die Nachrichtenticker heißgelaufen. Die Agenturen beeilten sich, noch am gleichen Tag das Leben Werner Veigels in der endgültigen Rückschau Revue passieren zu lassen: Geboren 1928 in Den Haag als Sohn eines Deutschen Kaufmanns. Abitur, Sprecherausbildung bei „Radio Hilversum“. 1954 Wechsel zum NDR, wo er ab 1961 die „Tagesschau“- Nachrichten verlas und 1987 zum Chefsprecher ernannt wurde.
Etwas voreilig hatte man Veigels Vita damals im Januar schon abgeschlossen. Denn etwas später wurde der dem Sterben journalistisch bereits Anheimgestellte noch einmal aufmachertauglich: Als sich Werner Veigel öffentlich zu seinem langjährigen Lebensgefährten Carlheinz bekannte. Seit vierzig Jahren lebten die beiden als Paar, in den Niederlanden ließen sie sich offiziell als „Lebenspartner“ registrieren, erklärte Veigel in seinem Abschiedsinterview gegenüber dem Stern.
Werner Veigel Foto: AP
Der stets seriöse „Mr. Tagesschau“ – ein Schwuler? Da erwachte die Boulevardgazetten ein zweitesmal. Der Kölner Express zollte großherzig „Respekt, Herr Veigel!“, und die Berliner B.Z. bot gar einen Soziologen auf, um dem Volke die unerwartete Wende im Bild des sattsam bekannten TV-Gesichts zu erklären. Er sei „völlig normal“, so diesmal die fachärztliche Diagnose, habe „gar nichts Tuntenhaftes“.
Dann wurde es wieder still um den Mann, dessen „Nachrufe“ jetzt abrufbereit in den Schubladen der Redaktionen lagerten. In der Nacht zum Mittwoch ist Werner Veigel nun wirklich gestorben. Im Alter von 66 Jahren – viel zu früh also.
Die Nachrichtenagenturen vermelden sein Ableben nun viel gelassener als den unerwarteten „Bildschirmtod“ vom Januar. Fast abgeklärt trudeln die Meldungen ein: „Erst im Januar bei der Tagesschau der ARD ausgeschieden“, titelt AP. Im Fernsehen stirbt man zweimal.
Aber es macht einen auch unsterblich. In den „Tagesschau“-Wiederholungen der Dritten Programme aus den 70ern wird Werner Veigel weiter auf Sendung bleiben. Wenn nichts dazwischen kommt, noch zwanzig Jahre lang. Klaudia Brunst
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