■ Das Portrait: A real gentleman
Harold WilsonFoto: Reuter
Er war der netteste Premier, den Großbritannien je hatte. Nach Harold Wilsons Tod am Mittwoch früh bescheinigten ihm Freund und Feind, daß der notorische Pfeifenraucher stets höflich, ja sogar freundlich gewesen sei. Screaming Lord Sutch, der als Vorsitzender der „Monster Raving Loony Party“ zweimal direkt gegen Wilson kandidiert hatte, sagte gestern: „Er war ein echter Gentleman. Nachdem er mich bei den Parlamentswahlen 1966 besiegt hatte, kam er zu mir und zündete meine Zigarre an.“ Über Wilsons politische Leistungen gehen die Meinungen jedoch stark auseinander.
Unbestritten ist, daß er mit vier Wahlsiegen der erfolgreichste britische Politiker dieses Jahrhunderts ist. In den Nachrufen ist aber vor allem von seinen Unterlassungen die Rede. Es wird gewürdigt, daß er sein Land nicht in den Vietnamkrieg stürzte, obwohl er die US-Politik voll und ganz unterstützte. Und in Irland kreiden sie ihm an, daß er mit seiner Stillhaltepolitik gegenüber den nordirischen Unionisten den gewaltsamen Konflikt geschürt hat. Er war kein großer Reformer, sondern Verwalter der Nichtreform. Seine größte Leistung, da sind sich alle einig, war die Gründung der Volkshochschulen.
Wilson wurde 1916 in der nordenglischen Grafschaft Yorkshire geboren. Am Jesus College in Oxford studierte er Politik, Philosophie und Wirtschaft, bevor er im Alter von 29 Jahren ins Unterhaus einzog. Als er 1947 zum Handelsminister ernannt wurde, war er das jüngste Kabinettsmitglied seit 1806. Nach Hugh Gaitskells Tod im Februar 1963 wurde Wilson sein Nachfolger als Labour-Chef. Im Oktober des folgenden Jahres gewann er nach 13 Jahren Tory-Herrschaft die Wahlen, hatte im Unterhaus aber eine Mehrheit von nur fünf Sitzen. Deshalb ließ er anderthalb Jahre später erneut wählen und vergrößerte seine Mehrheit auf 97 Sitze. 1970 verlor er jedoch die Parlamentswahlen – es blieb das einzige Mal in fünf Anläufen. Vier Jahre später kam er wieder an die Macht.
Der Rücktritt am 16. März 1976 kam überraschend und löste wilde Spekulationen aus. Fest steht, daß die britischen Geheimdienste MI 5 und MI 6 eine Verleumdungskampagne gegen Wilson führten. Kurze Zeit später begann auch schon sein langsames Sterben an Krebs und Alzheimer. Wie lange man seinen Tod erwartet hat, macht der Nachruf im Independent von gestern deutlich: Der Autor, John Beavan, ist schon vor knapp einem Jahr gestorben. RaSo
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