Das Portrait: Pakistans Pavarotti singt nicht mehr
■ Nusrat Fatch Ali Khan
„Die beste Stimme der Welt“ bescheinigte das Musikmagazin Rolling Stone dem fülligen pakistanischen Superstar einmal; er selbst ließ sich gerne als „leuchtenden Stern des Qawwali“ feiern. Nun ist er erloschen: In London erlag Nusrat Fateh Ali Khan gestern, gerade mal 48 Jahre alt, einem Herzinfarkt.
In England hielt sich die Qawwali-Koryphäe – eigentlich in Pakistan zu Hause – häufig auf. Seit seinem ersten, aufsehenerregenden Auftritt in Europa 1985 beim WOMAD-Festival im englischen Bath galt er dort als gerngesehener Stammgast, und in Peter Gabriels Real- World-Studio nahm er mehr als ein halbes Dutzend Alben mit seinen ekstatischen Sufi- Gesängen auf. Auf diese Weise führte er die Jahrhunderte alten Lobpreisungen der Liebe – insbesondere der zu Gott natürlich – in die westliche Musikwelt ein und profilierte sich zudem als kommerzielles Zugpferd des britischen Weltmusik-Plattenverlags. Manche westlichen Kritiker warfen ihm wegen seiner auffälligen Bereitwilligkeit, mit westlichen Avantgarde-Produzenten und Rock-Musikern zusammenzuarbeiten und dabei mit Wonne auch in profane Pop- Gefilde vorzudringen, den Ausverkauf bewahrungswürdiger Tradition vor. Dabei übersahen sie allerdings, daß Qawwali auch in Pakistan die Sphäre des ausschließlich Religiösen verlassen hat und zur Populärkultur gehört, in Kassettenform zirkuliert und als Hintergrundmusik für bonbonbunte Hollywood- Spielfilme herhalten muß.
Auch westliche Regisseure lernten bald die exotischen Qawwali-Klänge als stimmungsvollen Soundtrack zu schätzen, weswegen Kinogängern die Stimmakrobatik des pakistanischen Pavarotti allenthalben entgegenschallte, in Martin Scorseses „Die letzte Versuchung Christi“ ebenso wie in Oliver Stones „Natural Born Killers“.
Unter den jungen britisch- asiatischen DJs und Musikern, die als Migrantenkinder groß wurden, erfreute sich Nusrat Fateh Ali Khan gerade wegen seines Erfolgs im Westen großer Beliebtheit. Bally Sagoo etwa, ein junger Produzent aus Birmingham, remixte, durchaus als Geste des Respekts, einige Stücke des Qawwali-Königs, die auch auf dem indischen Subkontinent wie eine Bombe einschlugen. Bei Real World sollte in diesem Herbst eine weitere Aufnahme des Meistersängers erscheinen. Es wird wohl seine letzte sein. Daniel Bax
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