DIE WAHRHEIT: Außenposten im Nebel
Die Färöer-Inseln und ihre schlafenden Schafe am Rande des Nichts.

Am 7. September 2012 spielt die deutsche Fußballnationalmannschaft in der WM-Qualifikation für das Turnier 2014 in Brasilien gegen die Färöer – wie schon vor zehn Jahren, als es einen triumphalen 2:1-Sieg gab. Seither sind diese Inseln wieder in Vergessenheit geraten, dieses Gewimmel von Eilanden zwischen Island und Südnorwegen. Ein Grund mehr, einmal genauer ins nordische Nichts zu gucken.
Die Färöer werden auch Schafsinseln genannt, weil es mehr Wollträger gibt als Einwohner. Färinger spielen nicht nur Fußball auf Rasen, sie leben auf Rasen. Und Tuffstein. Und Basalt. Das war’s dann aber. Warum also sollte man dorthin reisen, wo sie nicht einmal alkoholische Getränke ausschenken, derer man gerade da dringend bedürfte? Die Färöer empfehlen sich für Reisende mit einem Faible für Depressionen: Häufige Nebel, hohe Niederschläge – da weint das Herz. Bergsteiger haben ihrer Leidenschaft ratzfatz genüge getan, der höchste Berg namens Slættaratindur ist lediglich 882 Meter hoch. Für die korrekte Aussprache braucht man länger als hinaufzusteigen. Aber was macht man oben? Schafe zählen, sobald der Nebel sich lichtet.
Erkältungsliebhaber kommen voll auf ihre Kosten, denn die Hauptinseln Streymoy und Sigfridroy wimmeln von Tiefkühlfabriken. Vogelliebhaber finden an den Küsten ornithologische Leckerbissen: Auf vorgelagerten Felsen treibt der Papageientaucher sein Unwesen, der nicht weiß, dass man nach Papageien nicht tauchen muss. Sportangler kommen hingegen auf ihre Kosten, wenn auch nicht voll – es gibt ja nichts zu trinken.
Etwa 48.000 Menschen bevölkern die Inseln, die Vermehrung gestaltet sich schwierig wegen der katastrophalen Verkehrsverhältnisse. Meist muss man auf Kutter oder Tretboote zurückgreifen, in Extremfällen gibt es Expressschafe.
Die Färinger sind nicht leicht zugänglich und geraten sich schnell in die Wolle, vor allem beim traditionellen Schafskopf. Dabei beherrschen sie die eigene Sprache völlig unzureichend, weswegen sie aufs Gebrauchsdänisch ausweichen müssen. Das ist demütigend. Die Einheimischen betreiben hauptsächlich Fischfang und Alkoholschmuggel, auch der Gummistiefelverleih bringt ein paar Öre. Nationalgericht ist Klippfischsushi mit Erdäpfelpampe, die die Färinger – wie alles andere auch – mit Walfischöl anrichten.
Die größte Bootsstelle für den Fährverkehr befindet sich in Klaksvik auf Bordoy, wobei Touristen aber überall verladen werden. Als Mitbringsel drängen sich selbst gestrickte Nasenwärmer und Pottwale auf. Trotz ungünstiger Prognosen streben die Faröer den Austritt aus der Gemeinschaft mit Dänemark an, weil man es leid ist, von einer Kettenraucherin und ihrem Dackel züchtenden Prinzgemahl repräsentiert zu werden. Inselpremier Kaj Leo Johannesen will die Unabhängigkeit in einem Fußballspiel im Katzenstroy-Stadion in der Hauptstadt Tórshavn herbeiführen, die übrigens entstanden ist aus einer zufälligen Ansammlung von Treibholz.
Meistens aber vergessen die Färinger ihr Unabhängigkeitsstreben, und sie darauf anzusprechen, hieße schlafende Schafe wecken. Europa sollte sich dennoch glücklich schätzen über seinen Außenposten in der Nordsee – denn die Färöer sind der Nebel der Welt.
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