DDR-Geschichte: Umbau der Vergangenheit

Teile des einstigen Stasi-Ministeriums werden saniert. Deswegen muss auch das Stasi-Museum schließen. Übergangsweise, sagt der Bund. Für immer, fürchten Mitarbeiter.

Wo Mielke herrschte: Das MfS in der Lichtenberger Normannenstraße Bild: dpa

Bis Mai erhalten sie noch Geld, danach ist - zumindest vorerst - Schluss. Die sechs Mitarbeiter des Stasi-Museums in Lichtenberg haben sich bereits bei der Agentur für Arbeit gemeldet. Das Haus 1 des einstigen Ministeriums für Staatssicherheit soll saniert werden. Rund elf Millionen Euro stehen dafür bereit, heißt es aus dem Haus von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU). Die Arbeiten sollen bis zum Sommer beginnen. Doch beim Stasi-Museum, betrieben vom Verein Antistalinistische Aktion (Astak), stoßen die Pläne auf scharfen Protest. "Die Ankündigung, dass wir bis zum 31. Mai hier raus sein sollen, ist vollkommen illusorisch: Wir haben kein angemessenes Ersatzquartier", erklärt Geschäftsführer Jörg Drieselmann.

Die Astak betreibt das Stasi-Museum an der Normannenstraße seit der Wendezeit. Die Gründer gehörten zu jenen, die das Machtzentrum unter Stasi-Chef Erich Mielke im Januar 1990 stürmten und für die Öffentlichkeit zugänglich machten. Der frühere Stasi-Komplex umfasst rund 22 Hektar mit dutzenden Gebäuden. Bis zu 7.000 hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter residierten allein hier als "Schild und Schwert" der SED.

Die Astak will ihre Ausstellung mit tausenden Exponaten auch künftig zeigen, betont Drieselmann. Im letzten Jahr seien rund 80.000 Besucher gekommen. Er befürchtet mehr als eine nur kurzfristige Auszeit für das Museum. Denn der Bund und das Land Berlin wollen einen staatlichen Museumsbetreiber haben. Dem Verein haben sie Anfang des Jahres die Förderzusagen gestrichen. Zwei Drittel des Museumsbudgets in Höhe von 500.000 Euro stammen laut Drieselmann aus diesen Mitteln.

Geht es nach Bund und Land, sollen die Stasibeauftragte Marianne Birthler und die ihr unterstellte Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen (BStU) verantworten, wie das Gebäude künftig genutzt wird. Grundlage dafür ist die Gedenkstättenkonzeption von 2008. Dem Beschluss vorangegangen war eine Empfehlung der Gedenkstättenkommission, nach der künftig vor allem solche Gedenkstätten gefördert werden, die sich an historisch authentischen Orten befinden.

Laut der Konzeption sollen das Museum der BStU und das Stasi-Museum der Astak unter Birthlers Verantwortung zusammengeführt werden. Das Birthler-Museum liegt in der Französischen Straße. Ende April zieht es in kleinere Räumlichkeiten in die Zimmerstraße. Ein authentischer Ort gemäß der Kommission ist dies nicht.

Was genau unter authentisch zu verstehen ist - darüber geht der zweite Streit. Saniert werden müssen bei Haus 1 nach veröffentlichter Vorinformation der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Dach, Keller, Fluchtwege, Elektroanlage, Raumaufteilung und die behindertenunfreundlichen Zugänge. Museumsleiter Drieselmann hält das für übertrieben. Durch das Dach regne es rein, im Keller stehe Wasser. Beidem müsse abgeholfen werden. Doch der Rest sei in Ordnung. Drieselmann befürchtet, dass das Gebäude "totsaniert" und der Originalzustand empfindlich verändert würde.

Tobias Hollitzer gibt ihm Recht. Der Leiter der Leipziger Stasi-Gedenkstätte Runde Ecke sieht Veränderungen an dem historischen Gebäude skeptisch. "Der Originalzustand des Hauses macht den Wert des Ortes aus."

Auch andere einstige Mitstreiter der DDR-Opposition unterstützen die Astak. Ronald Lässig von dem ebenfalls in Haus 1 untergebrachten Verein Vereinigung der Opfer der Stalinisten warnt vor einer Verdrängung der fünf Vereine in dem Gebäude. "Die in dem Haus ansässigen Verbände, insbesondere die Astak, erinnern an den Ort des Geschehens." Nur dort könnten sie die Erinnerung wachhalten. Lässig fordert ein Rückkehrrecht der Astak und der anderen Bürgerinitiativen an ihren angestammten Platz in den publikumsnahen unteren Etagen.

Frank Ebert sieht nicht ein, warum der Bund, also die BStU, alles zur Stasi machen dürfen soll. Damals gehörte er zu den Besetzern, heute leitet er das Projekt "Revolutionsstelen" im Verein Robert-Havemann-Gesellschaft. "Die Astak hat das Museum 20 Jahre lang verdammt gut geleitet. Die haben sich den Arsch aufgerissen für das Haus."

Laut der Birthler-Behörde bricht das Haus 1 jedoch in absehbarer Zeit zusammen. "Es kann nicht die Perspektive sein, so weiterzumachen wie bisher", sagt Helge Heidemeyer, Abteilungsleiter für Bildung und Forschung der Behörde. Heidemeyer versucht zudem, Zweifel über die Zukunft der Mitarbeiter des Stasi-Museums zu zerstreuen. Er sichert den befristet Beschäftigten "eine berufliche Perspektive in einem neu konzipierten Haus 1" zu. Die Astak solle an einer neuen Ausstellung beteiligt sein.

Joachim Gauck, der frühere Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, sieht in dem Konflikt zwischen BStU und Astak ein altes Problem: "Das gab es schon zu meiner Zeit: Die Astak wittert Staat und blockiert. Mir fehlte der konstruktive Ansatz." Anfang Mai findet in dem Museum eine Wettbewerbs-Ausstellung der Uni Cottbus statt. Architektur-Studierende wollen zeigen, wie Haus 1 und das übrige ehemalige Stasi-Areal weiterentwickelt werden können.

Museumschef Jörg Drieselmann

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