„Coin Coin Three" von Matana Roberts

Im befreiten Raum

Panoramischer Sound-Quilt: Die US-Amerikanerin Matana Roberts bearbeitet Themen wie „Race“, „Class“ und „Gender“ in aufregenden Klangmustern.

Künstlerisch ein Gegenpol zur historischen Position eines Malcolm X: Matana Roberts. Bild: Jason Fulford

Wenn Matana Roberts die Bühne betritt, verstummt das Publikum sofort. Vielleicht liegt es an ihrer einnehmenden Erscheinung, vielleicht an der Erwartungshaltung der Anwesenden, die sich darauf einstimmen, schon bald in die Erhabenheit von Roberts’ Improvisationen eintauchen zu dürfen. Während ihrer Shows erzählt die 37-Jährige Geschichten, sie kreischt, macht Witze, geht in sich, ist woanders und plötzlich wieder voll da, spricht das Publikum an. Und doch, man kann es nicht leugnen, hat sie etwas Unnahbares an sich.

Denn Roberts ist keine Entertainerin, sie ist experimentelle Künstlerin. Ja, sie spielt Saxofon und Klarinette, erzeugt Klänge mit ihrer Stimme, doch ist es schwierig, sie eindeutig als Musikerin zu bezeichnen. Umso schwieriger sogar nach der neuen Veröffentlichung „Coin Coin Three: River Run Thee“, auf dem zwölf mehrschichtige Solostücke nahtlos ineinanderfließen. Während die beiden Vorgänger noch an Free Jazz, Blues und Folk erinnerten, ist das neue Werk mehr Installation als Album.

Noisepassagen überrollen asymmetrische Spoken-Word-Ebenen. Aus der Ferne erklingt eine Klarinette, und gerade als ein Refrain besänftigen will, wird er von einer bebenden Synthesizerwelle verschluckt – was bleibt, ist Unbehagen. „River Run Thee“ ist der dritte Teil von Roberts’ ambitioniertem „Coin Coin“-Langzeitprojekt, das am Ende aus insgesamt zwölf Teilen bestehen soll. Mit der Serie hat sich Roberts vorgenommen, die Themen Race, Class und Gender im Kontext der US-Gesellschaft historisch zu behandeln.

Als „panoramischen Sound-Quilt“ bezeichnet Roberts ihre Arbeitsweise. Die Künstlerin schreibt nicht einfach Songs, sie recherchiert und dokumentiert anhand von Klängen. Für „River Run Thee“ etwa reiste sie in den Süden der USA, um Klangaufnahmen auf verlassenen Plantagen zu machen. Dazu rezitiert sie Gedichte von Familienangehörigen, Bekenntnisse eines Sklavenhändlers oder lässt die US-Nationalhymne anklingen.

Matana Roberts: „Coin Coin Three: River Run Thee“ (Constellation/Cargo)

Den Titel „Coin Coin“ entlehnte Roberts Erzählungen aus ihrer Kindheit. Es ist der Spitzname von Marie Thérèse Métoyer, einer befreiten Sklavin, die im 18. Jahrhundert eine unabhängige Kommune für Schwarze in Louisiana gründete – in einem verwandten Kollektiv wuchs Roberts’ verwaister Großvater auf.

Roberts selbst, Tochter von zwei früheren radikalen Aktivisten, ist in Chicagos South Side aufgewachsen, ungefähr zur selben Zeit, als Barack Obama dort als Direktor einer Bürgerorganisation tätig war. Und so zieht sich das Bewusstsein darüber, dass ihre Ahnen Teil eines ganz anderen Systems waren (oder eben nicht waren) als sie selbst, wie ein roter Faden durch Roberts’ Werk. In Interviews betont die Künstlerin das Privileg, in einem „Post-Obama America“ zu leben. Die Sprachlosigkeit angesichts der Tatsache, dass im Weißen Haus heute eine Frau wohnt, deren Vorfahren Sklaven in den Südstaaten waren.

„Taten, die sich wiederholen“

Und nicht zuletzt die Unteilbarkeit von schwarzer und US-Identität – was in Anbetracht der Diskussionen über die Rapperin Azealia Banks, die die schwarze Musiktradition nur schwarzen Musikern vorbehalten sieht, ein nicht unbedeutendes Statement ist. „Unsere Geschichte können wir nutzen, um anderen zu zeigen, wie man mit Dingen umgehen kann, mit denen auch wir schon umgehen mussten und vielleicht immer noch müssen“, sagte Roberts letztes Jahr dem britischen Musikmagazin The Wire. „Ich spreche vor allem von Immigration, LGBT-Rechten und Menschenhandel. Es gibt Beispiele historisch dokumentierter Taten, die sich lediglich wiederholen.“

In diesem Sinne werden das Trauma der Sklaverei und der Kampf der Bürgerrechtsbewegung in „Coin Coin“ nicht wiederbelebt, sondern mit dem Zugang der Oral History neu erörtert. Es ist ein politisches Projekt, ja, aber auch ein höchst persönliches, das in keinem Moment steril wirkt. Das bluesige Saxofon, die repetitiven Folkmelodien und die Naturaufnahmen erzeugen ein Gefühl von Intimität, das auch die eher verstörenden Passagen, die dunkleren Ecken in Matanas Raum erhellt.

Auch die Erschießungen junger Afroamerikaner und die folgenden Proteste in Ferguson und anderen US-Städten im vergangenen Jahr sind präsent auf „River Run Thee“. So wie in dem Stück „As Years Roll By“ das gesungene „Amen“ endlos nachhallt, so hallt der Schmerz der kollektiven Erinnerung in aktuellen Ungerechtigkeiten wider.

Und doch sagt Roberts im Interview mit The Guardian Sätze wie: „I feel sorry for George Zimmerman“, und begreift den Mann, der Trayvon Martin erschoss, als Produkt einer Gesellschaft, von der auch sie selbst ein Teil ist. Diese ganz eigene Radikalität von Roberts kann man als Gegenpol zu der Position von Malcolm X begreifen, dessen Todestag sich an diesem Wochenende zum 50. Mal jährt. Und doch ist es seine Stimme, die die 46-minütige Performance auf „River Run Thee“ schließt mit den versöhnlichen Worten: „I am not a racist.“

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