China gegen Tibet: Zwangsmodernisierung per Bahn

Chinas Entwicklungspolitik wirkt sich einem Bericht zufolge negativ auf das traditionelle Leben der Tibeter aus. Eine neue Eisenbahnlinie verstärke diesen Trend.

Die traditionelle tibetische Kultur profitiert von der Eisenbahnstrecke nicht. Bild: rtr

Chinas Entwicklungspolitik in der Autonomen Region Tibet benachteiligt und marginalisiert die tibetische Bevölkerung und gefährdet zugleich deren traditionellen Lebensweisen und das dortige Ökosystem. Zu diesem Fazit kommt ein am Donnerstag vorgelegter Bericht der International Campaign for Tibet (ICT). Die Lobbygruppe mit Büros in Washington, Amsterdam, Brüssel und Berlin setzt sich für das Selbstbestimmungsrecht der Tibeter und einen Dialog zwischen der Regierung in Peking und dem Dalai Lama ein.

Der 257-seitige Bericht "Tracking the steel dragon" untersucht die Auswirkungen der im Juli 2006 fertiggestellten Eisenbahnstrecke von der Provinz Qinghai in Tibets Hauptstadt Lhasa. Diese welthöchste Eisenbahnlinie, die zur Hälfte über Permafrostböden führt, ist das symbolträchtigste Projekt in der 1999 formulierten Regierungsstrategie zur Entwicklung Westchinas. Durch verstärkte Investitionen in die Erschließung der westlichen Landesteile will die Regierung in Peking die wachsende Ungleichheit zwischen dem Westen und den boomenden Küstenregionen im Osten reduzieren sowie den Austausch zwischen den Regionen fördern.

Bisher waren auf der 4,1 Milliarden US-Dollar teuren Eisenbahnstrecke rund 1,5 Millionen Reisende unterwegs. Zwar habe die Bahnstrecke wie auch der Ausbau von Straßen- und Flugverbindungen die Zahl der Touristen in Tibet in 2007 um 60 Prozent auf zuletzt 4 Millionen erhöht, womit sie mehr als die dortige Bevölkerungszahl beträgt. Doch laut ICT seien nur 40 Prozent der Bahnreisenden Touristen. Hauptsächlich diene die Bahnstrecke chinesischen Arbeitsmigranten und dem Abtransport von Rohstoffen, kritisiert der Bericht. Zudem habe die Bahn eine große strategische Bedeutung, was sich auch an der geplanten Verlängerung bis zur Grenze nach Nepal zeige.

Weil in Tibet das Bildungssystem so schlecht sei - fast die Hälfte der Tibeter sind Analphabeten, seien diese auf dem Arbeitsmarkt chancenlos gegen die in großer Zahl einströmenden chinesischen Arbeitsmigranten. Die Marginalisierung der Tibeter verstärke sich durch die Zwangsansiedlung von bisher 540.000 der 800.000 tibetischen Nomaden. Während sie ihrer Lebensgrundlagen beraubt würden, seien sie für den Arbeitsmarkt nicht qualifiziert.

Laut Bericht passe die auf einem städtisch-industriellen Entwicklungsmodell basierende chinesische Politik weder zur traditionellen Lebensweise der Tibeter noch zum hochsensiblen Ökosystem ihrer Heimat. Und: Sie widerspreche auch Chinas Interesse an einer Stabilisierung seiner dortigen Herrschaft. "Nur eine Umorientierung der Wirtschaftsstrategie in Richtung lokaler Integration - eine "Tibetisierung" der Entwicklung - und die Beteiligung der Tibeter an Entscheidungsprozessen, kann diesen Trend der Marginalisierung und Entfremdung umkehren", schlussfolgert der Bericht.

Dass Chinas Regierung den Bericht ernst nimmt, zeigte die postwendende Reaktion. "Wir glauben, dass die Qinghai-Tibet-Eisenbahn eine positive Rolle in der Förderung der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung gespielt hat", erklärte gestern Außenamtssprecher Liu Jianchao vor der Presse in Peking.

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