Chefredakteurin über Straßenmagazin: „Es geht auch um den Austausch“

Das Hamburger Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“ wird wieder gedruckt und verkauft. Die Chefredakteurin erläutert, was das für die Verkäufer*innen bedeutet.

Ein Verkäufer der Straßenzeitung Hinz&Kunzt steht an einer U-Bahn Treppe

Ein Straßenverkäufer steht am U-Bahnhof in Hamburg-Winterhude Foto: Jürgen Ritter/imago

taz: Frau Müller, nach zwei Monaten Pause wird seit Mittwoch das Hamburger Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“ wieder als gedruckte Ausgabe verkauft. Wir sprechen Mittwochmittag miteinander, wie läuft es bisher?

Birgit Müller: Wir sind begeistert und haben uns gefreut, die Verkäufer wiederzusehen. Seit 10 Uhr werden bei uns die Magazine ausgegeben. Die Verkäufer hatten Zeitkarten erhalten, damit sie wissen, wann sie kommen und ihren Satz Magazine abholen können, damit es nicht zu einem Andrang kommt. Alle Verkäufer haben sich genau an die Regeln gehalten, was mich außerordentlich freut. Normalerweise machen wir am Ausgabetag eine große Versammlung mit Essen für alle Verkäufer, das musste natürlich leider ausfallen. Immerhin haben wir auch Lunchtüten und Obst rausgegeben. Das ist natürlich nicht dasselbe, aber wir haben die Zeit beim Anstehen genutzt, um uns zu unterhalten.

Haben Sie schon Feedback bekommen, wie es bisher läuft mit dem Verkauf?

Bisher haben wir noch keinen Rücklauf, dafür ist es zu früh. Unsere ganz große Hoffnung ist, dass die Hinz&Künztler ihre angestammten Plätze wieder einnehmen können, beziehungsweise dass die Supermärkte und Geschäfte ihnen dabei helfen, einen neuen Platz zu finden, wo sie das Magazin anbieten können.

Wie schützen sich denn die Verkäufer*innen vor Infektion?

Birgit Müller ist Chefredakteurin des Hamburger Straßenmagazins „Hinz&Kunzt“

Wir geben Masken aus und Visiere, die gespendet wurden, wir haben Desinfektionsmittel und achten auf die Abstandsregeln. Das gilt auch für uns selbst: Unser Team ist zweigeteilt, es gibt Team rot und Team grün, jedes ist für sich einsatzfähig, aber die Teams dürfen sich nicht begegnen. Das ist für den Fall, dass es einen Infektionsverdacht gibt und alle Kontakte dieser Person in Quarantäne müssen. Dann könnte das andere Team immer noch weitermachen.

Die gedruckte Ausgabe von „Hinz&Kunzt“ ist zweimal ausgefallen. Wie haben die Verkäufer*innen die letzten Wochen erlebt? Wie hat sich das Fehlen der Druckzeitung für sie ausgewirkt?

Wir waren alle verzweifelt, als wir beschlossen haben, das Magazin nicht zu drucken. Es geht ja einerseits darum, ein bisschen Geld dazuzuverdienen, aber es geht auch um Austausch. Viele der Verkäufer haben nicht so viele Menschen, mit denen sie sich austauschen können, oft sind das vor allem die Kunden. Was wirklich wunderbar ist: Wir haben um Spenden gebeten, damit wir jedem Verkäufer 100 Euro Soforthilfe auszahlen können, dafür hätten wir 53000 Euro benötigt. Aber durch die großartige Hilfe der Hamburger sind sogar 390000 Euro zusammengekommen, sodass wir vier Mal Geld ausbezahlt haben und heute ein Starterset für jeden bereit hatten – mit 20 geschenkten Magazinen, Maske und Visier und Desinfektionsmittel.

In der Coronazeit erlebt ja das Digitale einen zusätzlichen Aufschwung. Gibt es eine Zukunft für das Prinzip Straßenzeitung auch online?

Natürlich senden wir ohnehin über digitale Kanäle wie Social Media, allein schon um junge Leser zu gewinnen. Aber ehrlich gesagt gibt es noch keine gangbare Lösung für eine voll digitale Straßenzeitung. Denn Magazin und Verkäufer sind unzertrennlich. Jede Lösung, ob digital oder sonstwie, muss über den Verkäufer laufen, und über den persönlichen Kontakt. Solange es eine solche Lösung nicht gibt, gibt es keine Alternative zum gedruckten Magazin.

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