Cees Nooteboom über neuen Gedichtband: „Ich war wunderbar isoliert“

Im Allgäu gestrandeter Weltbürger: der Schriftsteller und Lyriker Cees Nooteboom hat die Zeit in Isolation genutzt, um ein neues Werk aufzusetzen.

Portrait von Cees Nooteboom.

Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom Foto: Barbara Zanon/getty images

taz am wochenende: Herr Nooteboom, Ihre Frau, die Fotografin Simone Sassen, hat für dieses Gespräch eine Festnetznummer im Allgäu durchgegeben. Was machen Sie dort?

Cees Nooteboom: Wir sind seit Silvester hier in einem Haus von Freunden, auf dem Land, fünf Kilometer vom nächsten Ort entfernt. Für gewöhnlich feiern wir hier den Jahreswechsel, bleiben anschließend noch einige Wochen und reisen dann wieder ab. Dieses Jahr hat eine Krankheit unsere Pläne durchkreuzt. Ich musste ins Krankenhaus – zum ersten Mal in meinem Leben, und ich werde im Juli 87! Das war eine eigenartige Erfahrung.

Inwiefern?

Ich gehöre zu der Generation der geschlossenen Körper, was ich mit einer gewissen Ironie sage, denn vor ungefähr 30 Jahren ist in Holland ein Buch mit dem Titel „Der geschlossene Körper“ erschienen. Damals wollte man nicht wissen, welche Prozesse im eigenen Körper ablaufen. Dummerweise war das auch bei mir der Fall. Ich wusste nicht, was mir fehlt. Im Krankenhaus hat man mir alles erklärt. Ich hatte Probleme mit Galle und Leber, musste operiert werden. Nachdem ich entlassen war, standen noch einige Kontrolluntersuchungen an, wir mussten also im Allgäu bleiben. Na ja, und zudem ist Coronapandemie. Unter normalen Umständen wäre ich jetzt in meinem Haus auf Menorca.

Sie stecken also fest, dabei reisen Sie und Ihre Frau für gewöhnlich sehr viel.

Es ist eine erzwungen meditative Zeit, in der ich sehr viel von Deutschland mitbekomme. Man lebt in der Nähe einer kleinen mittelalterlichen Stadt, geht zum Markt und führt ein mehr oder weniger deutsches Leben.

Und, wie finden Sie dieses deutsche Leben?

Der Schriftsteller: Sein Werk umfasst Romane, Novellen, Reiseberichte, Gedichte. In den Niederlanden wurde bereits eine Erstlingswerk „Philip und die anderen“ (1955) breit rezipiert. International erregte erst der Roman „Rituale“ (1980) Aufmerksamkeit

Der Mensch: Cees Nooteboom wurde am 31. Juli 1933 in Den Haag geboren. Durch einen fehlgeleiteten britischen Bombenangriff verlor er 1945 den Vater. Nooteboom ist mit der Fotografin Simone Sassen verheiratet.

Ich kenne diesen Ort ganz gut, weil wir schon öfter hier waren, aber nur im Winter. Nun ist das Wetter unglaublich schön …

Warum lachen Sie?

... Ach, ich führe eigentlich ein Literaturleben. Eine amerikanische Freundin hat meine Situation ganz gut auf den Punkt gebracht. Sie schrieb: „Gratuliere zur völligen Isolation in einer Bibliothek.“ Dieses Haus ist voller Literatur, Borges, Proust, die deutschen Klassiker, das gesamte Werk Hölderlins, ich habe viel gelesen. Gleichzeitig habe ich an Gedichten für einen neuen Band gearbeitet, der nun in Holland erschienen ist.

Worum geht es in den Gedichten?

Der Band heißt „Abschied“. Ich habe im Spätsommer auf Menorca zu schrei­ben begonnen, noch vor Corona. Aber der Untertitel des Bands lautet: „Gedichte aus der Zeit des Virus“, denn abgeschlossen habe ich ihn im Allgäu. Inspiriert haben mich zum einen Zeichnungen des Berliner Malers Max Neumann, die er mir geschickt hatte. Zum anderen aber auch die ungewisse Situa­tion angesichts der Pandemie, nicht zu wissen, was wann wieder möglich sein wird.

Sie spielen in Ihrem Reisebuch „Venedig“ mit dem Gedanken, wie es wäre, dort eingeschlossen zu sein. Nun wurde diese Eingeschlossenheit Realität. Erleben Sie sie als etwas Bedrückendes oder eher Inspirierendes?

Mittlerweile erlebe ich sie eher inspirierend. Aber die Eingeschlossenheit lässt sich bei mir nicht von der Phase meiner Krankheit trennen, und das war eine essenzielle Erfahrung. Meine Frau durfte mich damals im Krankenhaus nicht besuchen, es gibt einen ganz anderen Tagesrhythmus, und wenn man entlassen wird, ist man erst mal vor allem müde.

Hat das den Gedichtband beeinflusst?

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Ich denke, die Themen stecken natürlich drin: Isolation und Abschied nehmen, was niemandem so leichtfällt. Wobei ich nach Erscheinen nun feststelle, dass manche Leute denken, es ginge im wörtlichen Sinne um meinen persönlichen Abschied.

Ist aber vielmehr metaphorisch gemeint?

Die Ironie dabei ist: Mein allererster Gedichtband, der 1956 auf Niederländisch erschienen ist, heißt: „Die Toten suchen ein Haus“. Das hatte damals wie heute nichts mit Todesangst zu tun. Der Gedanke an Abschied ist in meinem Alter heute aber doch keine Überraschung. Manchmal fragen mich Leute, wieso ich mich mit dem Tod beschäftige. Ich antworte immer: Ganz einfach, weil ich das nicht mehr kann, wenn ich tot bin.

Hat Ihre Krankenhauserfahrung da­zu geführt, dass Sie sich jetzt stärker damit beschäftigen?

Nicht in direktem Sinne, nein. Die Klinikwelt hat mich eher fasziniert: Die Abläufe und die Krankenschwestern aus vielen verschiedenen Nationen – ukrainische, kroatische, aber auch viele deutsche – das hatte auch etwas von einer Reise in ein anderes Land. Beschäftigt hat mich die veränderte Welt draußen, als ich wieder entlassen war.

Weil sich dort plötzlich auch alle mit dem Thema Krankheit beschäftigt haben?

Diese Leere überall hat mich berührt. Ich weiß noch, wie uns der Bruder meiner Frau abgeholt hatte, wir durften nicht zu dritt in ein Auto steigen. Dann waren alle Straßen leer, auch die Autobahn. In Bussen und Trams fuhren kaum Fahrgäste. Aber dann kommt man in dieses Haus auf dem Land, und alles ist wie immer: Wiesen, Wälder, auch noch schönes Wetter. Da ist man wieder bei sich. Ich war, positiv ausgedrückt, wunderbar isoliert.

Hat Ihnen diese Leere Angst gemacht?

Angst nicht, nein. Aber es war sehr eigenartig. Beängstigend finde ich eher die jetzige Situation. Samstags ist Lindau wieder so voll wie früher. Als ich dann noch Bilder vom legendären ersten Flug nach Mallorca gesehen habe, hat mir das schon Angst gemacht. Das Flugzeug war voll besetzt. Offensichtlich wollen die meisten Leute Corona vergessen. Aber das wird nicht so leicht klappen. In irgendeiner Ecke des Gehirns bleibt es hängen, als Warnung vielleicht oder als Albtraum, der zurückkommt. Das spürt man auch bei den neuartigen Ritualen, die sich entwickelt haben.

Was meinen Sie?

Man kann sie zum Beispiel gut in Lindau auf dem Samstagsmarkt beobachten. Er fand immer auf einem kleinen Platz neben einer Kirche statt. Jetzt ist er in die Nähe des Wassers verlegt worden, dort ist mehr Platz. Die Leute stehen Schlange an den Ständen, man hält sich an die Abstandsregeln. Wenn nur sechs Leute anstehen, dann ist das schon eine Schlange von 12 Metern. Die anderen Marktbesucher müssen aber diese Schlangen durchkreuzen, um zu anderen Ständen zu gelangen. Da spürt man doch viel Argwohn, bei aller ironischen Haltung, die manche Menschen dabei einnehmen.

Sie haben vorhin angesprochen, dass Sie 87 werden. Sie gehören offiziell also zur Risikogruppe. Spüren Sie das im Alltag, werden Sie anders behandelt?

Nein, ich musste nur im Krankenhaus einen Coronatest machen. Ich kenne auch nur eine Person, von meiner Insel Menorca, die an Corona gestorben ist. Vielleicht habe ich auch deshalb keine Angst, weil mir der persönliche Bezug fehlt. Was ich aber bemerke, ist ein altersunabhängiges Verhalten: Leute weichen schnell einen Schritt zur Seite, wenn sie feststellen, dass sie einem zu nahe gekommen sind. Sie weichen ständig aus.

Eine Art Menschenscheu, weil man die anderen als potenziell ansteckend empfinden muss?

Ja, die Situation birgt auf jeden Fall ein Dilemma. Ich muss zum Beispiel am 17. September unbedingt nach Palma de Mallorca reisen, weil ich dort den diesjährigen Prix Formentor verliehen bekomme. Ich freue mich sehr über die Auszeichnung. Aber als ich meine Dankesrede vorab geschickt habe, fragte ich mich schon, ob ich wirklich dort stehen werde. Vielleicht kommt ja eine zweite Welle? Ich bin kein Mediziner oder Epidemiologe, aber ich versuche doch, dem Risiko Rechnung zu tragen. Es herrscht unterschwellig ein Klima der Unsicherheit.

Das ist vielleicht die größte Herausforderung, dass man bei aller Technik und allem medizinischen Wissen eine Krankheit nicht kontrollieren kann. Müssen wir lernen, mit dieser großen Unbekannten zu leben?

Vieles bleibt eine persönliche Abwägung, bei der ökonomische Aspekte eine Rolle spielen. Touristen zum Beispiel erhöhen die Gefahr, dass sich das Virus verbreitet. Das hat man in Neuseeland gesehen, das für eine kurze Zeit coronafrei war, bis wieder Menschen ins Land gereist sind. Andererseits habe ich einen Bericht über Mallorquiner gesehen, die es zwar sehr genossen haben, ihre Strände wie früher nicht mehr mit Massen von Touristen teilen zu müssen. Wenn diese Touristen aber ausbleiben, bleibt auch ihr Einkommen aus. Das Risiko ist mit der Existenzsicherung untrennbar verbunden.

Sie haben einmal gesagt, es fühle sich so an als habe man mehrere Leben, wenn man so viel reist wie Sie und an drei Orten zu Hause ist. Fehlen Ihnen diese Leben?

Nach dem Leben in der Großstadt sehne ich mich momentan nicht. Vielleicht habe ich das richtige Alter für das Land bekommen. Nach Amsterdam werde ich in den nächsten Wochen auf jeden Fall wieder fahren. Dort ist mein Haus, sind meine Bücher und meine Gemälde. Aber mein Arbeitszimmer befindet sich auf Menorca, da frage ich mich schon, ob ich dort jemals wieder werde hinreisen können – und wenn nein, was dann?

Wie lautet die Antwort?

Das kann ich mir kaum vorstellen, es ist ja Teil meines Lebens. Ich rufe oft meine Freunde auf Menorca an und bitte sie, doch mal nach meinen Kakteen zu sehen. Wir haben das Haus dort seit 50 Jahren, ich bin daran gewöhnt, dass ich gehe und wieder zurückkomme. Aber wenn es so kommt, dann ist es einfach eine Tatsache.

Das klingt sehr abgeklärt.

Nun ja, ich meine, an Ihrer Stimme zu hören, dass Sie jünger sind, als ich es bin. Wenn man 87 wird, weiß man, dass nichts für die Ewigkeit ist. Damit habe ich mich abgefunden, ohne den ganzen Tag vor Angst zu zittern. Das wäre ganz anders, wenn ich 43 wäre. Da denkt man nicht ans Ende. Wobei, ich habe keine Ahnung, wie alt Sie wirklich sind.

43. Das haben Sie genau richtig geschätzt.

Ha, das wäre eine schöne Gabe, wenn ich das Alter an der Stimme schätzen könnte.

Ich hätte eher gedacht, dass im Alter die Ungeduld zunimmt, weil man weiß, nicht mehr unendlich viel Zeit zu haben. Offenbar liege ich da falsch.

Ich wollte schon immer vermeiden, dass in meiner Todesanzeige steht: Er hatte noch so viele Pläne. Denn die hat man nur, wenn man nicht gemacht hat, was man immer machen wollte. Das ist bei mir nicht der Fall. Nach meinem frühen Erfolg mit dem Roman „Philip und die anderen“ habe ich einen weiteren Roman geschrieben, den ich einerseits als absolut notwendig, andererseits als nicht gelungen betrachte. Es geht um einen Schriftsteller, der für einen anderen Schriftsteller ein Buch weiterschreiben soll, weil dieser nicht weiterkommt. Der andere Schriftsteller, so heißt er auch im Roman, zieht auf die Insel, wo der erste gelebt hat, und entscheidet sich am Ende, das Buch nicht fertigzustellen. Der Roman erhielt in Holland einen Verriss, aber auch einen Preis. Danach habe ich 17 Jahre lang keine Fiktion mehr geschrieben, aber immer gewusst, dass noch was kommt.

Sie sind dann erst mal viel gereist.

Als ich auf meinen unzähligen Reisen die Reisebücher geschrieben hatte, dachte ich mir rückblickend, es fehlte mir damals einfach, was man auf Französisch so schön connaissance du monde nennt. Ich hatte zu wenig Stoff gesammelt. Dann habe ich „Ri­tua­le“ geschrieben und noch einige weitere Romane. Wäre ich davor gestorben, hätte ich das Gefühl gehabt, dass etwas fehlt. Aber jetzt wartet kein riesiger Roman mehr auf mich.

Sondern Gedichte und Reisebücher?

Mein letztes Buch, das in Deutschland ziemlich unbekannt geblieben, aber mir ziemlich wichtig ist, heißt: „533 Tage“. Das sind im Wesentlichen Meditationen und Gedanken. Ich habe es auf Menorca geschrieben, es hat mir großes Vergnügen gemacht. Für meinen letzten Gedichtband wurde ich von der Akademie in München ausgezeichnet. Das hat mich sehr gefreut, aber man kann von Poesie nicht erwarten, dass sie ein Publikumserfolg wird. Die Leute, die Romane lieben, kaufen keine Gedichte.

Hat sich Ihre Beziehung zu den Büchern durch die Rezeption verändert?

Nehmen Sie mein Buch „Der Ritter ist gestorben“, darin habe ich etwas versucht, was wirklich nicht ganz gelungen ist. Zu diesem Urteil komme ich selbst. Es war dementsprechend nie ein Erfolg, aber es zu schreiben, war für mich unglaublich wichtig, daher habe ich das nie bedauert.

Welche Bedeutung hat Ihr erfolgreichster Roman „Rituale“ für Sie, mit dem Sie auch in Deutschland bekannt wurden?

Na ja, mir ist bewusst, dass der Erfolg für mich sehr viel verändert hat. Aber irgendwann ist ein Buch auch Vergangenheit, dann kommen neue.

Ist außer Ihrem aktuellen Gedichtband noch etwas Neues geplant?

Im Herbst soll im Verlag Schirmer Mosel ein Buch über das japanische Kloster Kozan-ji in der Nähe von Kioto erscheinen. Ich schreibe eine Einführung über diesen wunderbar einfachen, aber beeindruckenden buddhistischen Tempel. Dort gibt es besondere Zeichnungen, Bildrollen von „lustigen Tieren“ aus dem 12. und 13. Jahrhundert, unglaublich wunderbar, lebendig und zeitlos. Eigentlich wollte ich im Mai nach Tokio reisen und den Tempel noch mal besuchen. Nun ja, auch diese Reise hat nicht stattgefunden und sie wird es wahrscheinlich auch nicht mehr.

Doch ein Anflug von Pessimismus?

Sagen wir so: Ich spekuliere lieber nicht, sonst wäre ich vielleicht enttäuscht. Freunde aus New York fragen mich auch ständig, wann ich wiederkomme. Ich war dort immer gern und mag mich nicht mit der Vorstellung anfreunden, dass es nicht mehr spontan möglich sein könnte. Dazu vielleicht eine kurze Geschichte: Unsere Gastfrau hier im ­Allgäu war mit einem großen Verleger befreundet. Als er im Sterben lag, vorletztes Jahr glaube ich, kam sie aus Deutschland nach New York geflogen, um dem Verleger aus Berlin noch einmal Königsberger Klopse zu kochen. Das fand ich sehr rührend. Da fliegt jemand über den ganzen Ozean, um für einen Menschen noch einmal ein urdeutsches Gericht zu kochen, weil er ihr das wert ist. Das sind sicher Ausnahmegeschichten, aber es macht doch glücklich, dass es sie gibt. Aber ich bin zufrieden, so wie vor der Pandemie auch – abgesehen davon, dass ich meinen neuen Lyrikband nicht in den Händen halten kann.

Wieso nicht?

Irgendetwas ist beim Versand aus ­Holland schiefgegangen. Ich habe mal gehört, dass Peter Handke immer so wütend wurde, wenn andere das Buch vor ihm hatten. So weit geht es bei mir nicht. Aber langsam ärgert es mich. Und es macht mich traurig. Für Autoren ist es doch ein einzigartiger Augenblick, das Buch in den Händen zu halten. Mit Selbstverliebtheit hat das nichts zu tun, sondern ich möchte sehen, dass es wahr ist, dass es erschienen ist. Wenn man älter geworden ist, hat man das zwar oft erlebt, aber dieses Gefühl ändert sich nicht.

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