Cees Nooteboom über neuen Gedichtband: „Ich war wunderbar isoliert“

Im Allgäu gestrandeter Weltbürger: der Schriftsteller und Lyriker Cees Nooteboom hat die Zeit in Isolation genutzt, um ein neues Werk aufzusetzen.

Portrait von Cees Nooteboom.

Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom Foto: Barbara Zanon/getty images

taz am wochenende: Herr Nooteboom, Ihre Frau, die Fotografin Simone Sassen, hat für dieses Gespräch eine Festnetznummer im Allgäu durchgegeben. Was machen Sie dort?

Cees Nooteboom: Wir sind seit Silvester hier in einem Haus von Freunden, auf dem Land, fünf Kilometer vom nächsten Ort entfernt. Für gewöhnlich feiern wir hier den Jahreswechsel, bleiben anschließend noch einige Wochen und reisen dann wieder ab. Dieses Jahr hat eine Krankheit unsere Pläne durchkreuzt. Ich musste ins Krankenhaus – zum ersten Mal in meinem Leben, und ich werde im Juli 87! Das war eine eigenartige Erfahrung.

Inwiefern?

Ich gehöre zu der Generation der geschlossenen Körper, was ich mit einer gewissen Ironie sage, denn vor ungefähr 30 Jahren ist in Holland ein Buch mit dem Titel „Der geschlossene Körper“ erschienen. Damals wollte man nicht wissen, welche Prozesse im eigenen Körper ablaufen. Dummerweise war das auch bei mir der Fall. Ich wusste nicht, was mir fehlt. Im Krankenhaus hat man mir alles erklärt. Ich hatte Probleme mit Galle und Leber, musste operiert werden. Nachdem ich entlassen war, standen noch einige Kontrolluntersuchungen an, wir mussten also im Allgäu bleiben. Na ja, und zudem ist Coronapandemie. Unter normalen Umständen wäre ich jetzt in meinem Haus auf Menorca.

Sie stecken also fest, dabei reisen Sie und Ihre Frau für gewöhnlich sehr viel.

Es ist eine erzwungen meditative Zeit, in der ich sehr viel von Deutschland mitbekomme. Man lebt in der Nähe einer kleinen mittelalterlichen Stadt, geht zum Markt und führt ein mehr oder weniger deutsches Leben.

Und, wie finden Sie dieses deutsche Leben?

Der Schriftsteller: Sein Werk umfasst Romane, Novellen, Reiseberichte, Gedichte. In den Niederlanden wurde bereits eine Erstlingswerk „Philip und die anderen“ (1955) breit rezipiert. International erregte erst der Roman „Rituale“ (1980) Aufmerksamkeit

Der Mensch: Cees Nooteboom wurde am 31. Juli 1933 in Den Haag geboren. Durch einen fehlgeleiteten britischen Bombenangriff verlor er 1945 den Vater. Nooteboom ist mit der Fotografin Simone Sassen verheiratet.

Ich kenne diesen Ort ganz gut, weil wir schon öfter hier waren, aber nur im Winter. Nun ist das Wetter unglaublich schön …

Warum lachen Sie?

... Ach, ich führe eigentlich ein Literaturleben. Eine amerikanische Freundin hat meine Situation ganz gut auf den Punkt gebracht. Sie schrieb: „Gratuliere zur völligen Isolation in einer Bibliothek.“ Dieses Haus ist voller Literatur, Borges, Proust, die deutschen Klassiker, das gesamte Werk Hölderlins, ich habe viel gelesen. Gleichzeitig habe ich an Gedichten für einen neuen Band gearbeitet, der nun in Holland erschienen ist.

Worum geht es in den Gedichten?

Der Band heißt „Abschied“. Ich habe im Spätsommer auf Menorca zu schrei­ben begonnen, noch vor Corona. Aber der Untertitel des Bands lautet: „Gedichte aus der Zeit des Virus“, denn abgeschlossen habe ich ihn im Allgäu. Inspiriert haben mich zum einen Zeichnungen des Berliner Malers Max Neumann, die er mir geschickt hatte. Zum anderen aber auch die ungewisse Situa­tion angesichts der Pandemie, nicht zu wissen, was wann wieder möglich sein wird.

Sie spielen in Ihrem Reisebuch „Venedig“ mit dem Gedanken, wie es wäre, dort eingeschlossen zu sein. Nun wurde diese Eingeschlossenheit Realität. Erleben Sie sie als etwas Bedrückendes oder eher Inspirierendes?

Mittlerweile erlebe ich sie eher inspirierend. Aber die Eingeschlossenheit lässt sich bei mir nicht von der Phase meiner Krankheit trennen, und das war eine essenzielle Erfahrung. Meine Frau durfte mich damals im Krankenhaus nicht besuchen, es gibt einen ganz anderen Tagesrhythmus, und wenn man entlassen wird, ist man erst mal vor allem müde.

Hat das den Gedichtband beeinflusst?

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Ich denke, die Themen stecken natürlich drin: Isolation und Abschied nehmen, was niemandem so leichtfällt. Wobei ich nach Erscheinen nun feststelle, dass manche Leute denken, es ginge im wörtlichen Sinne um meinen persönlichen Abschied.

Ist aber vielmehr metaphorisch gemeint?

Die Ironie dabei ist: Mein allererster Gedichtband, der 1956 auf Niederländisch erschienen ist, heißt: „Die Toten suchen ein Haus“. Das hatte damals wie heute nichts mit Todesangst zu tun. Der Gedanke an Abschied ist in meinem Alter heute aber doch keine Überraschung. Manchmal fragen mich Leute, wieso ich mich mit dem Tod beschäftige. Ich antworte immer: Ganz einfach, weil ich das nicht mehr kann, wenn ich tot bin.

Hat Ihre Krankenhauserfahrung da­zu geführt, dass Sie sich jetzt stärker damit beschäftigen?

Nicht in direktem Sinne, nein. Die Klinikwelt hat mich eher fasziniert: Die Abläufe und die Krankenschwestern aus vielen verschiedenen Nationen – ukrainische, kroatische, aber auch viele deutsche – das hatte auch etwas von einer Reise in ein anderes Land. Beschäftigt hat mich die veränderte Welt draußen, als ich wieder entlassen war.

Weil sich dort plötzlich auch alle mit dem Thema Krankheit beschäftigt haben?

Diese Leere überall hat mich berührt. Ich weiß noch, wie uns der Bruder meiner Frau abgeholt hatte, wir durften nicht zu dritt in ein Auto steigen. Dann waren alle Straßen leer, auch die Autobahn. In Bussen und Trams fuhren kaum Fahrgäste. Aber dann kommt man in dieses Haus auf dem Land, und alles ist wie immer: Wiesen, Wälder, auch noch schönes Wetter. Da ist man wieder bei sich. Ich war, positiv ausgedrückt, wunderbar isoliert.

Hat Ihnen diese Leere Angst gemacht?

Angst nicht, nein. Aber es war sehr eigenartig. Beängstigend finde ich eher die jetzige Situation. Samstags ist Lindau wieder so voll wie früher. Als ich dann noch Bilder vom legendären ersten Flug nach Mallorca gesehen habe, hat mir das schon Angst gemacht. Das Flugzeug war voll besetzt. Offensichtlich wollen die meisten Leute Corona vergessen. Aber das wird nicht so leicht klappen. In irgendeiner Ecke des Gehirns bleibt es hängen, als Warnung vielleicht oder als Albtraum, der zurückkommt. Das spürt man auch bei den neuartigen Ritualen, die sich entwickelt haben.

Was meinen Sie?

Man kann sie zum Beispiel gut in Lindau auf dem Samstagsmarkt beobachten. Er fand immer auf einem kleinen Platz neben einer Kirche statt. Jetzt ist er in die Nähe des Wassers verlegt worden, dort ist mehr Platz. Die Leute stehen Schlange an den Ständen, man hält sich an die Abstandsregeln. Wenn nur sechs Leute anstehen, dann ist das schon eine Schlange von 12 Metern. Die anderen Marktbesucher müssen aber diese Schlangen durchkreuzen, um zu anderen Ständen zu gelangen. Da spürt man doch viel Argwohn, bei aller ironischen Haltung, die manche Menschen dabei einnehmen.

Sie haben vorhin angesprochen, dass Sie 87 werden. Sie gehören offiziell also zur Risikogruppe. Spüren Sie das im Alltag, werden Sie anders behandelt?

Nein, ich musste nur im Krankenhaus einen Coronatest machen. Ich kenne auch nur eine Person, von meiner Insel Menorca, die an Corona gestorben ist. Vielleicht habe ich auch deshalb keine Angst, weil mir der persönliche Bezug fehlt. Was ich aber bemerke, ist ein altersunabhängiges Verhalten: Leute weichen schnell einen Schritt zur Seite, wenn sie feststellen, dass sie einem zu nahe gekommen sind. Sie weichen ständig aus.

Eine Art Menschenscheu, weil man die anderen als potenziell ansteckend empfinden muss?

Ja, die Situation birgt auf jeden Fall ein Dilemma. Ich muss zum Beispiel am 17. September unbedingt nach Palma de Mallorca reisen, weil ich dort den diesjährigen Prix Formentor verliehen bekomme. Ich freue mich sehr über die Auszeichnung. Aber als ich meine Dankesrede vorab geschickt habe, fragte ich mich schon, ob ich wirklich dort stehen werde. Vielleicht kommt ja eine zweite Welle? Ich bin kein Mediziner oder Epidemiologe, aber ich versuche doch, dem Risiko Rechnung zu tragen. Es herrscht unterschwellig ein Klima der Unsicherheit.

Das ist vielleicht die größte Herausforderung, dass man bei aller Technik und allem medizinischen Wissen eine Krankheit nicht kontrollieren kann. Müssen wir lernen, mit dieser großen Unbekannten zu leben?

Vieles bleibt eine persönliche Abwägung, bei der ökonomische Aspekte eine Rolle spielen. Touristen zum Beispiel erhöhen die Gefahr, dass sich das Virus verbreitet. Das hat man in Neuseeland gesehen, das für eine kurze Zeit coronafrei war, bis wieder Menschen ins Land gereist sind. Andererseits habe ich einen Bericht über Mallorquiner gesehen, die es zwar sehr genossen haben, ihre Strände wie früher nicht mehr mit Massen von Touristen teilen zu müssen. Wenn diese Touristen aber ausbleiben, bleibt auch ihr Einkommen aus. Das Risiko ist mit der Existenzsicherung untrennbar verbunden.

Sie haben einmal gesagt, es fühle sich so an als habe man mehrere Leben, wenn man so viel reist wie Sie und an drei Orten zu Hause ist. Fehlen Ihnen diese Leben?

Nach dem Leben in der Großstadt sehne ich mich momentan nicht. Vielleicht habe ich das richtige Alter für das Land bekommen. Nach Amsterdam werde ich in den nächsten Wochen auf jeden Fall wieder fahren. Dort ist mein Haus, sind meine Bücher und meine Gemälde. Aber mein Arbeitszimmer befindet sich auf Menorca, da frage ich mich schon, ob ich dort jemals wieder werde hinreisen können – und wenn nein, was dann?

Wie lautet die Antwort?

Das kann ich mir kaum vorstellen, es ist ja Teil meines Lebens. Ich rufe oft meine Freunde auf Menorca an und bitte sie, doch mal nach meinen Kakteen zu sehen. Wir haben das Haus dort seit 50 Jahren, ich bin daran gewöhnt, dass ich gehe und wieder zurückkomme. Aber wenn es so kommt, dann ist es einfach eine Tatsache.

Das klingt sehr abgeklärt.

Nun ja, ich meine, an Ihrer Stimme zu hören, dass Sie jünger sind, als ich es bin. Wenn man 87 wird, weiß man, dass nichts für die Ewigkeit ist. Damit habe ich mich abgefunden, ohne den ganzen Tag vor Angst zu zittern. Das wäre ganz anders, wenn ich 43 wäre. Da denkt man nicht ans Ende. Wobei, ich habe keine Ahnung, wie alt Sie wirklich sind.

43. Das haben Sie genau richtig geschätzt.

Ha, das wäre eine schöne Gabe, wenn ich das Alter an der Stimme schätzen könnte.

Ich hätte eher gedacht, dass im Alter die Ungeduld zunimmt, weil man weiß, nicht mehr unendlich viel Zeit zu haben. Offenbar liege ich da falsch.

Ich wollte schon immer vermeiden, dass in meiner Todesanzeige steht: Er hatte noch so viele Pläne. Denn die hat man nur, wenn man nicht gemacht hat, was man immer machen wollte. Das ist bei mir nicht der Fall. Nach meinem frühen Erfolg mit dem Roman „Philip und die anderen“ habe ich einen weiteren Roman geschrieben, den ich einerseits als absolut notwendig, andererseits als nicht gelungen betrachte. Es geht um einen Schriftsteller, der für einen anderen Schriftsteller ein Buch weiterschreiben soll, weil dieser nicht weiterkommt. Der andere Schriftsteller, so heißt er auch im Roman, zieht auf die Insel, wo der erste gelebt hat, und entscheidet sich am Ende, das Buch nicht fertigzustellen. Der Roman erhielt in Holland einen Verriss, aber auch einen Preis. Danach habe ich 17 Jahre lang keine Fiktion mehr geschrieben, aber immer gewusst, dass noch was kommt.

Sie sind dann erst mal viel gereist.

Als ich auf meinen unzähligen Reisen die Reisebücher geschrieben hatte, dachte ich mir rückblickend, es fehlte mir damals einfach, was man auf Französisch so schön connaissance du monde nennt. Ich hatte zu wenig Stoff gesammelt. Dann habe ich „Ri­tua­le“ geschrieben und noch einige weitere Romane. Wäre ich davor gestorben, hätte ich das Gefühl gehabt, dass etwas fehlt. Aber jetzt wartet kein riesiger Roman mehr auf mich.

Sondern Gedichte und Reisebücher?

Mein letztes Buch, das in Deutschland ziemlich unbekannt geblieben, aber mir ziemlich wichtig ist, heißt: „533 Tage“. Das sind im Wesentlichen Meditationen und Gedanken. Ich habe es auf Menorca geschrieben, es hat mir großes Vergnügen gemacht. Für meinen letzten Gedichtband wurde ich von der Akademie in München ausgezeichnet. Das hat mich sehr gefreut, aber man kann von Poesie nicht erwarten, dass sie ein Publikumserfolg wird. Die Leute, die Romane lieben, kaufen keine Gedichte.

Hat sich Ihre Beziehung zu den Büchern durch die Rezeption verändert?

Nehmen Sie mein Buch „Der Ritter ist gestorben“, darin habe ich etwas versucht, was wirklich nicht ganz gelungen ist. Zu diesem Urteil komme ich selbst. Es war dementsprechend nie ein Erfolg, aber es zu schreiben, war für mich unglaublich wichtig, daher habe ich das nie bedauert.

Welche Bedeutung hat Ihr erfolgreichster Roman „Rituale“ für Sie, mit dem Sie auch in Deutschland bekannt wurden?

Na ja, mir ist bewusst, dass der Erfolg für mich sehr viel verändert hat. Aber irgendwann ist ein Buch auch Vergangenheit, dann kommen neue.

Ist außer Ihrem aktuellen Gedichtband noch etwas Neues geplant?

Im Herbst soll im Verlag Schirmer Mosel ein Buch über das japanische Kloster Kozan-ji in der Nähe von Kioto erscheinen. Ich schreibe eine Einführung über diesen wunderbar einfachen, aber beeindruckenden buddhistischen Tempel. Dort gibt es besondere Zeichnungen, Bildrollen von „lustigen Tieren“ aus dem 12. und 13. Jahrhundert, unglaublich wunderbar, lebendig und zeitlos. Eigentlich wollte ich im Mai nach Tokio reisen und den Tempel noch mal besuchen. Nun ja, auch diese Reise hat nicht stattgefunden und sie wird es wahrscheinlich auch nicht mehr.

Doch ein Anflug von Pessimismus?

Sagen wir so: Ich spekuliere lieber nicht, sonst wäre ich vielleicht enttäuscht. Freunde aus New York fragen mich auch ständig, wann ich wiederkomme. Ich war dort immer gern und mag mich nicht mit der Vorstellung anfreunden, dass es nicht mehr spontan möglich sein könnte. Dazu vielleicht eine kurze Geschichte: Unsere Gastfrau hier im ­Allgäu war mit einem großen Verleger befreundet. Als er im Sterben lag, vorletztes Jahr glaube ich, kam sie aus Deutschland nach New York geflogen, um dem Verleger aus Berlin noch einmal Königsberger Klopse zu kochen. Das fand ich sehr rührend. Da fliegt jemand über den ganzen Ozean, um für einen Menschen noch einmal ein urdeutsches Gericht zu kochen, weil er ihr das wert ist. Das sind sicher Ausnahmegeschichten, aber es macht doch glücklich, dass es sie gibt. Aber ich bin zufrieden, so wie vor der Pandemie auch – abgesehen davon, dass ich meinen neuen Lyrikband nicht in den Händen halten kann.

Wieso nicht?

Irgendetwas ist beim Versand aus ­Holland schiefgegangen. Ich habe mal gehört, dass Peter Handke immer so wütend wurde, wenn andere das Buch vor ihm hatten. So weit geht es bei mir nicht. Aber langsam ärgert es mich. Und es macht mich traurig. Für Autoren ist es doch ein einzigartiger Augenblick, das Buch in den Händen zu halten. Mit Selbstverliebtheit hat das nichts zu tun, sondern ich möchte sehen, dass es wahr ist, dass es erschienen ist. Wenn man älter geworden ist, hat man das zwar oft erlebt, aber dieses Gefühl ändert sich nicht.

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■ Das neuartige Coronavirus trägt die offizielle Bezeichnung SARS-CoV-2. Es ruft die Krankheit mit dem offiziellen Namen Covid-19 hervor. Der Virus ist von Mensch zu Mensch übertragbar.

Ab Januar 2020 hatte sich das Virus von der Stadt Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei her ausgebreitet – inzwischen weltweit.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Ausbreitung des Coronavirus am 11. März 2020 zur Pandemie erklärt, also zu einer weltweiten Epidemie.

Alle Artikel der taz zum Thema finden sich im Schwerpunkt Coronavirus.

Eine Pandemie ist eine weltweite Epidemie, also regional nicht begrenzt. Bei einer Pandemie überträgt sich ein neuartiger Virus von Mensch zu Mensch.

■ Da es keine Grundimmunität gibt, keine spezifischen Medikamente und keine Impfung, führt das zu einer hohen Zahl an teils schweren Erkrankungen und Toten. Dies kann unter anderem zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen, wie es beispielsweise in Italien bereits regional zu beobachten war. Deshalb ist das Ziel, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, damit nicht zu viele Menschen gleichzeitig schwer erkranken.

Auf eine weitreichende Beschränkungen sozialer Kontakte hatten sich am 22. März 2020 die Bundeskanzlerin und Regierungschefs der Länder geeinigt. Damit sollte der Anstieg der Fallzahlen verlangsamt und eine Überlastung des Gesundheitssystems möglichst verhindert werden. In den vergangenen Monaten beschlossen Kanzlerin und Länderchefs dann schrittweise Lockerungen. Die Kontaktbeschränkungen bleiben grundsätzlich bestehen. Details regeln weiterhin die Länder. (Hier eine Übersicht der Bundesregiergung zu Regelungen in den Ländern). Im Fall regionaler schneller Anstiege der Infektionszahlen sollen die Behörden vor Ort sofort mit neuen Beschränkungen reagieren.

■ Einen Abstand von mindestens 1,5 Metern soll man weiterhin draußen zu allen anderen Menschen außer der Begleitung einhalten.

■ Ein Mund-Nasen-Schutz muss in ganz Deutschland beim Einkaufen und im Öffentlichen Personennahverkehr getragen werden.

■ Seit Anfang Mai gilt: Angehörige zweier Haushalte dürfen sich grundsätzlich treffen – beispielsweise also zwei Familien oder zwei Wohngemeinschaften. In einzelnen Bundesländern gibt es darüberhinaus Spezialregelungen.

Schulen und Vorschulen sollen unter Auflagen wieder für alle Kinder öffnen.

■ In Kliniken und Pflegeeinrichtungen wurden die Regeln gelockert: PatientInnen oder BewohnerInnen können wieder durch eine bestimmte Person besucht werden.

Alle Geschäfte in Deutschland dürfen unter Auflagen wieder öffnen – ohne Quadratmeterbegrenzung der Verkaufsfläche.

Im Sport ist das Training unter freiem Himmel wieder erlaubt. Freizeitsportler müssen sich aber an bestimmte Auflagen halten. So muss eine Distanz von mindestens 1,5 Metern gewährleistet sein.

Die Fußball-Bundesliga hat die Saison seit Mitte Mai mit Geisterspielen fortgesetzt – zumindest die erste und zweite Liga der Männer. Die Fußballbundesliga der Frauen bleibt hingegen zunächst ausgesetzt. Ab wann Spiele wieder vor Publikum stattfinden, ist noch nicht klar.

Großveranstaltungen bleiben bis zum 31. August verboten.

Bei Restaurants sollen die Bundesländer eine schrittweise Öffnungen selbst regeln. Auch für Kinos, Theater, Hotels oder Kosmetikstudios haben die Ländern die Lockerungen eigenständig zu verantworten.

■ Spielplätze sind unter Auflagen wieder geöffnet – darauf einigten sich Kanzlerin und Länderchefs bereits am 30. April.

Gottesdienste und Gebetsversammlungen sind wieder zugelassen – unter besonderen Anforderungen des Infektionsschutzes. Taufen, Beschneidungen und Trauungen sowie Trauergottesdienste sollen im kleinen Kreis möglich sein.

Museen, Ausstellungen, Gedenkstätten, Zoos und botanische Gärten können unter Auflagen wieder öffnen.

Aktuelle Fallzahlen zum Coronavirus in Deutschland veröffentlicht das Robert-Koch-Institut (RKI).

Eine ausführliche Darstellung der COVID-19-Fälle in Deutschland bis auf Landkreisebene hat das RKI in einem Corona-Dashboard zusammengestellt. Auch gibt es tägliche Situationsberichte heraus.

Internationale Zahlen hat unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO in einer interaktiven Grafik aufbereitet.

■ Ebenso weltweite Fallzahlen stellt die Johns Hopkins University auf einer interaktiven Karte dar.

■ Die Unterschiede bei den Fallzahlen von RKI, WHO und Johns Hopkins University bedeuten nicht, dass die Zahlen falsch sind. Differenzen ergeben sich vielmehr aus Melde-Verzögerungen und unterschiedlichen Quellen: Dem RKI werden die Fallzahlen von den Gesundheitsämtern über das jeweilige Bundesland übermittelt. Es meldet die Zahlen nach einer Prüfung dann weiter an die WHO – so kommt es zu Verzögerungen. Die Daten der Johns Hopkins University kommen nach eigenen Angaben aus verschiedenen öffentlich zugänglichen Quellen und können daher von jenen Zahlen von RKI und WHO abweichen.

Eine Erkrankung an Covid-19 nach einer Infektion mit dem Coronavirus äußert sich laut Bundesgesundheitsministerium durch grippeähnliche Symptome, wie trockenem Husten, Fieber, Schnupfen und Abgeschlagenheit. Auch über Atemprobleme, Halskratzen, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit, Durchfall sowie Schüttelfrost sei berichtet worden.

Die Inkubationszeit beträgt nach aktuellen Erkenntnissen wohl bis zu 14 Tage: Das heißt, dass es nach einer Ansteckung bis zu zwei Wochen dauern kann, bis Symptome auftreten.

■ Wichtig: Infizierte können den Virus schon übertragen, wenn sie selbst noch keine Symptome bemerken.

Der Coronavirus wird vor allem mit einer Tröpcheninfektion übertragen. Laut Robert-Koch-Institut sind theoretisch auch eine Schmierinfektion (über kontaminierte Oberflächen) und eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen möglich. Nach bisherigen Erkenntnissen verlaufen mehr als 80 Prozent der Erkrankungen vergleichsweise mild. Wer meint, sich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben, sollte unbedingt

zu Hause bleiben und zum Telefon greifen. Dann entweder

■ beim Hausarzt anrufen

oder beim

■ Ärztlichen Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117.

Telefonisch gibt es zudem noch weitere Stellen für Informationen:

■ Die Unabhängige Patientenberatung ist zu erreichen unter: ☎ 0800 – 011 77 22

Ein Bürgertelefon hat das Bundesgesundheitsministerium eingerichtet unter: ☎ 030 – 346 465 100

Für Gehörlose und Hörgeschädigte ist ein Beratungsservice des Gesundheitsministeriums per Fax zu erreichen: ☎ 030 – 340 60 66 07, sowie per Mail unter info.deaf@bmg.bund(dot)de und info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Ein Gebärdentelefon mit Videotelefonie findet sich unter: www.gebaerdentelefon.de/bmg/

Die aktuellen Risikogebiete für Ansteckungen hat das Robert-Koch-Institut bis zum 10. April 2020 veröffentlicht. Mittlerweile hat sich Covid-19 weltweit ausgebreitet. Ein Übertragungsrisiko bestehe daher „sowohl in Deutschland als in einer unübersehbaren Anzahl von Regionen weltweit“, schreibt das RKI.

Für Reisende gibt es weitere Informationen zu Covid-19 und Reisewarnungen beim Auswärtigen Amt.

■ Zum Infektionsschutz gibt es auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) umfassende Anleitungen zum richtigen Händewaschen, zu den angemessenen Regeln beim Niesen sowie auch Merkblätter zu allgemeinen Hygiene- und Verhaltensregeln.

■ Niesen oder Husten soll man möglichst in die eigene Armbeuge und versuchen, sich seltener ins Gesicht zu fassen.

Händwaschen sollte man regelmäßig und zwar mindestens 20 Sekunden mit Wasser und Seife.

■ Reduzieren sollte man den Kontakt zu anderen Menschen derzeit so stark wie möglich, empfiehlt die BGzA. Wenn man doch in der Öffentlichkeit unterwegs ist, soll man möglichst einen Abstand von zwei Metern zu anderen Menschen einhalten.

■ Das Infektionsschutzgesetz (IfSG) gilt bundesweit einheitlich und bisher richten sich die Maßnahmen der Behörden nach diesem Gesetz, schreibt unser rechtspolitischer Korrespondent Christian Rath in seinem Überblick zur Rechtslage.

■ Die Katastrophenschutzgesetze der Länder sind anwendbar, sofern sich die Lage zur Katastrophe zuspitzen sollte.

■ Die Bundeswehr kann im Rahmen der Amtshilfe heute schon tätig werden, etwa im Sanitätsbereich oder zur logistischen Unterstützung. Im Extremfall kann sie auch im Inland eingesetzt werden, um (gemeinsam mit der Polizei) die öffentliche Ordnung zu bewahren oder wiederherzustellen, etwa wenn geplündert wird oder Krankenhäuser belagert werden.

■ In den „Notstandsgesetzen“ ist das geregelt, zu denen die Artikeln 35, 87a und 91 des Grundgesetzes zählen. Die „Notstandsgesetze“ wurden 1968 gegen den Widerstand der Außerparlamentarischen Opposition (APO) beschlossen.

■ Gerüchte, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien über das Coronavirus kursieren derzeit viele.

■ Aufklärung über viele Corona-Falschmeldungen bietet unter anderem der Verein Mimikama.at.

■ Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in englischer Sprache eine eigene Seite zur Aufklärung von Mythen über den Coronavirus veröffentlicht.

■ Zu den häufigsten Fragen hat das Robert-Koch-Institut ein FAQ zu Corona veröffentlicht.

■ Weitere Fachinformationen finden sich ebenso auch auf einer Überblicksseite des Robert-Koch-Instituts.

■ Verhaltens- und Hygienetipps und ebenso in einem FAQ die häufigsten Fragen beantwortet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf ihrer Corona-Übersicht auf infektionsschutz.de.

■ Umfassend informieren kann man sich auch beim Bundesgesundheitsministerium.

■ Eine weltweite Übersicht bietet die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Bundesweite Telefonnummern im Überblick:

Ärztlicher Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117

Unabhängige Patientenberatung: ☎ 0800 011 77 22

■ Bürgertelefon des Bundesgesundheitsministeriums: 030 346 465 100

Beratungsservice für Gehörlose und Hörgeschädigte: Fax: 030 / 340 60 66 – 07 sowie per Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de / info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Gebärdentelefon (Videotelefonie): www.gebaerdentelefon.de/bmg

■ Bei Sorgen ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar unter: 116 123 sowie 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222.

■ Infos über Corona auf Türkisch hat die taz in ihrem Text „Koronavirüs Almanya'da“ zusammengestellt.

■ In weiteren Sprachen sammelt die taz Info-Texte under taz.de/coronainfo

■ Hygiene-Infos in weiteren Sprachen bietet die BZgA in Hygiene-Merkblättern unter anderem auf Türkisch “Viral enfeksiyonlar – hijyen korur!“ (PDF) sowie auf Englisch “Viral infections – hygiene works!“ (PDF)

Leichte Sprache: Informationen zum Coronavirus in Leichter Sprache stellt das Bundesgesundheitsministerium zur Verfügung.

Gebärdensprache: Das Bundesgesundheitsministerium beantwortet Fragen mittels Videotelefonie und ist dafür über ihr Gebärdentelefon zu erreichen. Dazu gibt es hier noch mehr Infos. Das Gebärdentelefon ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 18 Uhr sowie am Freitag von 8 bis 12 Uhr erreichbar. Ebenso möglich sind Fragen per Fax: 030 / 340 60 66 – 07 oder per E-Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de oder info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de.

■ Weitere Sprachen: Kurze Info-Flyer der Johanniter auf Englisch (PDF), Dari (PDF), Arabisch (PDF), Farsi (PDF), Türkisch (PDF), Russisch (PDF), Italienisch (PDF) und Französisch (PDF) hat der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bereitgestellt.

International: Informationen zum Coronavirus in verschiedenen Sprachen stellt zudem die Weltgesundheitsorganisation WHO bereit.

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