Bundestagsvizepräsident in Redaktion: Nouripour findet Unterschiede zwischen taz und Propagandaportalen
Blattkritik am Mittwochmorgen: Nachdem Julia Klöckner (CDU) die taz mit „Nius“ gleichgesetzt hat, prüft ihr Vize den Sachverhalt in der Redaktion.
Julia Klöckner besucht den milliardenschweren Finanzier der radikal rechten Kampagnenplattform „Nius“. Ihr Stellvertreter schaut in der taz nach dem Rechten: Im Rahmen eines kurzfristig vereinbarten Redaktionsbesuchs nahm Bundestagsvizepräsident Omid Nouripour (Grüne) am Mittwoch an der Morgenkonferenz teil und übernahm dort die Blattkritik.
Die taz startet wie viele andere Redaktionen täglich mit einer solchen Kritik in den Tag. Üblicherweise legen dabei wechselnde Redakteur*innen dar, welche Texte der aktuellen Ausgabe sie für gelungen und welche für weniger gelungen halten. Gelegentlich übernehmen aber auch externe Gäste aus Politik, Kultur oder anderen Medien diese Aufgabe und bringen damit den Blick von außen ein.
Die Vertraulichkeit der Redaktionsarbeit gilt grundsätzlich auch für diese Konferenzen. Welche Transfer-News Nouripour im Sportteil gefehlt hat und auf welcher Seite er einen Rechtschreibfehler gefunden hat, bleibt daher geheim. Zumindest in Teilen können wir im gegenseitigen Einverständnis aber aus der Blattkritik des Bundestagsvizepräsidenten zitieren.
„Ich habe Unterschiede zwischen taz und Propagandaportalen gesucht und gefunden“, sagte Nouripour, der mit einer beleuchteten Leselupe ausgestattet in der Redaktion erschienen war. „Die taz ist seit ihrer Gründung eine unerschrockene Stimme der Aufklärung und des Widerspruchs. Unbequem, unabhängig und mit einer gesunden Portion Selbstironie – dabei stets fair und reflektiert.“
In der Redaktion werde leidenschaftlich debattiert und es würden journalistische Standards hochgehalten, sagte der Grünen-Politiker weiter. „Eine freie Presse ist ein Grundpfeiler jeder Demokratie – und genau das ist die taz: eine unbequeme, aber aufrichtige Verteidigerin unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Im Gegensatz zu bloßen Propagandaschleudern“, sagte Nouripour.
Nouripours Präsidiumskollegin Klöckner hatte am Sonntag an einer Veranstaltung der CDU Koblenz teilgenommen. Diese fand auf dem Firmengelände der CompuGroup Medical teil, deren Gründer Frank Gotthardt wiederum Hintermann und Finanzier von „Nius“ ist. Gegen Kritik am Veranstaltungsort und ihrer Teilnahme, über die die taz schon im Vorfeld berichtet hatte, verteidigte sich die Bundestagspräsidentin vor Ort mit einer gewagten Gleichsetzung.
In den „Methoden“ und der „Vorgehensweise“ ähnele die taz im „sehr linken Spektrum“ der Plattform „Nius“ „genau auf der anderen Seite“. Sie kritisiere beide, kämpfe deshalb aber weder „gegen einen Finanzier der taz noch Frank Gotthardt an“.
Tatsächlich arbeitet die taz, die sich im Besitz von knapp 25.000 Genoss*innen befindet, anders als „Nius“ nach journalistischen Maßstäben und unterwirft sich daher auch den Regeln des Pressekodex. Klöckner steht für ihre Aussage daher seit Tagen in der Kritik. Linken-Fraktionschefin Heidi Reichinnek forderte sie am Dienstag sogar zum Rücktritt auf.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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