■ Bücher.klein: Gesteinigt
tazThema: Politisches BuchSamstag, 24. September 1994
Bücher.klein
Gesteinigt
Als man Soraya Manoutchehri eingegraben hat, so daß nur noch Kopf und Schulter zu sehen ist, wirft ihr Vater den ersten Stein. Er verfehlt. Dann wirft der Ehemann, er trifft. Die beiden Söhne folgen, der Mullah, der Bürgermeister. Mann für Mann. Und die Klageweiber singen. Bis der Kopf der Frau nur noch Matsch ist, das Hirn herausgelaufen, der Schädel zur Seite geknickt. Nachts fressen die Hunde den vor das Dorf geworfenen Leichnam. Heimlich wäscht die Tante am nächsten Tag die Knochen im Fluß und beerdigt die in ihren Tschador gehüllten Überreste.
Der iranische Journalist Freidoune Sahebjam erzählt nach, was ihm die Tante Sorayas, Zahrah Khanum, erzählt hatte, die kurz danach starb – aus Gram, diese Hinrichtung nicht verhindert zu haben. Der Grund der Steinigung einer Frau im heutigen Iran? Ihr Mann wirft ihr Ehebruch vor, er selbst will seine Frau einfach loswerden. Der Schulterschluß mit dem Mullah wie auch mit anderen Männern im Dorf geschieht gespenstisch schnell. In der Hitze des Tages explodiert eine Hysterie, die einen Menschen auslöscht. Während des nach islamischem Recht vollzogenen Hinrichtungsrituals kommt ein Zirkus ins Dorf. Seine Mitglieder werden Zeugen der Hinrichtung. In der Kühle des Abends gehen die Dorfleute feiern. Man tanzt. Die Gaukler machen ein gutes Geschäft. AS
Freidoune Sahebjam: „Die gesteinigte Frau. Die Geschichte der Soraya Manoutchehri“. rororo Sachbuch 9650, 151 Seiten, 12,90 DM
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