: Buchmesse mit Rushdie-Entzug
Das wichtigste Buchereignis des Jahres bleibt auf der Messe unsichtbar / Börsenverein verordnete Abstinenz der „Satanic Verses“ / Ansonsten bestimmt in Frankfurt weiter die Börse das Geschehen ■ Aus Frankfurt Mathias Bröckers
Zwar läuft die Buchmesse unter dem Schwerpunkt „Frankreich“, und an Beschwörungen und Veranstaltungen der deutsch -französischen Kulturachse fehlt es nicht - die eigentlichen Deals der Frankfurt-Paris-Connection werden jedoch nicht auf der Buchmesse eingefädelt. Sie werden ein paar Straßen weiter als heißes Gerücht gehandelt: an der Frankfurter Börse. Die Deutsche Bank, heißt es auf dem Börsenparkett, will eine der größten Banken Frankreichs, die „Banque Indosuez“, aufkaufen. Um diese für das Finanz-Europa 1992 entscheidende Expansion zu finanzieren, sollen die Deutschbankiers einen Teil ihres Daimler-Benz-Pakets abgeben. Als Käufer dafür wird die steinreiche japanische Versicherung „Nippon Life“ genannt, die ihrerseits Anteile an der DB erwerben wird.
Auch auf der Messe hätten schmutzige Geschäfte zum Gesprächsthema werden sollen, doch das Finanzskandälchen um die Benjamin-Tantiemen, die Suhrkamp-Chef Unseld den Erben vorenthalten haben soll, erwies sich als ziemlich heiße Luft. Zwar will sich der Verlag erst im November vor Gericht äußern, doch scheint klar, daß Erben, die blöderweise nur fünf statt der üblichen zehn Prozent Honorar verlangen, selbst schuld sind und nicht 20 Jahre später mit dem Argument „Betrug“ kommen können.
Daß Verlage nicht die Caritas sind und für sie günstige Verträge schamlos ausnutzen - diese bekannte Tatsache gilt beileibe nicht nur für Suhrkamp. Jeder andere Großverlag hat, was den Umgang mit Erben betrifft, seine Leiche im Keller. Probleme damit hat auch ein Esoterik-Verlag, der eine Psychologie der Zukunft in 8 Bänden auf der Messe vorstellt, Autor: „CeGe Jung“, der das Mammutwerk einem Medium mittels Channeling aus dem Jenseits diktiert haben soll. Gegen dieses Werk haben die Erben C. G. Jungs erfolglos protestiert. Ein Copyright für Geisterstimmen existiert derzeit noch nicht. Und so wird auch das Ex -Schlagersternchen Penny McLean keine Rechtsprobleme haben mit ihren Zeugnissen von Schutzgeistern, der Band steht auf einer neugegründeten „Bestsellerliste für Esoterik“.
Zwei Stände auf der Messe machen den vom Börsenverein verordneten Entzug des Schriftstellers Rushdie nicht mit: ein norwegischer Verlag und der Frankfurter „Rote Stern“ haben die Satanic Verses ausgestellt. Die Frankfurter Literaturzeitschrift 'Listen‘ veröffentlicht eine detaillierte „Inhaltsangabe“ des neuen Rusdhie-Gedichts, das auch in der taz schon aufgetaucht ist. Ansonsten versucht man, sich auf der Messe der völlig unsichtbaren satanischen Fundamentalisten durch verstärkte Polizeipräsenz zu erwehren.
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