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Brigitte WerneburgBerliner Galerien

Joel Sternfeld, Wyoming, 1994 Foto: Courtesy Buchmann Galerie und der Künstler

Das Foto ist berühmt. Wahrscheinlich hat es jeder irgendwann einmal gesehen. Dabei wirkt es auf den ersten Blick nicht ikonisch. Zu sehen ist eine mit Kürbissen übersäte Wiese mit einem Kürbisverkaufstand von MacLean’s Farm Market, an dem ein Feuerwehrmann einkauft. Und da fällt plötzlich im Hintergrund auch das Haus auf dem Hügel auf, das in hellen Flammen steht. Die formale Korrespondenz zwischen dem Orangerot des Feuers und dem der Kürbisse macht die Aufnahme wohl so einprägsam. Es scheint, als stünden auch die Kürbisse und ihre ländliche Welt in Flammen.

Tatsächlich handelt es sich um eine Feuerwehrübung, wie aus Joel Sternfelds kurzem beigegebenen Text hervorgeht. Es dauerte lange, bis das Haus richtig brannte. Der Fotograf war schon kurz davor, aufzugeben, als das Bild dann doch die Qualität zeigte, die er suchte, als er zwischen 1978 und 1986 immer wieder von New York aus zu Reisen durch die Vereinigten Staaten aufbrach. Sie resultierten in der ikonischen Werkgruppe „American Prospects“, einer ganz wichtigen Wegmarke der New Color Photography. Für die Aufnahmen hatte Sternfeld eine Plattform für das Stativ seiner 8x10-Zoll-Großkamera auf das Dach seines VW-Campers gebaut.

Es war das Gefühl, dass in Amerika etwas nicht stimmte, dass etwas schieflief, das Joel Sternfeld zu seinen Fahrten drängte. Und weil gerade jetzt wieder so viel schiefläuft in den USA, scheint die Zeit für Joel Sternfelds „American Prospects“ erneut gekommen zu sein – so die Idee bei der Buchmann Galerie.

Joel Sternfeld, Rustic Canyon, Santa Monica, California, May 1979 Foto: Courtesy Buchmann Galerie und der Künstler

Unter den 21 Fotografien finden sich neben den ikonischen Bildern auch eine Reihe bislang unveröffentlichter Arbeiten aus der Werkreihe. Allen ist die dokumentarische Präzision der eingefangenen Szenen gemeinsam, denen gleichzeitig immer ein Moment des Surrealen eigen ist. Daraus resultiert eine Melancholie, in der die US-amerikanische Landschaft tatsächlich, wie der Galerietext sagt, „als Resonanzraum gesellschaftlicher, ökologischer und sozialer Spannungen“ erfahrbar wird.

Klaus Walter, Paradigma, 2018 Foto: Studio im Hochhaus

Diesen politischen Resonanzraum findet der Künstler Klaus Walter in seiner Ausstellung im Studio im Hochhaus in Hohenschönhausen in der Architektur der Moderne, besonders der Ostberlins. Und so begegnet man in einem mit feinen Pinseln gemalten Fassadendetail dem Botschaftsgebäude der Tschechischen Republik, das sofort an den golden verspiegelten Fenstern erkennbar ist.

Foto: privat

Einen für die DDR-Moderne sehr typischen, ungeheuer dekorativen Betongusszaun, Motiv des Gemäldes „Paradigma“, fand der bei Arno Rink in Leipzig ausgebildete Künstler an der Stasizentrale in Lichtenberg. Walters Stadtrandszenen, Bilder von der Familienfreizeit in freudlosen Randbezirken, in denen die urbane Brache noch die Naturlandschaft beherrscht, haben dann die Qualität von „American Prospects“.

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