Boxen für die Integration: Hart, aber herzlich

Ali Cukur ist Boxtrainer. Bei 1860 München bringt er jungen Männern aus Einwanderer­familien Regeln bei, die nicht nur im Boxring gelten.

Boxring mit Trainer

Ali Cukur in seinem Element, hier mit seinen Schülern Bayar Idris Mischko (links) und Kian Golpira Foto: Oliver Soulas

MÜNCHEN taz | Mit aller Kraft dreschen sie auf ihn ein. Links, rechts, links, rechts. Oben, unten, oben unten. Ali Cukur wehrt die Schläge mit übergroßen Trainingshandschuhen ab. Ein Boxschüler nach dem anderen steigt in den Ring und haut drauf. Dem 61-Jährigen scheint das alles nichts auszumachen, wie ein Fels steht er da und ruft: „Mehr Beinarbeit, gezieltere Schläge.“

19 Uhr, Boxtraining mit Ali Cukur und seinen Jungs beim TSV 1860 München. Bayar ist 20 Jahre alt, hat eine schwarze Mähne und boxt seit fünf Jahren. Seine Familie ist kurdisch und stammt aus dem Nordirak. „Der Ali ist Freund, Vater und Vorbild“, sagt er. „Früher habe ich ziemlich viel Scheiße gebaut und mich ständig draußen geprügelt. Aber das ist vorbei, dank Ali. Jetzt boxe ich hier.“

So oder so ähnlich hört man es immer wieder über den Mann, der seit 1973, also seit fast einem halben Jahrhundert, sehr viel Lebenszeit in dieser Boxhalle im Münchner Glockenbachviertel unweit der Isar verbracht hat. Cukur sagt: „Jeder ist hier willkommen, ich weise keinen zurück. Und jeder hält sich an die Regeln.“

Boxen für die Integration junger Menschen. Boxen, damit diese, häufig aus Einwandererfamilien, von der schiefen Bahn wegkommen und Anerkennung erhalten. „Häufig bekommen sie hier zum ersten Mal ein Selbstwertgefühl“, sagt Cukur. „Davor wurden sie nur ständig runtergemacht im Elternhaus, in der Schule, von der Gesellschaft.“ Ali Cukur ist in München mittlerweile eine durchaus stadtbekannte Figur – und er ist genau so viel Sozialarbeiter wie Boxtrainer.

Netscho (26), Boxer und Schlosser

„Für mich ist Ali Cukur die größte Respektsperson. Ohne ihn wäre mein Leben sehr anders verlaufen“

„Für mich ist er die größte Respektsperson“, sagt Netscho, der 26-jährige Bruder von Bayar. „Ohne Ali wäre mein Leben sehr anders verlaufen.“ Nach schwierigen Zeiten haben die beiden eine Ausbildung gemacht, Netscho arbeitet als Schlosser, Bayar als Anlagenbauer. Bayar: „Ich spüre manchmal Aggressionen, aber das Boxen beruhigt mich sehr.“

Ein Dutzend Jugendlicher und junger Männer sind an diesem Tag zum Training gekommen. Die Jüngeren – 14, 15, 16 Jahre alt – üben an den Säcken und machen Schattenboxen, Ali ist mit den Älteren die meiste Zeit im Boxring. Die nächste Einheit steht an. Nun kämpfen sie abwechselnd gegeneinander, tänzeln, streben zum Gegner, weichen zurück. „Ihr lasst euch zu sehr gehen“, meint Cukur bei einer Kampfrunde, „so was kann ordentlich schiefgehen.“ Und gleich darauf: „Los, hau auf die Schnauze.“

Boxer

Bayar Idris Mischko (21) sagt: „Ali ist mein Freund, Vater und Vorbild“ Foto: Oliver Soulas

Es geht hier um Körperlichkeit, um Kraft, ums Austoben. Und es geht um das Einhalten von Regeln, um Disziplin und um Freundschaft. Hart, aber fair. Nach jedem Kampf sollen sich die Gegner umarmen, darauf besteht Cukur. Der Schweiß glänzt auf der Haut der Sportler und spritzt manchmal aus ihrem Haar. Trotz geöffneter Fenster riecht es nach einiger Zeit etwas streng nach jungen Männern, die sich und ihren Körper fordern.

Nur noch 2G Ab diesem Mittwoch gelten in Bayern neue Coronaregeln. Sie betreffen landesweit vor allem ungeimpfte Personen. Bis auf wenige Ausnahmen gilt die 2G-Regelung, nach der nur Geimpfte Zutritt zu Innenräumen haben. Der Zutritt zu Kultur-, Freizeit- und Sportveranstaltungen ist nur noch geimpften oder genesenen Personen gestattet, die zusätzlich über einen negativen Testnachweis verfügen; ein Schnelltest ist hierfür ausreichend.

Sportverbot In allen bayerischen kreisfreien Städten und Landkreisen, in denen die 7-Tage-Inzidenz über den Wert von 1.000 steigt, sind Freizeit-, Sport- oder Kulturveranstaltungen generell nicht mehr erlaubt. Zudem werden die Gastronomie, körpernahe Dienstleistungen, Beherbergungsstätten sowie Sport- und Kulturstätten geschlossen. Das beträfe auch Ali Cukurs Boxtraining. In der Stadt München lag die Inzidenz am Dienstag bei 705,35. (taz)

Als Achtjähriger kam Ali Cukur mit der Mutter nach München, der Vater arbeitete hier schon seit einigen Jahren, er war einer der ersten sogenannten Gastarbeiter aus der Türkei. Cukur begann bald mit dem Boxen beim TSV 1860 und machte eine Lehre als Elektroinstallateur. Er boxte bei mehreren Meisterschaften, mal für die Türkei, mal für die Bundesrepublik Deutschland. Insgesamt hat er 280 Kämpfe bestritten. Seit 24 Jahren ist er – ehrenamtlich – Leiter der Boxabteilung des Vereins.

Sein Vater war vor allem streng und teils auch gewalttätig, erzählt Cukur. Deshalb kann er sich in Jugendliche einfühlen, die zu viel Härte und zu wenig Wärme erfahren. „Das sind alles liebe Jungs“, sagt er, „aber natürlich können sie nicht andere bedrohen, schlagen und Scheiße bauen. Das geht nicht.“ Viele hätten „falsche Freunde, keine Perspektive, keine Motivation“.

Manche sind straffällig geworden. Geht man im Münchner Justizzentrum die langen Gänge mit den kleinen Verhandlungssälen des Amtsgerichts entlang und schaut auf die Aushänge, bekommt man einen Eindruck vom Abdriften von Jugendlichen. In den meist auf eine halbe Stunde angesetzten Prozessen werden Diebstahl, Körperverletzung und BTM verhandelt und abgeurteilt. Letzteres sind Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, also Drogendelikte. Wie am Fließband arbeiten die Richter solche Fälle ab, einen nach dem anderen, den ganzen Tag lang.

Spüren, dass man aufgenommen wird

Manche Mütter bitten Cukur, ihre Söhne aufzunehmen, weil sie mit ihnen nicht mehr zurechtkommen. Beim Training wirkt ein 14-Jähriger etwas verloren, boxt vor sich hin, haut ab und zu mal auf den Sack. Er ist zum ersten Mal hier, sagt kaum etwas. Das Jugendamt hat ihn zu Ali Cukur geschickt. „Typische Geschichte“, berichtet der Trainer. „Der Vater ist abgehauen, der Junge hat dann mit Schlägereien und Erpressungen zu tun gehabt.“ Cukur meint: „Er soll hier erst mal ein bisschen reinkommen und spüren, dass er aufgenommen wird. So etwas braucht Zeit.“

Der Trainer vermittelt Ausbildungsplätze, er hat da seine Beziehungen. Er kennt die Leute von der Familien- und von der Gerichtshilfe. Wenn einer seiner Zöglinge die Lehrstelle schmeißen will oder unzuverlässig ist, zeigt der Trainer ihm die Konsequenzen auf: „Wenn du faul bist und keinen Bock hast, dann hast du auch im Training nichts mehr zu suchen.“

„Hier ist mein ganzes Leben.“

In der Halle breitet Cukur die Hände aus: „Hier ist mein ganzes Leben.“ Und ruft: „Ich habe 100 Kinder.“ Bayar erwidert: „Mehr.“ Alle lachen, Cukur verpasst Bayar im Spaß eine recht deftige Watschn. Hart, aber herzlich. Er hat alles hier eingerichtet, hat selbst den Boxring gebaut, der auf Paletten steht. Das Haus in der Auen­straße ist ziemlich heruntergerockt. Die Hallen, die Gänge, die Sanitäranlagen verströmen den Charme der 1970er-Jahre. Schon seit Langem soll es saniert werden, aber in München findet sich kein Ausweichquartier. Nach dem Training geht es unter die Dusche, und aus dem Haus kommen von Duschgel und Deo wohlriechende, geföhnte und adrett aussehende junge Männer in den dunklen Münchner Novemberabend.

Ali Cukur

Ali Cukur kam als Achtjähriger nach München. Sei Vater war gewalttätig Foto: Oliver Soulas

Cukur hat zwei Töchter, die mittlerweile ausgezogen sind – „und meine Ehe ist gescheitert“. Wegen des Boxens: „Ich hatte zu wenig Zeit für meine Frau.“ Wenn er spricht, klingt ein bayerischer und ein türkischer Akzent durch. Jetzt lebt er in einer Fernbeziehung mit einer Partnerin in Berlin. „Wenn Ali da jemals hinzieht, ziehen wir mit“, meint Netscho.

Mittlerweile ist Cukur ausgebildeter Antigewalttrainer und therapeutischer Boxtrainer. Er gibt Kurse – an Schulen, im Schullandheim und für den Verein für Sozialarbeit, der sich in München um benachteiligte Kinder und Familien kümmert. Auch ist er immer wieder in Flüchtlingsheimen, berät dort besonders schutzbedürftige Menschen und begleitet sie auf dem Weg durch den Bürokratiedschungel. Drei minderjährige unbegleitete Flüchtlinge hat er auch zum TSV-Boxen gebracht, sie haben einige Titel gewonnen.

Es gibt auch Rückschläge

Seine Vormittage wiederum verbringt Cukur derzeit stets in der Förderschule. Er ist Schulbegleiter eines Zwölfjährigen mit großen Aggressionsproblemen. „Mit mir kommt er zurecht, ohne mich nicht.“ Seine Ansage an den Jungen lautet: „Du bist ein super Kerl, aber dein Verhalten ist super scheiße.“

Immer wieder gibt es auch Rückschläge. Netscho und Bayar haben noch einen dritten Bruder, der auch boxte. Er hat aufgehört, Ali Cukur hat ihn schon eine Weile nicht mehr gesehen: „Der ist abgerutscht und hat sich irgendeiner bescheuerten Gruppe angeschlossen.“ Derzeit sitzt er im Gefängnis. Er hat dem Trainer geschrieben, wohl einen ziemlich herzzerreißenden Brief – dass er sobald wie möglich ins Training zurückkehren will. Ali Cukur sagt: „Ich bin an ihm dran, ich kriege ihn wieder.“

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