Liebeserklärung: Bowie gegen Blubber
Sein Tod unterbrach für einen kurzen Moment die giftig geführte Debatte über die Ereignisse der Silvesternacht in Köln
Wenn man Montagmorgen im Büro Nachrichten aus Köln liest – von Türstehern und Rockern und Nazis, die Ausländer jagen; vom Innenminister, der etwas von einer Schweigespirale zischt; vom SPD-Vize, der sich über einen Wettbewerb der Presseerklärungen empört –, wenn dann noch die Tür aufgeht und eine aufgeregte Kollegin hereinkommt ... ja, dann kann es nur noch schlimmer werden. Aber dann sagt die Kollegin einen Satz, der alles ändert, sie sagt: „David Bowie ist tot.“ Darf man jemandem dankbar sein, dass er stirbt?
Nun, jedenfalls dafür, dass sein Tod eine beißende deutsche Debatte für einen Tag in den Hintergrund gedrängt hat. Bowie hat ein neues Album herausgebracht, Geburtstag gefeiert und dann – Meister des Moments – für Stunden eine politische Raserei gebremst. Die Hetzer verstummten, die Welterklärer schrumpften zusammen. Im Hintergrund meinte man Bowies „Laughing Gnome“ kichern zu hören. Hahaha, heeheehee.
Ein offenes Geschlechtermodell hat Bowie etabliert. Er zelebrierte Androgynie, das kann man als Gegenentwurf sehen: zu jeder Form restriktiver Sortierung und sexueller Diskriminierung. Und wer wissen will, wie man Rassismus entlarvt, sollte sich auf YouTube ein Video von 1983 anschauen, in dem Bowie bei MTV kritisiert, dass der Sender überwiegend weiße Musiker zeigt. Ruhig, gelassen. So muss man das machen. Die Köln-Debatte dagegen wird giftig geführt, ohne Mitte. Darf man nach der Prägung der Täter fragen, ohne als Rassist zu gelten? Gegen sexualisierte Gewalt im Alltag sein, ohne die Gewalt zu Silvester zu rechtfertigen? Über Probleme der Einwanderung diskutieren, ohne Abschottung als Antwort zu bekommen? Dank Bowie bestimmte vorübergehend nicht allein der bedrückende Banalblubber über Köln die Nachrichten. Sondern die ganze wunderbare Vielschichtigkeit seines Werks. Georg Löwisch
Umverteilung gegen rechts
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