: Boris Jelzin kritisiert Tschetschenien scharf
■ Konfliktparteien wollen wieder verhandeln / Statistik über Kriminalität in der Kaukasusrepublik veröffentlicht / Russischer General verweigert vor Grosny Befehl
Moskau (AFP/AP/rtr) – Fünf Tage nach dem Einmarsch russischer Truppen in Tschetschenien haben beide Seiten Bereitschaft zu einer Verhandlungslösung signalisiert. Der tschetschenische Präsident Dschochar Dudajew wies seine Truppen an, sich um einen Kilometer von der Front zurückzuziehen. Sein Ministerrat forderte Rußland in einer Resolution auf, seine Truppen abzuziehen, dies sei die Bedingung für weitere Verhandlungen. Auf russischer Seite sprach sich der Präsident des Föderationsrates, Wladimir Schumejko, für einen Waffenstillstand aus. Der russische Regierungschef Viktor Tschernomyrdin erklärte, er sei bereit, mit Dudajew zu verhandeln. Gleichzeitig äußerte er sich jedoch skeptisch über die Gesprächsbereitschaft des tschetschenischen Präsidenten. Dieser wolle lediglich Zeit gewinnen. Falls Grosny die Verhandlungen platzen lasse, würden alle militärischen Mittel ausgeschöpft.
Zugleich verschärfte der russische Präsident Boris Jelzin seine Kritik an der tschetschenischen Führung. Der Einmarsch sei gerechtfertigt, da sich die Kaukasusrepublik zu einem Brutherd des Verbrechens entwickelt habe, der Rußland und die ganze Welt gefährde. Um die Anschuldigungen zu belegen, veröffentlichte das Präsidentenamt ein Memorandum des Moskauer Innenministeriums, in dem von Tschetschenen in den letzten Jahren verübte Verbrechen und Gewalttaten aufgelistet sind. Es erinnert an terroristische Aktionen wie die Entführungsfälle und Geiselnahmen im Oktober 1991, März 1992, Dezember 1993 sowie im Mai, Juni, Juli und Oktober 1994 in Rostow am Don, Mineralnije Wodi und Machatschkala. Tschetschenische Gangsterbanden hätten in vielen Regionen Rußlands das Monopol für den Rauschgifthandel an sich gerissen. Von der russischen Polizei würden derzeit etwa 1.200 tschetschenische Kriminelle gesucht.
Auch in der Armee wächst inzwischen die Kritik an dem Einmarsch in Tschetschenien. So weigerte sich gestern der Kommandant einer der drei russischen Panzerkolonnen, die die Haupstadt Grosny einschließen sollen, diesen Befehl auszuführen. Vor rund 1.000 Tschetschenen erklärte General Iwan Babitschew in der 35 Kilometer von Grosny entfernt liegenden Ortschaft Nowo-Schurwoi, die Invasion verstoße gegen die russische Verfassung. Moskau könne ihn für die Befehlsverweigerung verurteilen, aber man dürfe keine Panzer gegen das Volk einsetzen. „Wir werden nicht schießen, wir rücken nicht weiter vor“, so Babitschew. Die militärische Lage war gestern trotz einzelner Gefechte weitgehend ruhig.
siehe Kommentar Seite 10
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