: Borgfeld wird zugebaut
■ Spatenstich für ein Baugebiet, das 1.200 Familien davon abhalten soll, nach Lilienthal zu ziehen
Bei strahlendem Sonnenschein waren zum „Spatenstich“ in Borgfeld alle versammelt: Die stolzen Baufirmen, der Bausenator, die protestierenden Borgfelder Bürger. Mit insgesamt über 1.200 Wohneinheiten wird in „Borgfeld-Ost“ und „Borgfeld-West“ eines der größten Neubaugebiete für die kommenden Jahre geplant. Jetzt soll es losgehen.
Zunächst wird für die Borgfelder eine kleine Bonbonniere ausgepackt: „Umgestaltung Borgfeld-Mitte“ heißt das Paket. Um das Bebauungsprojekt (Finanzumfang insgesamt etwa 500 Millionen Mark) zu versüßen, werden 2,2 Millionen Mark für das alte Zentrum des dörflichen Bremer Vorortes ausgegeben, 750.000 Mark davon steuert das Bau-Konsortium bei: „Attraktiver und funktionaler“ soll die Borgfelder City werden, Kundenparkplätze soll es geben, ein breiter Fußweg soll zum Bummeln einladen, eine neue Linde eine Art „Dorfplatz“ kreieren. Schließlich wird ein Stück der Borgfelder Heerstraße saniert. Das hat aber den Unmut, der in Borgfeld über die Neubau-Planungen entstanden ist, kaum besänftigt. Insbesondere die CDU hat Sorgen, hier Stimmen zu verlieren, und die FDP kämpft im Wahlkampf mit der Ankündigung, die Straßenbahnschienen gegebenenfalls wieder herauszureißen, sollte die vierspurige Heerstraße nach Bremen hinein durch den Weiterbau der Linie 4 verengt werden.
Zu den bisherigen 4.700 Borgfeldern werden mindestens 2.500 neue Bewohner hinzukommen. Dies ist auch der Grund, warum es Proteste gab: Borgfeld wird seinen dörflichen Vorstadt-Charakter verlieren. „Wat mut, dat mut“, sagte ein Beiratspolitiker, als es am Freitag zum symbolischen Spatenstich ging. Die Bremer Bauplanung soll „die Abwanderung ins niedersächsische Umland bekämpfen“, entschuldigen sich die Bauträger in ihrer Pressemitteilung: „Man braucht sich nur einmal anzusehen, welche großen Baugebiete direkt an der Landesgrenze beispielsweise in Lilienthal ausgewiesen sind.“
Mögliche Häuslebauer wird anderes mehr interessieren als die Landesgrenze: Um den Bau der sozialen Infrastruktur zu garantieren, hat die Stadtgemeinde Bremen diesen Teil kommunaler Aufgaben gleich an die Bauträger mitverkauft. Eine Erschließungsstraße, Kanalisation, Radwege, einen Kindergarten, eine Grundschule und eine „Dreifach-Turnhalle“ werden die Baufirmen hinstellen, versichert der frühere Bau-Staatsrat und derzeitige Brebau-Geschäftsführer Prof. Jürgen Lüthge. Die Baufirmen haben sich dazu vertraglich verpflichtet, da kann nicht eine Behörde irgendwann kommen und sagen, das Geld sei nicht da – wie das in Arsten-Südwest oder am Weidedamm passiert ist. Die Käufer bekommen die Kosten für die soziale Infrastruktur natürlich anteilig mit auf die Rechnung, dennoch ist das eine typische „win-win“-Vereinbarung, sagt Lüthge: Die Bauträger bauen die Infrastruktur billiger als die Kommune das könnte, die neuen Bewohner können sicher sein, daß die Infrastruktur errichtet wird, und die Baufirma hat schöne zusätzliche Aufträge. K.W.
Unser Mittel gegen Antifeminismus
Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen