■ Bonn apart: Ritas unverhülltes Ja
Bonn (taz) — Westminster verhüllt, das Capitol eingepackt? Kaum vorstellbar, daß die Parlamente in Großbritannien und den USA Herrn Christo erlauben würden, diese Häuser zu verpacken. Hat der Reichstag für uns nicht „dieselbe Würde und denselben historischen Rang“?
Rita Süssmuth hat sich mit ihrem klaren „Ich bin dafür“ wieder einmal Kritik der ganz prinzipiellen Art eingehandelt. Als Kennerin der Bonner Verhältnisse hatte sie ihrem Votum für Christos Verhüllung hinzugefügt: „Ich bin nicht die Mehrheit“, was sich auch schnell erwies. Ihre Stellvertreter im Bundestagspräsidium winkten gleich ab, inklusive Renate Schmidt (SPD). Trotz gewisser Sympathie für die Idee fand Schmidt, die Sorgen der Bevölkerung lägen sicherlich woanders. Wohl wahr, aber welche Bonner Debatte verdiente diesen Einwand nicht?
Die Mehrheit der Unionsfraktion ist selbstredend dagegen. „Die Bevölkerung hat einen legitimen Anspruch darauf, sich jederzeit im Haus des deutschen Parlaments wiederzuerkennen“, mahnt dunkel der CSU-Abgeordnete Otto Regenspurger. Will er den Reichstag womöglich verspiegeln? Wie auch immer, der Christsoziale weiß jedenfalls, daß das Ja der ungeliebten Rita „mit den Aufgaben des Amtes des Bundestagspräsidenten“ nicht zu vereinbaren ist.
Nur Einzelne wagen sich heraus, um Süssmuth zu unterstützen. Peter Conradi, SPD, schwelgt in der Vorstellung des verhüllten Reichstags („gleißend im Sonnenlicht und schimmernd im Mondlicht, fremd und geheimnisvoll“) und stellt klar: nicht Christos Tücher kränken die Würde des Parlaments, das geschieht durch andere, „beispielsweise durch unehrliche und korrupte Politiker“. Unbehagen muß die Freunde des Christo- Projekts also beschleichen, wenn ausgerechet Bauministerin Irmgard Schwaetzer die Sache gut findet. Und Freude, daß Wolfgang Lüder (FDP) nicht nur bei Asyl und UNO-Einsätzen, sondern auch in dieser Frage außerhalb des Mainstreams in der Koalition steht. Und der andere verbliebene Freisinnige in Bonn, Burkhard Hirsch? Von ihm stammen die Hinweise auf Westminster und Capitol, in einem Brief an die Bundestagspräsidentin merkt er milde an, „daß nicht alle an Kunst interessierten Bürger Herrn Christo für einen Künstler halten“.
Der weitestgehende Vorschlag kommt wieder einmal aus der CSU. Günther Müller begrüßt das Projekt, aber 14 Tage sind ihm zu kurz: „Dieses, zur Hauptstadt Berlin hervorragend passende Weltkunstwerk sollte deshalb bis zum Ablauf der Urheberrechte — also 70 Jahre — verhüllt bleiben. Ein Umzug nach Berlin wäre dann nicht nötig.“ Tissy Bruns
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