: Bombenstimmung im AKW Ignalina
■ Vergebliche Suche nach Mafia-Sprengsatz
Stockholm (taz) – Heute soll das litauische Atomkraftwerk Ignalina wieder ans Netz gehen. Seit Montag produzierte es keinen Strom mehr, weil Inspektoren den ganzen Reaktor nach einer Bombe absuchten. Nichts deute auf einen Sabotageakt hin, meldete gestern der Werkdirektor Viktor Sjebalin, nachdem vorher auch die Experten der schwedischen Kernkraftinspektion (SKI) Entwarnung gegeben hatten. Die Abschaltung zeigt aber, daß die Betreiber das Einschmuggeln eines Sprengsatzes für möglich halten.
Mit Anschlägen auf das AKW war Ende letzter Woche gleich von zwei Seiten gedroht worden: Die litauischen Behörden erhielten Erpresserschreiben, in denen die Aufhebung des Todesurteils gegen den vermeintlichen Mafiaboß Boris Dekanidze bis gestern gefordert wurde. Und in Stockholm überbrachte am Freitag ein 52jährigen Litauer dem schwedischen Ministerpräsidenten Ingvar Carlsson einen Brief, in dem acht Millionen US-Dollar aus der Staatskasse gefordert wurden. Nach seiner Festnahme gab der Mann an, selbst von der litauischen Mafia erpreßt worden zu sein.
Wie ernst die Drohungen sowohl im 500 Kilometer von Ignalina entfernt liegenden Schweden als auch in Litauen genommen wurden, zeigt die Reaktion auf beiden Seiten der Ostsee. Seit Freitag letzter Woche war das AKW von der litauischen Sicherheitspolizei hermetisch abgeriegelt und mit Bombenspürhunden durchsucht worden. Litauens Regierungschef Adolfas Slezevicius ordnete außerdem die Aufstellung einer Antiterroreinheit an. Offenbar auf schwedischen Druck hin waren am Montag nacheinander beide Reaktoren des AKW abgestellt worden, obwohl die litauischen Behörden schon Entwarnung geben wollten. Danach durchsuchten schwedische Experten, die seit langem das AKW Ignalina im Rahmen eines Zusammenarbeitsabkommens kontrollieren, ihrerseits noch einmal die gesamte Anlage.
Sicherheitskontrollen ähnlich wie in westlichen AKWs gab es in Ignalina bisher nicht. Beim Betreten des Meilers fand nur eine Ausweiskontrolle statt; ausländische JournalistInnen – oder Leute, die behaupteten, dies zu sein – wurden bislang nach telefonischer Vorabsprache ohne Identitätskontrolle eingelassen. Auch der jetzt verstärkte Wachtrupp war sehr schwach ausgerüstet, und die Zäune um das Gelände sind ohne große Probleme zu überwinden.
Zwar wird das technische Personal in Ignalina zumindest regelmäßig bezahlt, so daß Streikdrohungen wegen monatelang ausgebliebener Löhne wie in einigen russischen AKWs noch nicht vorgekommen sind. Als personelle Schwachstelle, die sich auch eine Terrororganisation zunutze machen könnte, gelten aber die einfachen ArbeiterInnen, die laufend für Wartungs- und Reinigungsarbeiten eingesetzt werden müssen. Bislang gibt es keine Durchleuchtung dieses Personals.
In den letzten Tagen hat es in Litauen bereits mehrere Anschläge, unter anderem auf das Bahnnetz, gegeben. Am vergangenen Samstag war ein Brand in einer Ölraffinerie ausgebrochen, nachdem es wenige Stunden zuvor eine – von den Behörden anscheinend nicht ernst genommene – Ankündigung gegeben hatte. Die Terrorakte stehen offenbar im Zusammenhang mit dem Todesurteil gegen Dekanidze, der einen Journalisten hat umbringen lassen. Reinhard Wolff Seite 6
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