Bobby Rafiq Bobsens Späti: Berlin als Schmelztiegel der Hitze-Hacks
Dank des menschengemachten Klimawandels gibt es eine neue Binsenweisheit für den Sommer: Nach dem Heat Dome ist vor der Backofenhitze. Zum Ende einer heißen Phase ist ja das Tückische in Großstädten wie Berlin, dass die Wärme ewig nachglüht. Und wenn die Temperatur zwischenzeitlich fällt, hilft das Lüften auch nur so lang, wie es bei offenen Fenstern durchziehen kann. Danach hängt man wieder als Berliner Broiler-Imitat zwischen den aufgeheizten heimischen Wänden wie das Hähnchen am Neuköllner Drehspieß.
Und während ich an diesem Text sitze, sprechen auch schon die ersten Wetterexperten von der nächsten Hitzewelle, die sich südwestlich von uns vor den Toren Europas aufbaut. Mit den Temperaturen, die Jahr für Jahr neue Höchstwerte erreichen, stellt sich nicht nur die Frage, wie wir den Asphaltdschungel in den Städten herunterkühlen, sondern auch, wie wir mit der Hitze leben können.
Dafür lohnt sich ein Blick ausgerechnet in jene Regionen, auf die viele im nördlichen Europa gerne mal mit Überheblichkeit blicken: entlang der Küsten des Mittelmeerraums und weit darüber hinaus. Noch immer ist oft von faulen Südeuropäern und Afrikanern die Rede, von trägen Türken und Arabern. Für ihre ausgedehnten Siestas während der heißen Mittagssonne gab es früher oft nur ein reserviertes Kopfschütteln, die Kleidung von Teilen des Globalen Südens wurde exotisiert, das laute Treiben auf den Straßen bis tief in die Nacht im Urlaub verärgert zur Kenntnis genommen.
Dieser Bumerang kehrt nun zurück und verwandelt im besten Fall die Vorurteile in einen neudeutschen Alltag. Denn sollte die desaströse klimatische Entwicklung auch nur einen einzigen positiven Aspekt haben, dann doch den der Chance zum Umdenken: Mit jedem neuen Temperaturrekord häufen sich in den Medien die Beiträge, in denen die Heat Hacks der sogenannten Südländer gepriesen werden.
Warum tragen denn bitteschön die Tuareg in der Sahara „so komisch“ weite Kleidung? Sicher nicht, weil sie sich für ein modisches Mysterium halten, vielmehr entstehen unter ihren Gewändern Luftströme, die den Körper angenehm kühlen. Exakt nach diesem Prinzip funktionieren auch die arabische Dschallabija oder der kurdische Schalwar. Und lieber ein passioniertes Nippen am warmen Tee, statt die eiskalte Limo zu exen. Denn auch das dadurch provozierte Schwitzen sorgt für eine Abkühlung.
Bobby Rafiq sucht die Welt im Berliner Kiez und den Kiez in der Welt
Schließlich dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis hierzulande Arbeitszeiten stärker an die Sommerhitze angepasst werden. Natürlich mit einem weniger lustvoll klingenden Namen als „Siesta“. Wer „Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz“ kann, schafft auch das nächste Level begrifflicher Ungetüme.
Man braucht nicht teuer reisen, um sich das Know-how für das veränderte Klima anzueignen. Während deutsche Städte durch die Hitze wie in einem Schmelztiegel zerfließen, lohnt sich ein Blick in die gesellschaftlichen Melting Pots in Kreuzberg und anderswo. Clevere Verhaltensweisen für den Umgang mit extremer Hitze sind längst Teil dieses nicht nur klimatisch aufgeheizten Landes. Bedient euch, aber bitte mit Respekt und ohne die ermüdenden Annahmen, BPoCs könnten keinen Sonnenbrand bekommen, Hitze besser vertragen oder bei tropischen Nächten problemlos schlafen.
Wer das nicht glaubt: Den Strandurlaub verbringe ich hauptsächlich unterm Sonnenschirm, aber – mein spätes Mittagessen beginnt fast immer mit einer heißen Suppe. Das indes finden selbst meine afghanischen Verwandten schräg.
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