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Bobby Rafiq Bobsens SpätiDer Tod, ein bitteres Lebenselixier

Foto: Faruk Hosseini

Das Jahr ist nun schon einen Monat alt – und leider um viele Leben ärmer. Dieser Tage sterben um mich herum zahlreiche Menschen. Verwandte, Bekannte, Freundesfreunde und Verwandte von anderen Verwandten. Zwar wurden einige von ihnen sehr alt, trotzdem bleibt es traurig. Andere sind erschreckend jung verstorben, das schockiert und bedrückt.

Während ich so darüber sinniere und der Trauer – vielleicht auch dem Pathos – Platz einräume, fällt mir auf, dass der graue Frost vor der Tür das passende Sinnbild dafür abgibt. Die Kälte schüttelt einen bis ins Mark. Hier in Berlin hält uns seit Wochen ein hartnäckiger Eispanzer im Schwitzkasten. Ja, auch Stilblüten haben ihre Berechtigung. Mich jedenfalls bringt das Eis andauernd zum Schwitzen. Genauer gesagt: der ständige Wechsel der Laufmodi zwischen Pinguin und schwer beladenem Mann, der für einen stabileren Gang leicht nach vorn gebeugt übers Eis – ja, was eigentlich – stelzt, tapst und robbt?

Selbstverständlich ist das Bild des schwer beladenen Mannes angesichts des immer noch existierenden Patriarchats austauschbar: gegen eine noch schwerer tragende Frau oder eine nicht binäre Person mit großer Last auf den Schultern. Und das Eis wird zur unfreiwilligen, aber wirkungsvollen Übung für die eigene Standhaftigkeit.

Auf dem Eis laufen, ist gefährlich und müßig, weil man hier und da kaum von der Stelle kommt, aber es trainiert das Rückgrat wie sonst kaum etwas. Im besten Fall wächst daraus echte Selbstermächtigung. Wer sich auf ihm hält, schafft es vielleicht auf noch glatterem Untergrund: auf den politischen Permafrostböden unserer Zeit.

Denn fast alles, was gerade die Welt in Atem hält, ist männlich. Alte Männer, laute Männer, Männer mit Macht, mit Bomben, mit Tweets, im religiösen Wahn oder mit dem festen Willen, alles Komplexe wieder ganz einfach zu machen. Die Namen wechseln, ihre Muster bleiben. Sie sitzen an den Schalthebeln, in Talkshows und Volksvertretungen, in Fake-News-Redaktionen und hinter Lenkrädern zu groß geratener Autos. Oft auch im privaten Umfeld oder im Job, wo man sich lieber nicht vorstellen möchte, wie glatt der Boden noch werden kann. Natürlich – nicht alles Männliche ist böse, aber immer noch zu viel Böses männlich.

Bobby Rafiq sucht die Welt im Berliner Kiez und den Kiez in der Welt.

Womit ich wieder beim Tod wäre. Und der Frage, die sich in solchen Zeiten aufdrängt: Warum müssen die Guten immer so früh gehen? Klar stimmt das so nicht, es fühlt sich aber so an. Zwar wurde Gerhart Baum 92. Hans-Christian Ströbele immerhin 83. Rita Süssmuth starb nun kurz vor ihrem 89. Geburtstag. Aber Marco Bülow, der wackere Kämpfer gegen den Profitlobbyismus, ging erst vor wenigen Tagen mit gerade mal 54 Jahren. Renée Good aus Minneapolis Anfang Januar mit 37. Und die ganz und gar Unschuldigen gingen viel früher. Aylan Kurdi, Hind Rajab oder Anne Frank. Kinder, deren Namen man nie hätte lernen sollen. Die Frage müsste anders lauten: Warum werden die Bösen nur so alt?

Fast alles, was gerade die Welt in Atem hält, ist männlich.Alte Männer, laute Männer, Männer mit Macht, mit Bomben

Vielleicht ist es genau diese Zumutung, die uns zwingt, genauer hinzusehen. Der Tod nicht nur als Ende, sondern als Kraftquelle, als bitteres Lebenselixier: Wozu der ganze Stress, wenn es jederzeit passieren kann? Der Sichelmann sollte wütend machen, auf dem Eis wie abseits davon. Nicht nur wegen der ausbleibenden Räumung der Gehwege, sondern weil der Genickbruch jederzeit möglich ist. Im Angesicht des Memento mori wirken der Hass, die kleinen Egos der scheinbar großen Männer, der Doofen und Deppen im persönlichen Umfeld läppisch und unerträglich. Am Ende werden auch sie nur abkratzen. Was also haben wir zu verlieren – außer dem Leben?

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