Bildung: Vera nervt die Grundschulen

Gut eintausend GrundschulpädagogInnen sprechen sich gegen Vergleichsarbeiten aus. Die seien sinnlos, solange sie folgenlos blieben.

Die Tests sollen Ende April und Anfang Mai geschrieben werden Bild: AP

In einem offenen Brief an Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD) haben sich 1.051 Lehrer- und ErzieherInnen gegen die jährlich in den dritten Klassen durchgeführten Vergleichsarbeiten in Deutsch und Mathematik, "Vera", gestellt. Das Schreiben geht auf die Initiative "Grundschulen im sozialen Brennpunkt" zurück. Viele UnterzeichnerInnen arbeiten in Mitte, Schöneberg, Kreuzberg und Neukölln.

Die SchülerInnen dort kämen "zu 70 bis 90 Prozent aus Familien mit Migrationshintergrund und sozial benachteiligten Elternhäusern", heißt es in dem Brief. Ein Großteil liege "hinter dem Leistungsstand von SchülerInnen aus normal geförderten Mittelstandsfamilien zurück". An denen würden sich die bundesweit einheitlichen Vergleichstests aber orientieren. Trotz der daraus resultierenden "dramatisch schlechten Ergebnisse in den Brennpunktschulen" würden von der Schulverwaltung jedoch "weder mehr Lehrerstunden für eine intensive Förderung noch Zusatzstunden für kleinere Lerngruppen" ermöglicht. Die UnterzeichnerInnen lehnen die weitere Durchführung der Vergleichsarbeiten deshalb ab.

Die Tests sollen Ende April und Anfang Mai geschrieben werden. Seit 2007 nehmen alle Bundesländer teil. Das standardisierte Verfahren soll der "Schul- und Unterrichtsentwicklung" dienen und LehrerInnen "Orientierung über den Kenntnisstand, die Lernfortschritte und die Leistungsprobleme der einzelnen Schüler" ermöglichen, heißt es in den Zielen.

Genau das täten die Einheitstests aber nicht, meinen die Kritiker: "Sie sind gerade für Schulen in Brennpunkten völlig ungeeignet, den individuellen Lernfortschritt der SchülerInnen zu ermitteln", sagt Jürgen Schulte, Sprecher der Initiative "Grundschulen in sozialen Brennpunkten". Zudem stünden die Tests, bei denen die Drittklässler ohne Hilfe in kurzer Zeit Lese- und Rechenaufgaben zu lösen haben, "diametral im Gegensatz zu dem Lernverständnis, das wir als Pädagogen, aber auch die Schulverwaltung sonst vertreten, nämlich die Schüler als Subjekt, nicht als Objekt des Lernverfahrens zu begreifen", so Schulte. Während den Kindern an den Grundschulen kooperatives Lernen vermittelt würde, seien sie in dieser ersten erlebten Prüfungssituation auf sich allein gestellt. Weder untereinander dürften sie sich helfen, noch sei es den Lehrkräften gestattet, Fragen zu beantworten.

Dabei überforderten die Aufgaben oft schlicht das Sprachvermögen der Kinder, sagt Susanne Weidtmann, Lehrerin an der Neuköllner Karlsgarten-Grundschule. Wenn etwa, wie bei den Vera-Deutschtests 2008, von einem Pullover die Rede sei, der aus Seemannsgarn gestrickt werde, "dann verstehen unsere Kinder zwar, dass da jemand einen Pullover macht, aber die tiefere Ebene, dass aus etwas Irrealem etwas Reales entstehen soll, die verstehen sie nicht." Weidtmann findet die Vergleichsarbeiten auch deshalb "katastrophal", weil sie folgenlos blieben: "Wenn ich evaluiere, um Kinder dann gezielter zu fördern, muss ich auch die Voraussetzungen dafür haben." Vera aber bescheinige den Kindern Mängel - "und danach passiert nichts", so Weidtmann.

Die Opposition sieht in dem Brief der Lehrer einen Beweis für das Versagen des Senats. Dessen Reformen, "die angeblich insbesondere Kindern aus bildungsfernen Familien zugutekommen" sollten, hätten nichts gebracht, so die bildungspolitische Sprecherin der FDP, Mieke Senftleben. Die Senatsbildungsverwaltung war am Dienstag zu keiner Stellungnahme bereit.

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