: Besser als sein Ruf
Seit einigen Jahren werden Hanfprodukte in der Medizin verwendet. Auch Menschen mit schwerer Krebserkrankung profitieren unter bestimmten Umständen von diesem Einsatz
Von Cordula Rode
Kiffen gegen Krebs? Ganz so einfach ist es dann doch nicht. „Medizinalhanf wird ausschließlich in der Supportivtherapie eingesetzt“, erläutert Anke Ernst vom Krebsinformationszentrum. Seit März 2017 dürfen in Deutschland gesetzlich cannabisbasierte Arzneimittel und medizinisches Cannabis von Ärzt:innen verschrieben werden. Die Kosten übernehmen nach Prüfung eines Antrags die Krankenkassen.
„Im Zusammenhang mit Krebs diskutieren Fachleute den Nutzen von Cannabisprodukten sowohl bei Beschwerden, die der Krebs verursacht, als auch bei Nebenwirkungen einer Chemotherapie“, erklärt Fachapothekerin für Arzneimittelinformation Ernst. Dies sind vor allem Schmerzen, Übelkeit und Erbrechen und Appetitverlust, Gewichtsabnahme und Geschmacksstörungen. Für die Behandlung stehen verschiedene Darreichungsformen zur Verfügung. Die wichtigsten Wirkstoffe (Cannabinoide), die im Hanf enthalten sind, sind das THC und das CBD. THC (Tetrahydrocannabinol) gilt als psychoaktiv, ist also für die berauschende Wirkung verantwortlich, während CBD (Cannabidiol) keine bewusstseinsverändernden Eigenschaften hat.
Fertige Medikamente enthalten unterschiedliche Dosierungen und Kombinationen dieser Cannabinoide. Darüber hinaus darf Cannabis auch als Medizinalhanf in Form getrockneter Blüten verordnet werden. Diese werden dann in der Regel als Tropfenlösung, Kapsel oder Inhalationslösung aufbereitet. Anders als bei den Medikamenten besteht hier das Problem, dass die Wirkstoffkonzentration von Mischung zu Mischung der Blüten unterschiedlich sein kann.
Bis April 2024 fiel Cannabis unter das Betäubungsmittelgesetz, was die Verschreibung verkomplizierte, da hier sehr viel strengere Vorschriften gelten (Rezept ausschließlich in Papierform mit einer Gültigkeit von nur sieben Tagen). Mit der Teillegalisierung von Cannabis unterliegt die Verordnung von Cannabisarzneimitteln nicht länger dem Betäubungsmittelgesetz. Das bedeutet, Ärzte können medizinisches Cannabis nun bis auf eine Ausnahme (Nabilon) über ein „normales“ elektronisches Rezept verordnen.
Dennoch ist der Aufwand bei der Erstverordnung immer noch höher als bei anderen Medikamenten. Bevor Versicherte Cannabisarzneimittel das erste Mal erhalten, müssen sie eine Genehmigung bei der Krankenkasse beantragen. Diesen Antrag muss die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt unterstützen und ausführlich begründen. Die Krankenkassen dürfen einen solchen Antrag nur in Ausnahmefällen ablehnen. Wie jedes andere Medikament hat auch Cannabis Nebenwirkungen. Schwieriger als die Bestimmung der Nebenwirkungen ist die Beurteilung der gewünschten Wirkung. Es existieren nur wenige verlässliche Studien.
Die Cochrane-Gesellschaft, ein anerkanntes globales, unabhängiges und gemeinnütziges Netzwerk aus Forschenden und Fachleuten aus dem Gesundheitswesen, Patient:innen und Pflegenden, hat in einem Review die wenigen vorliegenden Studien zum Thema Schmerzlinderung bei Krebs ausgewertet (Stand Juni 2023) und kam dabei zu eher ernüchternden Ergebnissen. Die Beweiskraft und Vertrauenswürdigkeit der bisherigen Studienergebnisse zum Thema bewerteten die Fachleute als insgesamt niedrig. Als alleiniges Medikament reicht Cannabis bei Krebsschmerzen offenbar nicht aus, kann aber in Kombination mit anderen Schmerzmitteln durchaus positive Wirkung zeigen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO gibt in ihrem Stufenschema zur Behandlung von Schmerzen keinerlei Empfehlungen bezüglich Cannabis.
Am 4. Februar 2026 findet zum 26. Mal der Weltkrebstag statt. Das Motto der Internationalen Vereinigung gegen Krebs lautet „Gemeinsam einzigartig“, weil an Krebs Erkrankte durch ihre medizinische Diagnose miteinander verbunden sind. Zugleich hat jede:r Patient:in eine eigene Geschichte, eigene Erfahrungen und eigene Bedürfnisse, auch lange nach einer Krebserkrankung. Deshalb wird vermehrt der Mensch behandelt und nicht nur die Krankheit. Auch Familie und Freunde spielen dabei eine wichtige Rolle.
Eindeutiger hingegen ist die Wirksamkeit von Cannabis bei Übelkeit und Erbrechen als Folge einer Chemotherapie. Fachleute empfehlen Cannabinoide vor allem dann, wenn gängige Standardtherapien gegen Übelkeit und Erbrechen nicht ausreichend gut wirken – entweder als „Reservemittel“ oder als Ergänzung zur Standardtherapie.
„Genau das ist der Stellenwert der Cannabisprodukte – ein Ergänzungsmedikament bei chemotherapiebedingter Übelkeit“, so Ernst. „Die Anwendung kann für die Patient:innen hilfreich sein, allerdings nur unterstützend.“ Diesen Einsatz gegen Übelkeit befürworten auch deutsche Leitlinien für Onkologie.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen