Berliner Szenen: In der Bahn
Nicht stören
Das „Pssssst“ ist laut. Es kommt von einer abwehrend wedelnden Dame in der Ecke des Speisewagens eines ICE von Hamburg nach Berlin, ihr Handy hat sie an das linke Ohr gepresst. Über ihrem Fenster klebt das blau-weiße Piktogramm, das ein Funktelefon mit durchgezogenem roten Strich zeigt. Das „Pssssst“ gilt der Kellnerin des Bahnrestaurants. Die hat gerade ihre Stimme erhoben, um den Gästen etwas Unangenehmes anzukündigen: Ihr Kollege sei nicht zum Dienst erschienen, deshalb stehe sie allein da und könne nicht am Tisch bedienen. Die Gäste mögen sich bitte zum Tresen begeben, um dort ihre Bestellungen abzugeben. Immerhin ist die Küche geöffnet, das ist doch was.
Die Bahnerin lässt sich durch das herrische „Pssssst“ der Passagierin nicht aus der Ruhe bringen. Sie sagt nicht: „Gnädige Frau, gehen Sie doch bitte auf den Gang zum Telefonieren.“ Oder: „Meine Dame, Sie haben wohl das Verbotsschild übersehen.“ Stattdessen wendet sie sich ab, murmelt nur leise etwas vor sich hin, das sich so anhört, als ahme sie spöttisch das „Pssssst“ nach.
Die Mitreisenden können sich derweil Gedanken über das übersteigerte Selbstbewusstsein mancher Leute machen, über mangelndes Mitgefühl und unsoziales Verhalten. Und eben über Telefonieren in der Öffentlichkeit, das den Nachbarn das Mithören von Verabredungen und Vertragsverhandlungen, aber auch von Ehekrach und Liebesschwüren aufzwingt.
Die zischende Dame legt ihr Handy schließlich ab. Anscheinend ist es ihr gelungen, sich mit jemandem in Berlin zu verabreden. Sie ist um die 50 Jahre alt, reist allein und unterhält sich nun mit anderen Fahrgästen. Als der Schaffner die Fahrkarten kontrolliert, ergreift sie Gelegenheit, sich zu beschweren: „Wird man denn hier heute gar nicht bedient?“
Andreas Lorenz
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