Berliner Szenen: Unwetter in Wilmersdorf
Wo ist Silvano?
Es ist einer dieser grauen Tage, als hinge eine trübe dicke Glocke über Berlin. Düstere Straßen und kühler Wind scheinen den Weltuntergang anzukündigen. Ich besteige trotzig das Fahrrad und mache mich in Richtung Wilmersdorf auf. Das Mitte-Getöse hinter mir und am dunklen Tiergarten vorbei, öffnet sich die Wolkenwand und kurz leuchten die frischen Blätter der Sträucher hell grün in der Sonne.
Als ich mich Wilmersdorf zuwende, zieht sich wieder die tiefe graue Decke über die Stadt. Erst prasseln kleine Hagelkörner auf den Asphalt, dann bilden sich dicke Wasserflecken. Schließlich ergießt sich der gesamte himmlische Amazonas über Berlin. Auf einmal bin ich allein. Die bürgerlichen Straßen sind leer gewaschen. Nicht ein Auto, keine anderen mutigen Fahrradfahrer, nirgends ein Fußgänger zu sehen; auch die Vögel, Straßenhasen und Ratten haben sich verkrochen.
Der starke Wind peitscht den Regen in mein Gesicht. Die Dusche durchtränkt nach und nach alle Lagen Kleidung, die ich an mir trage. Blinzelnd steuere ich auf den Prager Platz zu, ein Kreisverkehr mit runder Grünanlage in der Mitte und wiederum rundem Springbrunnen im Zentrum. Noch immer bin ich allein. Dann sehe ich in der Ferne eine Gestalt vor dem Brunnen stehen. Sie bewegt sich nicht, steht starr, den Blick zum Himmel gerichtet. Als ich näher komme, höre ich, dass sie etwas ruft. Ich frage mich, ob es ihr gut geht, und steige ab, schiebe mein Fahrrad auf sie zu. „Silvano“, ruft die Frau.
Es klingt nicht suchend, nicht verzweifelt und auch nicht, als erwarte sie ihn, jenen Silvano. Sie blickt mich kurz an und lächelt. Der Regen lässt nach, die Wolken brechen wieder auf, Pinselstriche von hellem Licht zeichnen den Moment. Ich sitze auf den Sattel auf und fahre ohne ein Wort weiter. Als ich mich entferne, höre ich noch ein letztes „Silvano“. Leila van Rinsum
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