Berliner Szenen: Am Gleisdreieck
Mädel aus Moabit
Ich kaufe Papier, um einen Brief zu schreiben. Ich fahre zum Tempel des Materialbedarfs am Moritzplatz und gönne mir schönes, satiniertes Papier, denn meine einzige Brieffreundin möchte ich verwöhnen. Brieffreunde werden immer rarer.
Das Wetter ist schön, ich habe Zeit. Ich finde im Gleisdreieck-Park eine Bank. Mit Panoramablick, Sonne und weit weg von lärmenden Spielplätzen sind alle Voraussetzungen fürs Briefeschreiben erfüllt.
Ich fange an mit einer Beschreibung: Zwei U-Bahn-Linien überqueren die Fläche, Gebäude dringen in den Park ein. Alte Schienen, Gartenkolonie, Sportplätze, Cafés. Für jemanden, der nie in Berlin war, ist ein Ort wie das Gleisdreieck schwer vorstellbar. Dann erzähle ich über die Menschen, die ich sehe. Was sie machen, wie unterschiedlich sie zu sein scheinen. Als ich gerade schreibe, wie schwer es mir fällt, mit diesen fremden Menschen Kontakt aufzunehmen, kommt ein rollschuhlaufendes Mädel zu mir.
Ob sie ihre Sachen bei mir lassen kann? Ohne auf eine Antwort zu warten, deponiert sie ihre Tasche neben mir und läuft los. Mit den Händen vor sich, Knie und Ellenbogen geschützt, balanciert sie wie eine Seiltänzerin. Sie läuft und läuft und guckt mich nicht an – nicht als sie an mir vorbeiläuft, nicht einmal, um zu überprüfen, dass wir (ihre Sachen und ich) noch da sind.
Dann setzt sie sich neben mich. Ich frage, ob sie gerade laufen lernt. „Ja, aber wenn meine Mutter das wüsste!“, sagt sie. „Sie hat Angst. Aber ich bin schon groß.“ Als sie nach ihrem Tabak greift, frage ich, ob ich eine drehen darf. „Wohnst du in der Nähe?“, frage ich. Nein, in Moabit. Nach einer Pause möchte sie wissen, ob ich immer hierherkomme, um zu schreiben. „Nur wenn ich Briefe schreibe“ antworte ich. Sie lächelt, als würde sie mir nicht glauben.
Luciana Ferrando
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