Berliner Szenen: Am ersten Tisch links
Bloß nicht weinen
Wie schon so oft irrten wir durch den Bauch der Volksbühne, wo es jetzt, kurz vor Showtime, abgesehen von den aus den Lautsprechern tönenden Ansagen der Inspizientin, totenstill war. Als wir endlich die Kantine erreichten, war es für Bier und Buletten eigentlich noch zu früh. In der Kantine sprachen wir über Rezeptionsästhetik, Dostojewski und Schönberg. Das war so auch nur hier möglich, einen halben Meter unter der Erde.
Noch einmal Castorf dort hocken sehen, am ersten Tisch links, mürrisch, die soeben beginnende Karamasow-Show auf dem Monitor hinter sich keinen Blick würdigend, ach! Karo musste sich einfach immer wieder zu ihm umdrehen. Und dann war er plötzlich verschwunden.
Was blieb, war eine mäßig leckere Kochwurst und ein wenig Senf auf dem Teller. Und die Erinnerung an unfassbar viele große Abende in der Volksküche, äh Bühne. Henry Hübchen als Dottore Snaporaz in Fellinis/Castorfs/Neumanns „Stadt der Frauen“, 20 Jahre war das nun schon her, ein Chor schöner Damen beklagte damals die „Phallokratenburg“, ach je. Vieles, Gotscheffs „Iwanow“ oder die Dostojewski-Adaptionen, hatten wir mehrmals gesehen, das ein oder andere auch an mehreren Abenden abgesessen. Manchmal war es anstrengend gewesen, aber langweilig nie.
Oh nein, kippte die Stimmung etwa gerade ins Weinerliche? Bloß nicht. Schnell zogen wir weiter in die Z-Bar, wo ein albernes Lyrikbattle im Gang war. Das Gefälle hätte größer nicht sein können. Noch etwas hatte sich verändert, als wir wieder auf der Straße standen und in den winterlichen Nachthimmel blickten. Eine leichte Verschiebung der Synchronizität zwischen Sprache und Gesten. Halb empört, halb belustigt schüttelten wir die Köpfe. Schon morgen würden wir ja beinahe alles wieder verstehen.
Sascha Josuweit
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen