Berliner Szenen: Maria an der Tür

Die Fliegen vom Sommer sind alle tot. Aber Jesus lebt und lädt uns zu sich ein.

Gar nicht so leicht, Fotos von der Gottesmutter Maria zu finden. Bild: dpa

Während ich die Kaffeetassen spülte, machte ich mir Gedanken über die kleinen Fliegen, die im Sommer immer im Biomülleimer gelebt hatten und von denen ziemlich viele in einer Apfelessig-Spülmittel-Falle ertrunken waren. Jetzt waren sie alle weg. Irgendwo in der Küche mussten sie gestorben sein.

Im Müll waren keine mehr, in der Obstschüssel auch nicht. Vielleicht hatten sie sich zum Sterben unters Regal gelegt. Vielleicht waren sie durchs Fenster rausflogen, aber irgendwie war ich mir sicher, dass sie tot sein mussten, tot oder im Winterschlaf, aber eher tot.

Als es an der Tür klingelte, rief ich S. zu, dass er bitte aufmachen soll, weil ich nackt war und er nicht. „Bestimmt die Post“, sagte ich. S. machte auf, und eine Frauenstimme sagte etwas auf Englisch und S. antwortete irgendwas. Ich ging ins Wohnzimmer und lauschte.

„Are you catholic?“, fragte eine Frauenstimme. „No“, sagte S. Die Frau sagte irgendwas über Jesus und Gemeinschaft und dass S. zu ihnen ganz herzlich eingeladen sei.

Große Aufregung bei mir. Ich finde Leute, die einfach so bei anderen an der Haustür klingeln und sie von etwas überzeugen wollen, total mutig und total bemitleidenswert. Aber ich finde auch, dass sie ruhig was aushalten sollen dafür, dass sie so nervig sind.

Nackig hüpfte ich in den Flur und wollte gerade rufen „He’s not catholic, but I was catholic, when I was younger!“ Aber da machte S. gerade schon die Tür zu, die Frau hatte ihm noch ein paar Zettel in die Hand gedrückt. Dazu einen kleinen silbernen Anhänger an einem babyblauen Faden.

Auf dem Anhänger war Maria drauf. „Nur ein Stückchen Metall? Die wunderbare Medaille der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“, stand auf einem Kärtchen dazu. „Hier, Geschenk“, sagte S. und gab mir den Anhänger. Ich hängte ihn mir um und ging zurück in die Küche.

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Jahrgang 1986. Schreibt seit 2009 für die taz über Kultur, Gesellschaft und Sex. Foto: Esra Rotthoff

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