Berliner Gedenkstätten vermissen Schulklassen: Schüler überspringen Gedenken

NS-Gedenkstätten schlagen Alarm: Die Besucherzahlen von Berliner Schülern sind um bis zu 40 Prozent gesunken. Lehrer bestreiten, dass sie weniger Exkursionen zu historischen Orten anbieten

Weit und breit keine Schulklasse in Sicht: Das Holocaust-Mahnmal in Berlin Bild: DPA

Die NS-Gedenkstätten in Berlin und Brandenburg beklagen einen teilweise drastischen Rückgang der Besucherzahlen von Berliner Schülergruppen. 2008 seien im Vergleich zum Vorjahr 40 Prozent weniger Berliner Schüler ins Konzentrationslager Sachsenhausen gekommen, sagte Horst Seferenz, Pressesprecher der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, der taz. "Diese Zahlen sind dramatisch."

Auch das Museum im Haus der Wannsee-Konferenz hat einen merklichen Rückgang an Schülerbesuchen aus Berlin zu verzeichnen, so Wolf Kaiser, Leiter der Bildungsabteilung. 2007 habe es 42 Führungen gegeben, im vorigen Jahr nur noch 29. Die Entwicklung sei bedauerlich, weil die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus am historischen Ort ungleich tiefer sei als in der Schule. "Der Nationalsozialismus droht zu einem Thema unter vielen zu werden."

Für Gabriele Jonelath von der Geschäftsstelle für das Gelände "Topographie des Terrors" hat dieser Trend bereits vor fünf Jahren begonnen. "Seitdem kommen sehr viel weniger Berliner Schulgruppen zu uns", sagte sie der taz. In der Gedenkstätte Deutscher Widerstand hat man ebenfalls den Eindruck rückläufiger Schülerexkursionen aus Berlin. Allerdings lägen noch keine Zahlen für 2008 vor, sagte Leiter Johannes Tuchel.

In der Senatsverwaltung für Bildung erklärt man sich das Phänomen mit einer Verschiebung der Schwerpunkte im Unterricht. "Wenn ein nicht unerheblicher Teil der Klasse türkischstämmig ist, treten auch Themen wie Emigration in den Vordergrund", sagte Sprecher Jens Stiller. Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD) lege aber großen Wert darauf, dass die Schulen weiterhin "die wichtigen Angebote der Gedenkstätten in Berlin und Brandenburg" wahrnehmen.

Unter seinem Vorgänger Klaus Böger (SPD) hatte der Senat allerdings einen Beschluss gefasst, nach dem die Teilnahme an Lehrerseminaren, die von den Gedenkstätten angeboten werden, nur noch in der Freizeit erfolgen soll. Das führte dazu, dass sowohl in Sachsenhausen als auch im Haus der Wannsee-Konferenz Lehrerseminare aus Mangel an Teilnehmern abgesagt werden mussten. Peter Sinram, Sprecher der Lehrergewerkschaft GEW, folgert daraus, dass Lehrer es anscheinend vorziehen, auf einen Besuch an einer NS-Gedenkstätte zu verzichten, statt ihre Schüler unvorbereit über das Gelände zu führen.

Die Lehrer und Schulleiter selbst weisen den Vorwurf zurück, weniger Exkursionen zu machen. "Wir fahren jahrgangsübergreifend jedes Jahr nach Ravensbrück", sagte etwa Lutz Seele, Schulleiter des Otto-Nagel-Gymnasiums in Marzahn. Er könne außerdem nicht bestätigen, dass die Lehrer weniger Fortbildungen in NS-Gedenkstätten machen würden. Auch Wolfgang Harnischfeger, Leiter des Beethoven-Gymnasiums und Geschichtslehrer, versucht nach wie vor, ein Mal pro Jahr mit seinen Geschichtsklassen zu einer Gedenkstätte zu fahren - entweder nach Hohenschönhausen, Sachsenhausen oder ins Haus der Wannsee-Konferenz. Dirk Reich, Schulleiter des Werner-von-Siemens-Gymnasiums in Zehlendorf, sagte ebenfalls, seine zehnten Klassen führen "regelmäßig" nach Sachsenhausen.

Auffällig ist, dass nur Gedenkstätten des Nationalsozialismus sinkende Zahlen bei Berliner Schulgruppen verzeichnen. Das Interesse an der DDR ist offenbar nach wie vor hoch: Die Gedenkstätten der SED-Diktatur können keinen Rückgang feststellen - weder in Hohenschönhausen noch im Stasi-Museum in der Normannenstraße noch in der Gedenkstätte Berliner Mauer.

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