Berliner Democrat Abroad zur US-Wahl: „Ich bin sehr nervös“

Powen Shiah von den Berliner Democrats Abroad verbringt die Nacht der US-Wahl mit Hoffnung und Hotdogs und geht am Mittwoch nochmal demonstrieren.

Man sieht die amerikanische Flagge vor dem Brandenburger Tor in Berlin

21.000 wahlberechtigte Amerikaner*innen leben in Berlin Foto: Lino Mirgeler/dpa

taz: Herr Shiah, heute Nacht entscheidet sich, ob Donald Trump Präsident der USA bleibt oder ob es der Demokrat Joe Biden wird. Wie nervös sind Sie?

Ich bin sehr unsicher. Zwar liegt Joe Biden in den Umfragen klar vorne, doch die Präsidentschaftswahl 2016 hat gezeigt, dass man sich auf Umfragen nicht verlassen kann.

Wie viele der US-Bürger*innen in Berlin wählen demokratisch?

Zum Wahlverhalten gibt es keine Statistik, da die hier lebenden US-Amerikaner*innen in der Stadt zur Wahl angemeldet sind, wo sie zuletzt in den USA beziehungsweise wo ihre Eltern gelebt haben. Ich vermute aber, dass die US-Bürger*innen in Berlin überwiegend die Demokraten wählen.

Powen Shiah, 37, ist im Vorstand der Democrats Abroad. Das ist eine Organisation, die im Ausland lebende Demokrat*innen vertritt und die Wahlbeteiligung von ausgewanderten Amerikaner*innen erhöhen soll. Shiah lebt seit sechs Jahren in Berlin.

Warum?

Weil sie in Deutschland sehen, wie es anders gehen kann. Hier sind die Bürger*innen krankenversichert, Bildung ist nicht so teuer. Und die Corona-Politik ist besser. Wir haben in den vergangenen sechs Monaten alles getan, um die Amerikaner*innen in Berlin zum Wählen zu animieren und so Biden zu unterstützen.

Wie haben Sie Wähler*innen mobilisiert?

Der Wahlkampf lief wegen der Pandemie ganz anders ab als geplant. Live-Veranstaltungen mussten wir absagen, die Feier zum Unabhängkeitstag am 4. Juli auch. Eigentlich wollten wir ein Büro mieten und dort allen Amerikaner*innen bei der Registrierung zur Wahl zu helfen. Stattdessen haben wir Sprechstunden per Zoom angeboten und auf Facebook und Twitter zum Wählen aufgerufen. Um mit den Amerikaner*innen in Kontakt zu bleiben, haben wir abends oft ein virutelles Pub-Quiz veranstaltet. Und bei gutem Wetter haben wir Infostände auf dem Wochenmarkt am Kollwitzplatz aufgebaut, auf der Bergmannstraße oder im Park am Gleisdreieck. Die effektivste Methode, um Leute zu erreichen, ist aber Phonebanking.

Was ist Phonebanking?

Wir haben Tausende Mitglieder abtelefoniert und gefragt, ob sie schon den Wahlbogen beantragt haben. Diese Methode wirkt für Deutsche eher ungewöhnlich, in Amerika ist sie aber üblich.

Wie hoch ist die Wahlbeteiligung der in Berlin lebenden US-Amerikaner*innen?

Sehr gering. In Deutschland leben rund 120.000 wahlberechtigte Amerikaner*innen, davon etwa 21.000 in Berlin. Ihre Stimme geben aber leider nur zehn bis 15 Prozent ab.

Wieso nur so wenige?

Höchstwahrscheinlich, weil der Wahlprozess so kompliziert ist. Wer seine Stimme abgeben möchte, muss sich vorher zur Wahl registrieren lassen, das passiert nicht automatisch. Die Regeln unterscheiden sich von Staat zu Staat. Ich zum Beispiel bin in San Francisco zur Wahl angemeldet, weil ich dort zuletzt gelebt habe. In Kalifornien darf man den Wahlzettel nicht per Mail zurückschicken, sondern nur per Fax oder Brief. In anderen Bundesstaaten ist es per Mail erlaubt. In wieder anderen nur per Brief. Und dann unterscheiden sich wiederum die Fristen. In manchen Staaten zählt der Poststempel, in manchen das Eingangsdatum.

Das klingt wirklich sehr kompliziert...

Und trotzdem glaube ich, dass diesmal mehr Leute von ihrem Stimmrecht Gebrauch machen.

Wieso?

Die Webseite votefromabroad.org wurde dieses Jahr in Deutschland fast fünfmal so häufig aufgerufen wie noch bei der Präsidentschaftswahl 2016.

Wie schauen Sie heute Nacht die Auszählung der Stimmen?

Ich treffe mich mit Freund*innen. Wir machen viele verschiedene Hot Dogs. In Kalifornien zum Beispiel isst man sie mit Bacon und Avocado, in Michigan, wo ich aufgewachsen bin, mit Chillisauce und keingehackten Zwiebeln. Später gibt es dann noch Nachos und Popcorn. Die Democrats Abroad in Berlin treffen sich heute Abend bei Zoom, 40 Demokrat*innen haben sich schon angemeldet. Auch da werde ich mich ab und zu einschalten.

Machen Sie die ganze Nacht durch?

Bis zwei oder drei Uhr bleibe ich auf jeden Fall wach. Je nach Stimmungslage lege ich mich dann ins Bett oder nicht.

Was passiert, wenn Donald Trump wieder gewählt wird?

Daran möchte ich jetzt noch nicht denken. Wir haben in Berlin wirklich alles getan, um Biden zu unterstützen. Meine Hoffnung ist groß, dass er gewinnt. Mittwochmittag um zwölf Uhr veranstalten wir eine Demo names „Count the Votes“ vor dem Brandenburger Tor. Wir wollen dafür protestieren, dass erst jede einzelne Briefwahl-Stimme ausgezählt wird, bevor ein Sieger bekannt gegeben wird.

Noch mal ganz konkret: Wie würde sich Ihr Leben in Berlin ändern, würde Trump erneut Präsident?

Wir würden, genauso wie die vergangen vier Jahre auch, weiterhin Widerstand gegen Trump leisten, Demos organisieren und auf den drastischen Schaden aufmerksam machen, den er in den USA und auf der ganzen Welt verursacht. Ich persönlich würde mir extrem Sorgen um die Gesundheit meiner Familie machen. Meine Schwester lebt in New York, meine Eltern in Michigan. Die Corona-Politik von Trump ist der Horror.

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