Berlinale Doku über Bin-Laden-Leibwächter: "Jeder kennt Abu Jandal"

Abu Jandal war Leibwächter Ussama Bin Ladens und ist die Hauptfigur in "The Oath". Ein Gespräch mit Regisseurin Laura Poitras.

Abu Jandal in seinem Taxi - Still aus Laura Poitras Dokumentarfilm "The Oath". Bild: khalid al mahdi/berlinale

taz: Frau Poitras, Sie hatten Schwierigkeiten, von New York nach Berlin zu kommen?

Laura Poitras: Offensichtlich stehe ich wegen meiner journalistischen Recherchen im Zusammenhang mit al-Qaida auf einer Verdächtigen-Liste. Erst nach Intervention meiner Anwälte konnte ich schließlich zur Berlinale nach Berlin fliegen.

Sie haben in Jemen mit dem früheren Leibwächter von Ussama Bin Laden, Abu Jandal, gedreht. Wie lange dauerten die Arbeiten zu "The Oath"?

Laura Poitras studierte Film in San Francisco und lebt in New York. 2006 war sie mit ihrem in Irak gedrehten Dokumentarfilm "My Country, My Country" auf dem Forum der Berlinale vertreten. Der Film über den Alltag in einem zerrissenen Land wurde für den Oscar nominiert. "The Oath" (Schauplätze: Jemen und Guantánamo) ist nun ihr zweiter Film in der als Trilogie geplanten Serie über den Krieg gegen Terror.

Insgesamt zwei Jahre. Die Vorbereitungen waren sehr aufwendig. In Jemen hatte ich ein Haus gemietet und war sechs Monate dort zum Filmen. Man musste Geduld haben. Um Abu Jandal davon zu überzeugen, mitzumachen, musste ich ihn mehrmals treffen.

Haben Sie in Jemen gefährliche Situationen erlebt?

Einen Film über al-Qaida in Jemen zu drehen, kann einen natürlich nervös machen. Obwohl ich mich mit Abu Jandal sicher fühlte, hätte es natürlich passieren können, dass man mich verwechselt oder ich in eine Falle laufe. Ich hatte mit "My Country, My Country" zuvor einen Film über den Krieg im Irak gedreht. Für den Fall, dass ich in Jemen gekidnappt würde, trug ich immer eine Kopie davon bei mir. Um zu zeigen, wie ich arbeite, und um Schlimmeres zu vermeiden.

Abu Jandal ist die sichtbare Hauptfigur Ihres Dokumentarfilms. Warum haben Sie gerade ihn, den früheren Leibwächter Bin Ladens, ausgewählt?

Ich traf ihn schon am zweiten Tag in Jemen. Er ist sehr offen und gewährt Einblicke in eine Welt, von der wir keine Vorstellung haben. Er ist eine sehr charismatische Persönlichkeit. In dem Moment, in dem ich meine Kamera angeschaltet hatte, versuchte er, den Bildschirm zu übernehmen. Über seine Beziehung zu Ussama Bin Laden erfährt man, wie die Organisation funktioniert. Aber es war schwierig, die Balance zu halten: Du willst sein Charisma zeigen, möchtest jedoch, dass ihn das Publikum hinterfragt.

Abu Jandal tritt für einen mehr oder weniger gewaltfreien Dschihad ein - bleibt aber Dschihadi, ein militanter Rassist. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?

Es stimmt: Er ist niemand, der seine Vergangenheit bereuen würde. Er sagt: Ich habe die Organisation verlassen, und es gibt Dinge zu bedauern. Aber er glaubt immer noch an den Dschihad im Sinne von Kampf. Es ist jedoch wichtig zu wissen, wie al-Qaida denkt, man kann sie nicht nur einfach bekämpfen.

Sie waren bei ihm zu Hause, bei seiner Familie. Haben Sie ein Kopftuch getragen?

In Jemen braucht man als Touristin kein Kopftuch zu tragen. Aber ich fand es seiner Familie gegenüber respektvoller und so habe ich meine Haare bedeckt. Verschleiert war ich aber nicht.

Haben Sie mit seiner Frau gesprochen?

Ich habe mit ihr gekocht und mit der Familie Zeit verbracht, aber ich konnte sie nicht filmen.

Abu Jandal wurde vor dem 11. 9., den Anschlägen in den USA, in Jemen verhaftet. Er kritisiert den Massenmord an Zivilisten, verriet nach dem 11. 9. die Al-Qaida-Struktur in Afghanistan. Halten Sie ihn für glaubwürdig?

Ja, definitiv. Er gilt allgemein als wichtigste Quelle zur damaligen Al-Qaida-Struktur. Ohne ihn wüsste man wenig über das innere Funktionieren dieser Organisation. Die Recherchen belegen, dass er glaubwürdig ist.

Bevor Sie Abu Jandal trafen, wussten Sie da etwas über das Al-Qaida-Aussteiger-Programm der Regierung in Jemen: Freiheit und Arbeit gegen Gewaltverzicht?

Nicht wirklich. Aber dieses Dialog-Programm ist tatsächlich etwas, das das Land braucht. Viele, die sich radikalisiert haben, wollen Organisationen wie al-Qaida wieder verlassen. Diese Leute brauchen einen Weg zurück in die Gesellschaft. Das Dialog-Programm ändert nicht die prinzipiellen Überzeugungen der Leute. Aber ihr Verhalten zeigt ihnen neue Möglichkeiten auf. Abu Jandal wird weiterhin genau von der Regierung beobachtet. Aber ich bin sicher: Das Programm war in seinem Fall erfolgreich.

Sind Sie sicher?

Viele junge Männer kommen zu ihm. Er unterrichtet sie. Sie wurden in Moscheen für den Kampf im Irak rekrutiert. Sie sagen, dass Abu Jandal ihnen davon abrät, ihr Leben zu opfern. Sie sollten lieber eine Ausbildung machen. Aus westlicher Perspektive klingt vieles, was er sagt, schockierend. Doch er ist ein Moderater.

Im Film arbeitet Abu Jandal als Taxifahrer in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa. Tut er das nach wie vor?

Er musste sein Taxi verkaufen. Das letzte Mal, als ich ihn sah, war er arbeitslos.

Sie verbinden Abu Jandals Geschichte in Jemen mit Bildern von dem Prozess gegen Salim Hamdan, einen in Guantánamo inhaftierten Fahrer von Ussama Bin Laden. Er ist der unsichtbare zweite Hauptdarsteller des Films. Warum haben Sie die Fälle miteinander verknüpft?

Weil sie es sind. Als Erzählerin bin ich an individuellen Fällen interessiert. Die Geschichte der beiden führt uns zum 11. September, nach Guantánamo und der US-Antwort auf die Anschläge. Zu den Verhören und all diesen Dingen. Jandal hatte Hamdan einst rekrutiert. Nun saß der Mitläufer Hamdan irregulär fast neun Jahre in Guantánamo, während Abu Jandal sich auf freiem Fuß befand. Hamdan wurde zum unsichtbaren Geist. Wir US-Amerikaner sehen diese Leute in Guantánamo in ihren orangen Overalls und nehmen sie nicht als Individuen wahr. Indem ich seine Familie, die Töchter zeige, seine Briefe lesen lasse, mache ich ihn wieder zum Menschen. Der Westen muss verstehen, dass das Menschen sind.

Aber Sie konnten selber nicht mit Hamdan sprechen?

Ich habe es versucht, aber er hat Nein gesagt. Er will mit niemandem reden. Ich respektiere seine Entscheidung. Vielleicht ist sie sogar sehr klug.

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